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16. Juli 2010, 14:02 Uhr

Spähattacke

Spanner-Hacker im Kinderzimmer

Spion im eigenen Heim: Im Rheinland haben Ermittler einen Mann gefasst, der über gekaperte Webcams Mädchen in ihren Kinderzimmern beobachtet haben soll. Es ist nicht der erste derartige Fall - Experten fordern mehr Vorsicht.

Bielefeld/Aachen - Es ist ein echter Eltern-Albtraum. Ein Mann benutzt die Kamera im Computer der eigenen Tochter, um das Kind in seinem eigenen Zimmer zu beobachten. Jederzeit.

Ein Hacker aus dem Rheinland soll genau das getan haben. "Eine Person steht im Verdacht, unerlaubt Computer mit Schadprogrammen ausspioniert und Webcams manipuliert zu haben", sagte am Freitag ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Aachen der Nachrichtenagentur dpa. Er bestätigte damit im Kern einen Bericht des "Westfalenblatts", demzufolge der Mann mehr als 150 Mädchen in ihren Kinderzimmern beobachtet hat. Zur genauen Zahl schwieg der Sprecher.

Die Spähattacke aufgedeckt hat Thomas Floß vom Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands (BvD). Der IT-Berater aus dem westfälischen Versmold hält in Schulen regelmäßig Vorträge, um Kinder und Jugendliche für den Datenschutz zu sensibilisieren. Er präsentierte "dort unter anderem ein Video, das zeigt, wie Kinder heimlich über eine Webcam beobachtet werden", sagte er t-online.de. "Damit will ich zeigen, wie gefährlich Webcams sind. Als ab Februar plötzlich immer mehr Schülerinnen den Verdacht äußerten, dass genau das bei ihnen passiert, wurde ich stutzig."

Unter anderem hätten zwei Mädchen erzählt, dass die Kontrollleuchte an ihren Webcams nicht ausgeht. Ein Kind habe dann einen Rechner zur Verfügung gestellt. Bei der Untersuchung entdeckte der Experte nach eigenen Angaben sogenannte Trojaner, die im Hintergrund die Kontrolle über die Geräte übernehmen. Sie seien über den Chat-Dienst ICQ verbreitet worden.

Der Täter habe das Nutzerkonto eines Gymnasiasten geknackt, das nur mit einem schwachen Passwort geschützt war, sagte Floß. Er habe über Internetforen offenbar noch eine Auswahl getroffen, welchen Mädchen er das Schadprogramm schicken wolle. Den Trojaner habe er dann von der Adresse des Schülers aus als Bildschirmschoner versandt - wer die Datei öffnete, hatte das Programm auf dem Rechner, das dem Mann die Fernsteuerung des Computers und das Spannen per Webcam erlaubte.

"Viele trauten sich nicht, davon zu sprechen"

Über die IP-Adresse des Mannes konnte Floß die Region Aachen als Ausgangspunkt der Attacke ausmachen und erstattete dort bei der Staatsanwaltschaft Anzeige. Als die Polizei den Mann festgenommen habe, seien auf dessen Rechnern viele Live-Videofeeds aus Kinderzimmern gelaufen, schreiben das "Westfalen-Blatt" und Golem.de.

Der Täter habe es vor allem auf Mädchen abgesehen. Jungen seien nur selten betroffen. Von einem Einzelfall geht Floß nicht aus. "Ich habe 50 bis 60 Schulen besucht - jedes Mal hat sich mindestens eine Schülerin gemeldet, bei der solch ein Problem aufgetreten ist", sagt der Experte. "Und viele andere trauten sich nicht, davon zu sprechen."

Floß rät zu Skepsis beim Chatten - und zum Nachfragen per SMS bei unerwarteten Dateiübertragungen von Bekannten. Außerdem solle man darauf achten, "ob der Computer noch angeschaltet ist, während man selbst schon nicht mehr daran sitzt", sagte Floß dem "Westfalen-Blatt". Auch aktuelle Schutzsoftware ist wichtig.

Ein ähnlicher Fall war erst vor wenigen Wochen in den USA aufgedeckt worden. Dort verschaffte sich ein Hacker über Schadsoftware Zugriff auf Webcams und Festplatten einer Vielzahl junger Frauen. Dem Angreifer ging es nicht vornehmlich um Geld, sondern um Nacktbilder und -videos von seinen Opfern. Zunächst setzte er sie der Bundespolizei FBI zufolge mit der Drohung unter Druck, er werde anzügliche Bilder und private Daten veröffentlichen, die er von ihren Computern gestohlen habe - es sei denn, sie schickten ihm noch weitere Nacktbilder. Auch dieser Täter spionierte seine Opfer über deren Webcams auf, auch er verteilte Schadsoftware über gekaperte Instant-Messaging-Accounts.

Unerwünschte Einblicke per Webcam genehmigten sich angeblich auch Mitarbeiter einer Schule im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Schule hatte ihren Schülern Laptops für die Heimarbeit zur Verfügung gestellt - und dabei die Möglichkeit geschaffen, auf die Webcam der Geräte zuzugreifen oder Screenshots von den Computer-Aktivitäten der Schüler zu machen. Einem Schüler wurde vorgeworfen, er habe sich zu Hause "unanständig" verhalten - als Beweis diente einem Zeitungsbericht zufolge ein Foto, das mit der Webcam des 15-Jährigen gemacht worden war. Erboste Eltern klagten gegen die mutmaßlichen Späh-Attacken aus der Schule.

cis/dpa

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