Spam Hey, ich habe Post von mir!

E-Mail ist eine klasse Sache, "Spam" schon weniger. Der virtuelle Müll, der in Form unerwünschter Werbung elektronische Postfächer verstopft, ist und bleibt ein Ärgernis. Besonders "pfiffige" Spammer fanden nun das Rezept, ziemlich jeden Filter zu umgehen: Sie verschicken ihren Mist mit dem Namen des Angeschriebenen als Absender.

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Spammers Lieblingsopfer: Hotmail

Spammers Lieblingsopfer: Hotmail

Was war das Leben langweilig in der vor-digitalen Zeit. Da quollen allenfalls Einladungen zu Kaffeefahrten, Benachrichtigungen über den Gewinn von Rheumadecken und die neuesten Sonderangebote des örtlichen Dönerladens ("Schmeckt echt lecker!") aus dem Briefkasten. Zum Gähnen.

Doch ab 1995 entdeckten auch breitere Bevölkerungsschichten den Reiz der großen, weiten Werbewelt: die E-Mail erreichte unser Leben. Und mit ihr kam der "Spam".

Plötzlich schien die Werbung alles möglich zu machen: Waffenkäufe, Universitäts-Diplome, Verabredungen mit ukrainischen Callgirls, Potenzmittel zum Spartarif, Schnüffelservices für jedermann ("Wollen Sie wissen, was Ihr Nachbar verdient?"). Toll. Bis es quoll. Im Übermaß.

Zwar wuchs ab 1996 der Widerstand gegen den lästigen Werbemüll, zwar mussten selbst skrupellose Massenspammer wie die Anwälte und "Marketingfachleute" Laurence A. Canter und Martha S. Siegel erleben, dass man zwar "Rezepte" für den Massenspam veröffentlichen kann, sich aber anschließend ein neues Büro suchen darf - doch bis zum heutigen Tag ist das Kraut noch nicht gewachsen, das dem Spam wirklich den Garaus gemacht hätte.

Ja, es gibt Filter. Selbst Hotmail, noch immer einer der beliebtesten web-basierten Mail-Services und Daueropfer von Hackern und Massenspammern, bietet inzwischen so einige an, und sie funktionieren sogar. Voller Entzücken stellten Hotmail-User in den letzten Monaten fest, dass sich von den 169 Mails der jeweils letzten Woche 90 Prozent direkt selbst in den Papierkorb entsorgten. Bei Hotmail kann man bestimmte Absenderadressen sperren lassen, aber auch eine Vielzahl von einschlägigen "Topic"-Zeilen. Eigentlich sollte man erwarten, das die Lobby der ukrainischen Callgirls Hotmail wegen Geschäftsschädigung verklagen würde.

Tun sie aber nicht, denn in der Regel sind die Topic-Zeilen so frei erfunden wie die Waren, die verkauft werden sollen - und wie die Absenderadressen. Kein Spammer, der über seine Charakterdefizite hinaus noch ganz richtig im Kopf wäre, käme auf die Idee, sich mit seiner richtigen Adresse zu verewigen. "Spam"-Firmen sind virtuelle Briefkastenfirmen: Sie versuchen den kurzen "Scoop", schnell Kreditkartenzahlungen abzugreifen - und verschwinden nach wenigen Tagen im digitalen Nirwana.

Ach ja, nicht alle haben Bösartigkeiten solcher Art im Sinn. Manche versuchen auch nur, Viren oder Trojaner zu verbreiten, um sich Passwörter zu erschleichen. Andere sollen angeblich wirklich noch immer glauben, auf diesem Wege ihren Kram verkaufen zu können.

Spammers Lieblingsopfer: Hotmail

CAUSE hat sich dem Kampf gegen Spams verschrieben

CAUSE hat sich dem Kampf gegen Spams verschrieben

Seit etwa zwei Monaten setzen Spammer nun - vor allem bei Hotmail, wie könnte es anders sein? - einen "neuen" Trick ein: Die Spammer nutzen als Absenderadresse einfach die Adresse des Adressaten. Prinzipiell ist es einfach, die eigene Identität zu verschleiern. Was im Mail-Programm als Absender erscheint, entscheidet der Versender selbst. Genau dort liegt der Grund, warum "Bill Clinton" einer der Web-aktivsten Menschen im Internet zu sein scheint - in Hackernewsgroups genau wie in Pornogroups. Sowas lässt sich noch als "Humor" verbuchen, wenn man will.

Technologisch neu ist der Trick also nicht, fällt eher in die Kategorie "genial einfach". Da entwickelt jeder Filter digitalen Schluckauf: Wer kommt schon darauf, sich selbst zu blockieren? Ganz davon abgesehen, dass man sich manchmal sogar selbst etwas zuschicken will: Wer hat sich nicht schon einmal eine Datei selbst "geforwarded"? Hotmail gehört zu den weltweit größten Dienstleistern, die externe Festplatten für Menschen anbieten, die ihr Moorhuhn nicht gern löschen wollen.

Und was ist drin, in der Post, die man sich angeblich selbst schickt? Das Übliche: Reiseangebote, Universitätsdiplome...

Hotmail-Management warnt vor Post vom Hotmail-Management

Eine Lösung für das Problem ist trotzdem einfach genug gefunden: man legt einfach einen Filter "gegen sich selbst" an - und lässt die so gekennzeichnete einlaufende Post in einem speziellen Ordner landen. Sortieren kann man später. Noch einfacher dürfte es allerdings sein, auf einen anderen Dienstleister umzusteigen. Bisher ist kein Fall bekannt, in dem ein anderer Dienst als Hotmail von dieser Form des Spam betroffen wäre.

Das allerdings könnte Hotmail Kunden kosten, wie auch die Hoax-Mail, die seit einigen Tagen kursiert. Darin kündigt ein angeblicher Hotmail-Manager den Account und wirft den User hinaus, angeblich, weil Hotmail zu viele Kunden habe. Wegen Überfüllung geschlossen, sozusagen. Eine Lösung gegen diesen Spam hat Hotmail bisher nicht finden können, abgesehen von einer Pressemitteilung: Darin bittet das Hotmail-Management darum, die Mail, die angeblich vom Hotmail-Management kommt, nicht ernst zu nehmen. Bleibt nur eine Gretchenfrage: Welche davon ist nun echt?



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