Spiel "Anno 1701" Sky Du Mont wird Hardcoregamer

Das erfolgreichste deutsche Spiel aller Zeiten, damit wirbt der Spielehersteller Sunflowers gern für seine "Anno"-Reihe. Mit "Anno 1701", ist gerade der dritte und schönste Teil erschienen – und der hat große Ziele. Den Mainstream erobern zum Beispiel.


Ginge es nach dem Werbespot, dann wäre Computerspielen schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen (vielleicht ist es das ja in Wahrheit auch längst). Da nämlich sitzt ein grauhaariger Mann mit Notebook auf dem Sofa, während ihn ein kleines Mädchen fragt: "Wann kommt denn das neue 'Anno'?"

Die Auflösung ist einfach: Der Opa hat es schon und spielt gerade. Eine Werbung also, die ungefähr so aufregend ist wie ein Spot für einen Schonkaffee – und sich einer ähnlichen Optik bedient. Gerade deshalb wird sie die Menschen ansprechen, für die "Anno 1701" gemacht ist: Die Gelegenheitsspieler, die, die sich einmal im Jahr ein Spiel kaufen und damit Wochen verbringen. Den Opa und die Enkelin.

Da kann Sky Du Mont, der den Opa spielt, noch so sehr beteuern, dass er ein Hardcorespieler ist: Das werden ihm vielleicht die Frauen abnehmen, die laut Hersteller Sunflowers einen großen Teil der Spielerschaft stellen. Die richtigen Gamer werden ihm das nicht glauben. Sollen sie auch nicht, denn sie finden das Spiel auch so gut. Fachzeitschriften geben Höchstwertungen, in den Foren jubeln Leute, die sonst Shooter spielen. Auf "Anno" können sich viele einigen, denn "Anno" ist ein Phänomen. Der erste Teil, "Anno 1602", kam schon sehr gut an. Inzwischen sind weltweit knapp 4,5 Millionen Stück der ersten beiden Teile verkauft worden. Für ein deutsches Spiel sind das eigentlich unbekannte Größenordnungen.

Ein Erfolg, den "Anno 1701" wiederholen soll. Denn der Entwickler Sunflowers verkündet Großes: 450.000 Exemplare des Spiels stehen bereits in den Geschäften bereit. Die größte Erstauslieferungsmenge eines Computerspiels in Deutschland sei das, sagt Sunflowers-Geschäftsführer Adi Boiko stolz. Bei einem Entwicklungsbudget von mehr als 10 Millionen Euro muss diese Menge allerdings auch sein. Denn einen Flop kann sich die Firma kaum leisten: Sie setzt auf wenige Marken. Zur Zeit sind es zwei: "Anno" und "Paraworld". Letzteres wurde mit einem ähnlich hohen Budget entwickelt und blieb laut Branchenkennern bislang weit hinter den hohen Erwartungen zurück.

"Meerwasser salzen, Wellen glätten"

"Anno 1701" muss es jetzt richten für Sunflowers. Und wird es aller Voraussicht nach auch tun. Denn eines ist sicher: Es ist ein wunderbares Spiel, eines, in dem man versinken kann, das mit viel Liebe zum Detail gemacht wurde. Eines, bei dem man schon beim Ladebildschirm schmunzeln muss. Denn während im Hintergrund die Welten aufgebaut werden, die die Spieler bald entdecken und besiedeln sollen, erscheinen dort Botschaften wie "Meerwasser salzen", "Wellen glätten" und "Wettervorhersage machen".

Das Spiel redet mit den Spielern, sagt ihnen, was es gerade macht und erzählt ihnen in einem schön gestalteten Einführungskurs, was sie machen sollen: Städte aufbauen, Schiffe bauen, neue Inseln entdecken und vor allem die Bewohner ihrer Welten glücklich machen. Das ist anfangs einfach, da wollen die nämlich nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Doch spätestens wenn Luxusbedürfnisse hinzukommen wächst die Herausforderung: Alkohol muss es sein, Lampenöl oder Parfüm. Gefragt sind dann nicht nur Aufbauer, sondern auch Strategen: Denn mit den Gegnern muss gehandelt werden, manchmal auch gekämpft. Zwischendurch brechen Vulkane aus und Wirbelstürme fegen über die Inseln.

Wenn das Volk unzufrieden ist, brennen die Häuser

Das Schöne an "Anno": Es lässt sich auch friedlich durchspielen. Während andere Strategie-Titel die Spieler irgendwann in den Kampf zwingen, kann das hier umgangen werden, Handel und Diplomatie machen es möglich.

Aufpassen muss man dann nur auf die eigene Bevölkerung: Die kann recht ungemütlich werden. Aufstände wegen zu hoher Steuern, fehlender Alkoholvorräte oder einem Mangel an Süßigkeiten sind keine Seltenheit: Schnell organisieren sich die Siedler in einer spontanen Montagsdemo, holen Schilder raus und bewerfen das Standbild auf dem Marktplatz mit faulem Obst. Wer jetzt als Stadtoberhaupt nicht rechtzeitig reagiert, sieht bald die ersten Häuser brennen. Die werden aber fleißig wieder gelöscht, wenn die Wünsche erfüllt sind.

Das alles sieht so nett und freundlich aus, hat so viele schöne Details, dass man gerne im Spiel verweilt und irgendwann entsetzt feststellt, dass es schon lange nach Mitternacht ist. Es fällt schwer, sich gegen den Charme von "Anno" zu wehren, und man ahnt, dass es jedem so gehen könnte bei diesem Spiel – auch Opa und Enkelin. Willkommen in der Mitte der Gesellschaft!



insgesamt 579 Beiträge
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Seite 1
FjodorM, 19.10.2006
1.
---Zitat von Sysop--- Ist es Zeit, das Bild vom verklemmten Teenie-Zocker zu revidieren? ---Zitatende--- Definitiv.
DJ Doena 19.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- Werden Video- und Computerspieler in Deutschland diskriminiert? ---Zitatende--- Nicht doch! Wir Zocker sind doch eh alles Raubkopierer (nach Ansicht der GVU) oder Amokläufer (nach Ansicht der Politiker).
Just|Me, 19.10.2006
3.
---Zitat von DJ Doena--- Nicht doch! Wir Zocker sind doch eh alles Raubkopierer (nach Ansicht der GVU) oder Amokläufer (nach Ansicht der Politiker). ---Zitatende--- Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können :)
thinktwice, 19.10.2006
4. Ja, ja, mit Blinden über Farben reden...
Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit Amok zu laufen ist nach der Lektüre eines Luhmann-Buches (oder des SPON-Forums) 25 mal so hoch wie nach einer Counterstrike-LAN-Party. :) Allerdings war ich noch nicht auf einer LAN-Party, aber Beckstein ja auch nicht. gruss t2
casneo 19.10.2006
5. Verkannte Geister..
Um meiner Argumentation vorab schon einmal Hand und Fuss zu verschaffen, "oute" ich mich hiermit ersteinmal als "Gamer". Ich spiele seit bestimmt 9 Jahren hobbymaessig & semiprofessionell Computerspiele (online). Ich persoenlich fuehle mich nicht diskriminiert von den Medien, der Gesellschaft, der Politik, meinen Mitmenschen usw.. Was ich aber mit Sicherheit festhalten und bestaetigen moechte ist, dass man "Gamer" zu gegebener, sagen wir auch einmal benoetigter Zeit Medienwirksam instrumentalisiert. Sei es aus dem Grund Kapital zu erwirtschaften, wenn nach den leider vorgekommenen tragischen Ereignissen von Amoklauefern in der nicht allzu fernen Vergangenheit 24 Stunden in Nachrichten ueber "uns" berichtet und hergezogen wurde, oder sei es aus dem Grund einen schuldigen fuer solche Ereignisse zu suchen und einfachheitshalber kein anderer zu greifen war wie z.B. verfehlte Erziehung durch Eltern, Schulen, Gesellschaft usw..Ich moechte aber hier nicht vom Thema abkommen. Das Problem ist, dass die "Gamer" respektive "Zocker" die in die Oeffentlichkeit ruecken leider Gottes dem schon in den Koepfen der Menschen existierenden Klischee vollkommen gerecht werden, wahrscheinlich nicht unbeabsichtigt durch die Medien. Damit meine ich den bleichen (da kein Sonnenlicht bei heruntergelassenen Jalousinen), leicht unterernaehrten (da durch's gamen vergessenen Hunger), ungesunden (da nur Pizzaservice und Cola) und leicht untergebildeten und isolierten (da PC, Console der beste Freund).... Dieses Bild wird durch die Medien einfach gerne mal hergenommen um ueber diese "Computerfreaks" zu berichten und da kommt es natuerlich viel besser einen solchen oben genannten Typen vor die Kamera zu setzen als einen Stinknormalen, wie z.B. mich. Ich bin knappe 30, bin seit 14 Jahren berufstaetig, habe in 5 verschiedenen Laendern gearbeitet, 3 Kontinente, bin erfolgreich, nicht bleich, gebildet, habe Perspektiven, Ziele und erreichbare Visionen und ich denke nicht das ich der einzige bin. Ich moechte auch anmerken, dass nicht jeder, und ich wuerde mich sogar soweit aus dem Fenster lehnen um zu sagen, wenige mehr als 2-3 Stunden taeglich vor dem Pc oder der Console anzutreffen sind. Ob das problematisch ist wage ich zu bezweifeln. Denn ob "wir" vor dem PC oder Fernseher unsere Zeit "unproduktiv" totschlagen bleibt das gleiche. Die meisten gamer sind, um es simple auszuduecken, einfach Technik interessierte Personen und wuerden somit die Natur oder ein Buch nicht zwingend einem Bildschirm vorziehen. Wie gesagt, ist nur mal so eine These die ich in den Raum stellen moechte. Gruesse aus London
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