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26. August 2011, 09:59 Uhr

Spieler verspottet

RTL entschuldigt sich für Gamescom-Beitrag

Sender und Redakteur lenken ein: Nach einem Beitrag über die Spielemesse Gamescom brach eine Flut wütender Reaktionen über RTL herein, viele Gamer fühlten sich von dem tendenziösen Film beleidigt und lächerlich gemacht. Nun gibt es zerknirschte Entschuldigungen.

Hamburg - Ein RTL-Reporter diagnostizierte bei der Kölner Spielemesse einen "Computerspieler-Einheitslook: dunkle Schlabberklamotten, die manchmal etwas streng riechen". Mit Sätzen wie diesem hat ein Beitrag des RTL-Boulevardmagazins "Explosiv" für ziemlich viel Wut unter Gamern gesorgt.

Nach "über 100 Mails" hat sich jetzt der Autor des Filmchens, Tim Kickbusch, öffentlich entschuldigt, (via Facebook - die Entschuldigung können nur angemeldete Nutzer lesen). Die Beschwerden der Zuschauer hätten ihm "gezeigt, dass ich die Wirkung meines Beitrags zur Gamescom ganz falsch eingeschätzt habe. Der sollte lustig werden. Das ist mir gründlich misslungen", schreibt Kickbusch auf seiner Facebook-Seite. "Ich wollte niemanden beleidigen oder verletzen. Dass das jetzt dennoch geschehen ist, tut mir sehr leid."

In dem Beitrag hatte Kickbusch unter anderem eine Messe-Hostess die "Computer-Freaks" in Gruppen wie interessant anzuschauende Fans in Fantasy-Verkleidungen, introvertierte und unrasierte, ungewaschene Süchtige einordnen lassen. Die Kamera musterte sie von oben bis unten. "Echt komische Gestalten" und "Freaks" seien das; dargestellt wurde die Gamercommunity, als bestünde sie fast ausschließlich aus Jungs, die keine Freundin haben, sich selten waschen und die meiste Zeit über debil vor sich hinglotzen. Zur Gamescom kamen insgesamt 275.000 Menschen, männlich wie weiblich, aus unterschiedlichen Altersgruppen - die meisten von ihnen dürften sich in der Darstellung bei RTL kaum wiedererkennen.

Auch in der Sendung "Explosiv", die schon mehr als einmal mit tendenziöser Berichterstattung aufgefallen ist, wurde am Donnerstag eine Entschuldigung ausgestrahlt. "Die Verallgemeinerung und Überzeichnung des Beitrags war ein Fehler", sagte der Moderator. Ein bei Facebook privat veröffentlichter Kommentar des Urhebers sei "ausschließlich dessen private Meinung und in keinster Weise die von RTL". Zu privaten Veröffentlichungen nahm auch Kickbusch Stellung. Die Diskussion auf seiner Facebook-Seite sei "hitzig" gewesen, seine Äußerungen "unüberlegt", schrieb er.

Der Fernsehbeitrag hatte seit der Ausstrahlung in der vergangenen Woche einen Proteststurm mit mehr als 8000 Beschwerden ausgelöst, der Clip wurde als einseitig und die Menschenwürde verletzend kritisiert. Auch die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) prüfe inzwischen, ob RTL mit dem den Fünfminüter vom vergangenen Freitag gegen medienrechtliche Bestimmungen verstoßen habe, sagte NLM-Direktor Andreas Fischer.

Wie sueddeutsche.de berichtet, hatte der Beitrag bereits Folgen für RTL. Die Website des Senders sei am Donnerstag gehackt worden; Besucher hätten teilweise eine Fehlermeldung bekommen und nur das Wort "GAMEZ" auf der Seite gesehen, heißt es in dem Bericht. Obwohl Anonymous offenbar schon am Mittwoch in einem Video zum Boykott von RTL aufrief, hat die Hacktivisten-Gruppe den Angriff auf die Website laut sueddeutsche.de dementiert.

can/dpa

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