Spyware-Ikone Der Mann, dem sie das Geld schenken

Seit dem Dotcom-Crash gilt das Internet bei Unternehmern als gewinnfreie Zone. Ein 26-Jähriger Bochumer verdient dagegen reichlich: Er verschenkt ein Programm zum Schutz gegen Spyware und bekommt dafür Spenden im Wert eines Luxusautos. Monatlich, versteht sich.

Ein Raum, ein Mann, zwei Computer. Dazu Regale voller Schuhkartons voller PC-Bauteile, Kleingeräte in jeder Ecke, Monitore, Drucker, ein Wasserkocher, eine Teekanne, Kabel an gekachelten Wänden. Alles in einer sechs Quadratmeter kleinen Kammer im Haus der Eltern, in einer verschlafenen Straße in einem Bochumer Vorort: Patrick Kollas Welt.

Der 26-Jährige Szenebärtchen-Träger ist so etwas wie ein Quastenflosser des Internets: Er müsste längst ausgestorben sein, es dürfte ihn eigentlich gar nicht geben. Ein Nerd, der mit einem Freeware-Programm  die Großen der Sicherheitssoftware-Branche alt aussehen lässt und damit zu Recht auf dem Weg zu Ruhm und Reichtum ist. Napster-Gründer Shawn Fanning dürfte der Letzte gewesen sein, der das geschafft hat - und das war vor dem fulminanten Platzen der Dotcom-Börsenblase.

Spenden statt Aktiengewinne

Angesichts der Debatte um Datensicherheit und den Schutz der Privatsphäre ist Kollas Erfindung Gold wert: "Spybot Search & Destroy", ein Anti-Spyware-Programm, das Vergleichstests in Serie gewinnt und noch dazu vollkommen kostenlos ist. Es ist ironisch und passend zugleich, dass Kolla sein Geld nicht an der Börse, sondern durch milde Gaben verdient. Spötter würden sagen, beides sei ein- und dasselbe, zumindest was das Schicksal der finanziellen Einsätze betrifft.

Für Kollas "PepiMK Software" aber haben sich Zuwachsraten eingestellt, die an die heißesten Tage des Börsenfiebers erinnern. Seit drei Jahren werkeln Kolla und mehrere ehrenamtliche Helfer am "Spybot", erst seit Mitte vergangenen Jahres akzeptiert er Spenden. Die türmen sich mittlerweile, wie Kolla durchblicken lässt, monatlich zu einem hohen fünfstelligen Euro-Betrag auf.

Was freilich nicht bedeutet, dass das Internet wider Erwarten voller Gutmenschen ist. Lediglich ein Prozent "Spybot"-Benutzer, so schätzt der Informatik-Studienabbrecher, geben eine Spende ab. Allerdings hat sich die Software durch das Gratis-Prinzip und ihren guten Ruf derart verbreitet, dass der geringe Spender-Anteil beeindruckende Summen aufkommen lässt.

"Microsoft ist doch stolz auf Raubkopien"

Kolla zählt derzeit rund 30 Millionen Seitenaufrufe pro Monat, was rund doppelt so viel wäre wie etwa der Online-Auftritt der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Statistiken der großen Download-Anbieter scheinen das zu bestätigen: Allein bei CNet.com wurde "Spybot" seit dem 21. März über 2,3 Millionen Mal abgefragt. Ob er die beste Software anbiete? "Weiß ich nicht", meint Kolla und scheitert mit dem Versuch, ein Grinsen zu unterdrücken. "Die ganzen Preise habe aber zuletzt alle ich gewonnen."

Der 26-Jährige nennt seine Strategie das "Prinzip Microsoft": "Eigentlich ist Bill Gates doch stolz darauf, dass jeder eine Raubkopie von Windows und Word auf seinem Heim-PC hat. Nur dadurch konnte Microsoft zum Monopolisten werden und verdient heute sein Geld mit Großaufträgen aus der Industrie." Mit etwas anderem als dem Freeware-Prinzip, glaubt Kolla, ließe sich auch nicht mehr Geld verdienen. "Bezahlen tut sowieso nur, wer will. Sobald ein kostenpflichtiges Programm auch nur ein wenig verbreitet ist, gibt es im Internet doch sofort an jeder Ecke Cracks und Seriennummern."

Im zweiten Teil: Die Verbreitung der Schnüffelsoftware steigt rasant, und mit ihr das Bedürfnis von Unternehmen, ihre internen Netzwerke sichern zu lassen. Die Branchenriesen der Sicherheitssoftware haben die Entwicklung verschlafen - und müssen jetzt bei den Kleinen auf Shoppingtour gehen. Weiter ...

Kolla ist einer der seltenen Zeitgenossen, denen es vergönnt ist, zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Software zur Stelle zu sein. Der Schutz von Daten und speziell der Privatsphäre ist bereits jetzt eines der wichtigsten Themen rund um das Internet, Tendenz steigend. Nach Erhebungen des US-Softwareunternehmens "Pest Patrol" stieg die Zahl der bekannten Adware-Programme zwischen 2001 und 2002 von vier auf 255, die der Spyware-Quälgeister von 16 auf 263 und die der Keylogger von 191 auf 727.

Im Kampf um die Aufmerksamkeit des potenziellen Kunden greifen Werbetreibende zu immer aggressiveren Methoden. Die Waffen der Wahl sind dabei nicht selten Spy- und Adware, die das Verhalten des potenziellen Kunden ausspionieren und die Ergebnisse per Internet an den Auftraggeber zurückschicken. Die kleinen Programme laufen meist ohne das Wissen des PC-Besitzers und haben sich in den vergangenen Jahren rasant ausgebreitet. Earthlink schätzte jüngst, dass bis zu 50 Prozent aller Internet-User kommerzielle Schnüffel-Programme unterschiedlicher Bösartigkeit auf ihren Rechnern haben.

Sicherheitsrisiko für Unternehmen

In Unternehmen mit großen Netzwerken kann Spyware nicht nur ein Ärgernis, sondern eine echte Gefahr werden. Unter den von Spyware aufgezeichneten und verschickten Internet-Adressen können sich auch firmeninterne Intranet-Seiten befinden, so dass im schlimmsten Fall geheime Informationen nach außen gelangen. Zumindest aber kostet Spyware durch ständigen Datenverkehr und Popup-Einblendungen Arbeitszeit, Bandbreite und damit Geld.

Die Großen der Sicherheitssoftware-Branche haben die Entwicklung verschlafen und damit kleineren Herstellern wie Kolla oder "Ad-Aware"-Erfinder Lavasoft  eine einmalige Chance gegeben. "Wir bereiten derzeit eine Netzwerk-Version für Unternehmen vor", kündigt Kolla an. Zwei Großkonzerne sollen bereits Interesse angemeldet haben. Ihre Namen sind noch geheim, doch würde es sich bei ihnen um Unternehmen mit Jahresumsätzen von knapp 30 und über 50 Milliarden Dollar Umsatz handeln.

"Spybot muss Freeware bleiben"

Zwar gibt es noch keine Bezahl-Version seines "Spybot" für Unternehmen, doch könnte sich das demnächst ändern. Eines der weltgrößten Sicherheitssoftware-Unternehmen hat laut Kolla Interesse am "Spybot" angemeldet. Die Gespräche hätten sich zunächst schwierig gestaltet. "Ich stelle eine klare Bedingung: Spybot muss Freeware bleiben." Ein Kompromiss könne auf ein Modell hinauslaufen, mit dem bereits Firewall-Hersteller Zonelabs oder Internetfilter-Produzent Webwasher Erfolg hatten: Heimanwender bekommen die Software gratis, Firmen müssen zahlen.

Wo Erfolg ist, sind Langfinger nicht fern. Auf seiner Webseite listet Kolla mittlerweile die dreistesten Plagiateure auf, die Teile des "Spybot" als eigene Produkte verkaufen oder, wie jüngst geschehen, gleich das komplette Programm abkupfern und dabei vergessen, den Copyright-Vermerk des ursprünglichen Autors zu entfernen. Auch der Name "Spybot" weckte bereits Begehrlichkeiten. Zwei Spitzbuben, erzählt Kolla, sicherten sich die Domain "Spybot.com" und schickten ihm einen Brief, in dem sie ankündigten, sich das Warenzeichen in den USA sichern zu lassen und ihm, Kolla, den Vertrieb seines Programms in Amerika zu verbieten.

Der Vater arbeitet für den Sohn

Kolla machte die Episode öffentlich. "Das hat für einen Aufschrei in der Szene gesorgt." Da die beiden "Hintermänner" der falschen Spybot-Seite selbst Sicherheitssoftware herstellten, hätten sie schnell eingelenkt, um ihr eigenes Geschäft nicht zu gefährden. "Sie haben eingewilligt, mir das Warenzeichen kostenlos zu übertragen, wenn es registriert ist", schmunzelt Kolla. Die Seite www.spybot.com leitet mittlerweile auf eine Seite über PC-Sicherheitssysteme um, die einen großformatigen Link auf die echte Spybot-Seite enthält.

Was bleibt, ist die Lotto-Frage: "Was machen Sie mit all dem Geld?" Kolla schaut irritiert aus seinem knitterigen T-Shirt. "Ich habe mir eine bescheidene Eigentumswohnung gekauft." 57 Quadratmeter in einem Haus von 1962, als "kleine Verbesserung" gegenüber seiner jetzigen 11-Quadratmeter-Kemenate auf dem Dachboden des Elternhauses. Größer wohnen wolle er erst einmal nicht. "Es gibt schließlich auch Kosten", meint Kolla. Wie zum Beispiel das Web-Hosting, bis dato ein vierstelliger Euro-Betrag im Monat. Oder sein promovierter Vater. "Er arbeitet jetzt auch für mich", grinst Kolla. "Und der ist Doktor, das kostet."

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