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Markus Böhm

Netflix-Serie »Squid Game« Wie mörderische Kinderspiele zum Netzphänomen werden

Markus Böhm
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Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie schon »Squid Game« gesehen? Die Dramaserie aus Südkorea, die Gesellschaftskritik mit Survival-Horror paart, ist auf dem Weg,  zur meistabgerufenen Netflix-Serie überhaupt zu werden. Das hat vielerlei Gründe. Sie reichen von den skurrilen Ideen der Serienmacher und der Popularität des Prinzips »tödliches Spiel« (Stichwort »Die Tribute von Panem«, im Games-Bereich auch »PUBG« und »Fortnite«) über ein gestiegenes Interesse an Inhalten aus Südkorea (Stichwort »Parasite«) bis hin zu Netflix' cleverem Empfehlungssystem.

Ich selbst hatte vor dem Release nie von »Squid Game« gehört. Kurz nach dem Start aber umgarnte mich die Serie auf der Netflix-Startseite mit einem großen Vorschaubild samt Hinweis, sie sei in Deutschland derzeit der meistgesehene Inhalt. Vor allem Letzteres machte mich neugierig, ich packte sie in meine Watchlist.

Mittlerweile bin ich – wie Dutzende Millionen andere Menschen weltweit – mit den neun Folgen durch. Und obwohl ich »Squid Game« sehenswert, aber nicht rundum gelungen fand, trage nun auch ich dazu bei, die Serie noch bekannter zu machen. Einmal durch diesen Artikel, klar. Aber genauso dadurch, dass ich Freunden per Messenger »Squid Game«-GIFs schicke, weil diese aus meiner Sicht den Nerv der Zeit treffen. Oder dadurch, dass ich meine Familie am Wochenende mit einem Ohrwurm von »Rotes Licht, grünes Licht« quälte, einem Lied, das direkt in der ersten Episode vorkommt.

Szene aus »Squid Game«: Die Kostüme bleiben im Gedächtnis

Szene aus »Squid Game«: Die Kostüme bleiben im Gedächtnis

Foto: YOUNGKYU PARK / NETFLIX

Hier offenbart sich der aus meiner Sicht wichtigste Erfolgsfaktor. »Squid Game« hat enormes Meme-Potenzial: optisch, musikalisch, aber auch inhaltlich . Die Serie ist voller Anknüpfungspunkte für Unterhaltungen, Netzwitze, Remixe und Selbstversuche, was ganz sicher kein Zufall ist, sondern die Folge eines zeitgemäßen Mix aus Kreativität und Marketinggeschick.

Mit ikonischen Kostümen und Masken haben es die Macher zum Beispiel geschafft, ihrer Serie im Netz einen hohen Wiedererkennungswert zu garantieren. Ähnliches war auch schon dem Team hinter der spanischen Serie »Haus des Geldes« gelungen. Auch sie wurde sowohl durch die Werbepower von Netflix bekannt als auch durch Masken-Memes und Mundpropaganda.

Weil die Zuschauer die Songs, Bilder und Ideen der Macher weitertragen und weiterentwickeln, ist das Phänomen »Squid Game« längst größer als die Serie selbst. Eindrücklich zeigt sich das am Hauptstück aus dem Soundtrack , das YouTube-Nutzer als »unheimlich eingängig« beschreiben und das in den Coverversionen von Fans nun teils noch verstörender klingt: etwa so .

»Rotes Licht, grünes Licht«: Die Serie dreht sich um Kinderspiele, die in diesem Fall allerdings alles andere als harmlos sind

»Rotes Licht, grünes Licht«: Die Serie dreht sich um Kinderspiele, die in diesem Fall allerdings alles andere als harmlos sind

Foto: NETFLIX

Beim Sprung in die Small Talks und Chatgruppen hilft »Squid Game« zudem, dass sich die Serie um Kinderspiele dreht. Nicht alle davon sind auch in Deutschland verbreitet. Doch bei jedem kann sich der Zuschauer fragen: Hätte ich da eine Chance? Zahlreiche YouTuber und TikToker haben die Spielkonzepte bereits in Form eigener Kurzvideos verarbeitet . Jeder dieser Clips dürfte die Serie für Außenstehende interessanter machen – für Netflix ist das unbezahlte Werbung.

Auch in der Videospielwelt hinterlässt »Squid Game« Spuren, etwa im Online-Imperium von Roblox , wo die Wettbewerbe in Rekordzeit zu interaktiven Multiplayer-Games wurden . Eigentlich seltsam, dass Netflix, das zunehmend tiefer in den Games-Bereich einsteigt , selbst kein Battle-Royale-Handygame zur Serie anbietet.

Vielleicht braucht es das aber auch gar nicht, das Digitale und das Analoge verschwimmen im Hype um »Squid Game« ohnehin. Aktueller Höhepunkt dieser Entwicklung sind Medienberichte dazu, dass manche britischen Schulen Eltern angeblich davor warnen, ihre Kinder die ab 16 Jahren freigegebene Serie schauen zu lassen. Zu groß scheint mancherorts die Sorge, junge Zuschauer könnten die denkbar gefährlichsten Varianten der Kinderspiele nachspielen. Derweil warnt auch die thailändische Polizei  vor der Brutalität der Serie.

Ich kann nur anekdotisch berichten, welche Effekte solche Warnungen zu meiner Schulzeit hatten: Das plötzlich Verbotene wollte man natürlich erst recht sehen. Für »Squid Game« könnte also soeben die nächste Hype-Stufe gezündet worden sein.

Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien

  • »The Big Interview: EA, FIFA and Loot Boxes«  (Englisch, zehn Leseminuten)
    Jahr für Jahr versucht das Fußballspiel »Fifa«, Spieler dazu anzuregen, Geld für virtuelle Kartensets auszugeben. Muss das wirklich sein? Und ist nicht das ganze »Ultimate Team«-System unfair? Um solche Fragen dreht sich dieses »Eurogamer«-Interview mit Chris Bruzzo, einem Vertreter des Herstellers EA.

  • »Das verdienen Reaction-YouTuber mit meinen Videos«  (YouTube-Video, 16:27 Minuten)
    Viele bekannte Streamerinnen und Streamer zeigen ihrem Publikum gern YouTube-Videos Dritter, die sie dann live kommentieren. In diesem Clip zeigt Robin Blase anhand eigener Erfahrungen auf, was dieser Trend hin zu sogenannten Reaction-Videos für Videomacher bedeutet, die die Vorlagen für solche Livekommentare liefern.

  • »1 Billion TikTok Users Understand What Congress Doesn't«  (Englisch, vier Leseminuten)
    Dieser Tage wird in den USA mal wieder über die Regulierung von Facebook debattiert. Bei »The Atlantic« erinnert Evelyn Douek daran, dass die Politik TikTok nicht vergessen sollte, wenn es ihr um den Einfluss von Apps auf junge Menschen geht.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche

Markus Böhm

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