Staatenlose Völker Der virtuelle Nationalismus blüht

Das Internet kennt keine Grenzen - genauso wenig wie die Völker, die über mehrere Staaten verstreut leben. Kurden, Albaner und andere haben den verbindenden Charakter des Netzes erkannt, der virtuelle Nationalismus blüht.

"Das Internet ist eines der wichtigsten Instrumente, um eine nationale Identität auszuprägen", sagt Mike Amitay, Direktor des Washington Kurdish Institute . "Seit Mitte der Neunziger erleben wir eine Renaissance des kurdischen Nationalismus." Im Cyberspace nimmt die Nation zwar nicht Wirklichkeit, aber doch eine gewisse Gestalt an: Ein Volk, verbunden durch Drähte, Websites und E-Mail, getrennt höchstens durch Zeitzonen.

Die Kurden sind besonders aktiv im Web: Der holländische Student Niels Luijer hat eine Liste mit dutzenden von Websites zusammengestellt, vom hochaktuellen Nachrichtenticker Kurdistan Observer  bis hin zum virtuellen Konsulat in San Diego, Kalifornien. Im Gegensatz zu den Flügelkämpfen der wirklichen Welt sei die Online-Aktivität in der Regel "positiv und konstruktiv", sagt Amitay. Die Kurden, traditionell zersplittert in verfeindete politische Grüppchen in vier verschiedenen Staaten, fänden online eher einen gemeinsamen Nenner: "Das Gefühl einer gemeinsamen Identität ist stärker geworden, jenseits von politischen Differenzen".

Das liegt nicht zuletzt daran, dass man im Netz von einer Idealwelt träumen kann und nicht den Beschränkungen der Realität unterliegt. Albanian.com  ist so ein Beispiel. Schon der Name ist Programm: Albaner statt Albanien. Denn "nur von Albanien zu reden, hieße die Hälfte der Albaner auszuschließen". Im Netz lassen sich mit Leichtigkeit die Grenzen verschieben: Das entstandene Groß-Albanien, eine Computergrafik, umfasst alle sieben Millionen Albaner, nicht bloß die 3,3 Millionen der bestehenden Republik.

Der neue Nationalismus schwankt zwischen der Nostalgie, die Emigranten immer schon für ihr verlassenes Heimatland empfanden, und dem Tatendrang, einen eigenen Staat zu gründen. Zeigten früher die ausgewanderten Großeltern ihren Enkeln alte Fotos und erklärten dabei, das ferne Land sei ihre wahre Heimat und dort sei es wunderschön, so bietet Albanian.com heute das digitale Äquivalent in Form einer Landkarte: Klickt man auf die Ortsnamen, öffnen sich Fenster mit eben solchen Fotos und Geschichten.

Seiten wie Albanian.com sind - ähnlich wie Satelliten-Fernsehen - an Menschen gerichtet, die nach Informationen aus der Gegend ihrer Vorfahren und Verwandten hungern. Sie bieten Newsletter, Foren und umfassende Linksammlungen - die Institutionen der Cybernation.

Am meisten fördert das Internet das Nationalgefühl der Verstreuten jedoch durch Kontakte und Solidaraktionen. "Landsleuten" in der Diaspora ermöglicht es, sich in der Heimat zu engagieren - und sei es nur durch die Eröffnung eines neuen Forums, einer Erweiterung der Online-Präsenz. Aus dem Kontakt ergibt sich oft materielle Hilfe: Das Kurdish Academic Network  mit Sitz in Großbritannien beispielsweise schickt Computer, wissenschaftliche Zeitschriften und Bücher an die drei Universitäten im kurdischen Teil Iraks. Doch auch andersrum läuft der Kommunikationsfluss: So gibt es Input aus der Heimatregion für die Websites, die oft im Ausland basiert sind.

Um die Solidarität unter Landsleuten auszunutzen, wurden gleich nach dem Kosovo-Krieg kostenlose Internetzentren in den USA, Deutschland, Frankreich und in den Flüchtlingslagern in Mazedonien und dem Kosovo eingerichtet. Ziel war der "freie Informationsfluss zwischen Kosovaren überall in der Welt", sagt Jean-Philippe Chauzy, Sprecher der verantwortlichen International Organization for Migration  in Genf. Der Hintergedanke: Vereint können sich die Kosovaren selbst helfen.

Daneben existieren handfeste politische Websites mit eindeutigen Namen wie Savetibet.org , die ebenso an die eigenen Leute wie an die westliche Öffentlichkeit gerichtet sind. Im Unabhängigkeitskampf kann das Internet die beste Waffe sein, wie das Beispiel Osttimor zeigt: Jede erdenkliche Internet-Adresse, die die Wörter "East" und "Timor" enthält, ist eine News- oder Support-Seite. Die Unterstützer aus aller Welt haben dem kleinen Land eine Riesenöffentlichkeit beschert - und ganz neue Druckmittel: Kurz nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit Osttimors letzten August konnte ein osttimoresischer Bürgerrechtler damit drohen, eine Armee von Hackern zu mobilisieren, wenn die indonesische Regierung das Abstimmungsergebnis fälschen sollte. Auch Tibet genießt noch mehr Beachtung, seit es Websites gibt. Die meisten sind allerdings im Ausland beheimatet, denn China zensiert Websites. Auch die türkische Regierung erwägt eine Zensur, der wahrscheinlich etliche kurdische Websites zum Opfer fallen würden.

Die meisten Seiten von staatenlosen Völkern sind nicht auf Umsturz aus: Die Betreiber wollen keinen eigenen Staat gründen, sondern Kultur und Sprache vor dem Aussterben bewahren. Die Homepage des Mapuche Inter-Regional Council  etwa will vor allem die Kultur der Mapuche, eines der größten Indianervölker Südamerikas, präsentieren und für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der rund 1,5 Millionen Menschen werben.

Trotz zahlloser Angebote sind die Möglichkeiten des Internet längst nicht ausgeschöpft: Noch ist kein Volk darauf gekommen, eine virtuelle Regierung nach dem Vorbild einer Exilregierung zu wählen - als ersten Schritt auf dem Weg zum eigenen Staat.

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