Stabile Artikel Wikipedia plant Zwei-Klassen-Gesellschaft

Falsche Informationen und Text-Vandalismus kratzen am guten Image der Online-Enzyklopädie Wikipedia. In der Community denkt man schon länger darüber nach, stabile Artikelversionen einzuführen. Jetzt scheint der Zeitpunkt dafür gekommen. Doch der Schritt ist umstritten.

Journalisten sind gemein. Sie interessieren sich in der Regel nicht so sehr dafür, wenn Dinge gut funktionieren. Ob das Mautsystem inzwischen schon seit Monaten klaglos arbeitet, oder ob die englische Wikipedia mittlerweile 1,2 Millionen Artikel umfasst - das ist mitunter nicht mal eine kleine Meldung wert. Journalistisch als interessant gilt eher das Ungewöhnliche, das Abweichende, das Überraschende.

So verwundert es kaum, dass es die wenigen Problemfälle bei Wikipedia sind, auf die sich die Medien stürzen. Beispiel John Seigenthaler. Der renommierte US-Journalist war in der englischsprachigen Wikipedia monatelang fälschlicherweise mit der Ermordung von John F. Kennedy in Zusammenhang gebracht worden. Die Entdeckung der Manipulation sorgte für ein kräftiges Blätterrauschen in der US-Presse. Der jüngste Fall betrifft den Tod des Enron-Managers Kenneth Lay, über dessen Ursache innerhalb weniger Minuten diverse Theorien verbreitet wurden.

Man kann nun darüber spekulieren, dass manches Medium vielleicht sogar mit einer gewissen Schadenfreude über die inhaltlichen Mängel bei Wikipedia berichtet. Schließlich wird die von Tausenden Freiwilligen geschriebene Enzyklopädie durchaus als Konkurrenz für etablierte Medien empfunden - auch weil Wikipedia mit Wikinews schon seit längerem einen Nachrichtenableger besitzt.

Tatsache ist, dass schwerwiegende Fehler am Wikipedia-Image kratzen. Dabei ist klar, dass bei 1,2 Millionen Artikeln in der englischen oder 420.000 in der deutschen Ausgabe niemand für jeden einzelnen Text die Hand ins Feuer dafür legen kann, dass auch jeder einzelne Fakt stimmt.

Abkehr vom Wiki-Konzept?

Das wird man wohl auch in Zukunft nicht können, denn eine systematische Überprüfung aller Texte erscheint kaum vorstellbar. Ein solches Fakten-Checking müsste zudem permanent erfolgen, schließlich können Artikel von jedermann jederzeit verändert werden - das ist ja gerade das Prinzip eines Wiki.

Und das Wiki-Prinzip hat sich als großer Erfolg erwiesen - die Macher können mit der Enzyklopädie sehr zufrieden sein. Selbst den Vergleich mit der renommierten Encyclopaedia Britannica braucht das Mitmachlexikon nicht mehr zu fürchten, wie das Wissenschaftsmagazin "Nature" im Dezember berichtet hatte. Viele Artikel haben ein hohes inhaltliches Niveau, manche sind schon so lang, dass sie eher einer Seminararbeit denn einem Lexikoneintrag gleichen.

Vor diesem Hintergrund wirkt es zunächst überraschend, wenn Wikipedia-Gründer Jimmy Wales jetzt die Einführung stabiler Artikelversionen ankündigt. Ein Text, der als stabil gekennzeichnet ist, wird sich dann nicht mehr ändern lassen - zumindest nicht sofort, selbst wenn er einen Fehler enthält.

Mit stabilen Versionen, so glauben viele in der Wikipedia-Community, lassen sich grobe Fehler und Vandalismus, also das gezielte Einfügen von Falschinformationen oder Unsinn, verhindern.

Die Idee ist jedoch umstritten. Käme sie doch einer Abkehr vom strikten Wiki-Prinzip gleich. Denn eine stabile Version kann nicht gleichzeitig änderbar sein - mancher spricht deshalb auch von einem Paradigmenwechsel.

Das Wort Pardigmenwechsel hört Mathias Schindler, Vorstandsmitglied des Vereins Wikimedia Deutschland, nicht so gern: "Wikipedia ist und bleibt ein Wiki." Eine stabile Version beschneide diese Funktion nicht. Ein Artikel könne weiterhin aktualisiert und überarbeitet werden - nur ändere sich die als stabil gekennzeichnete Version dadurch nicht. Nach einer gewissen Zeit würde dann die veränderbare Artikelversion überprüft und - falls sie ohne offensichtliche Fehler ist - zur neuen stabilen Version erklärt.

Ganz aufgeben will und kann Wikipedia die Mitmach-Funktion in der Tat nicht, denn sie ist es, die das Projekt so schnell so groß gemacht hat. Mehrere Optionen einer Wikipedia mit stabilen Artikeln sind dabei denkbar.

Weiter in Teil 2: Gibt es Wikipedia künftig in zwei Versionen?

So könnte es künftig zwei verschiedene Wikipedia-Ausgaben geben: Eine, die nur aus stabilen, tendenziell älteren Artikeln besteht, und eine aktuelle, in der - wie bisher auch - jederzeit Texte verändert werden können. Beim Start der Wikipedia könnten Surfer automatisch auf die stabile Version geleitet werden - nur registrierte User bekommen die "echte" Wikipedia zu sehen, an der sofort in Texte eingegriffen werden kann.

Genausogut könnten Surfer beim Aufrufen eines Wikipedia-Artikels vor die Entscheidung gestellt werden, ob sie die stabile oder die neuere Variante zu Gesicht bekommen wollen. Per Knopfdruck könnte man schnell zur jeweils anderen Version wechseln.

Das klingt zunächst einmal ganz gut. Doch schnell taucht die Frage auf, wer denn eigentlich darüber entscheiden soll, ob ein Artikel offensichtlich frei von groben Fehlern und von Vandalismus ist und deshalb als stabil einzustufen ist. Dies könnte ein ausgewählter Kreis übernehmen - etwa die Administratoren. Es gäbe dann bei Wikipedia eine Zwei-Klassengesellschaft: die der normalen Artikelschreiber und jene der Administratoren, die über die Einstufung "stabil" entscheiden.

Zwar gibt es Administratoren heute auch schon, und sie sperren bereits seit längerem von wiederholtem Vandalismus betroffene Artikel für ein paar Tage, bis sich die Autoren-Gemüter beruhigt haben. Eine Entscheidung aber über die Fehlerfreiheit eines Artikels macht einen Administrator, oder wie auch immer man ihn nennt, zu einer Art Lektor. So etwas kannte man bisher nur aus klassischen Lexikonverlagen - nicht aber aus der Wikipedia.

Hier kommen dann womöglich das vielgelobte Web 2.0 (Wikis) und eine eigentlich in der Community eher verpönte hierarchische Entscheidungsstruktur zusammen - mal schauen, ob's gut funktioniert.

Vandalismus könnte schwerer auffindbar sein

Die Neuerung soll konsequent angewandt werden: "Grundsätzlich muss es von jedem Artikel eine stabile Version geben können", erklärt Wikimedia-Vorstand Schindler. Es werde dabei sicherlich einen großen Haufen unproblematischer Artikel, aber auch "eine Handvoll nerviger und zeitraubender Sonderfälle" geben.

Schindler ist zwar eher ein Verfechter stabiler Versionen, sieht jedoch auch gewisse Risiken. So könnte es zu einem Problem werden, wenn die meisten Surfer nur noch eine statische Wikipedia zu Gesicht bekommen und das Überarbeiten nur noch im kleinen Kreis stattfindet. "Wenn wir potentiell von Vandalismus betroffene Versionen verstecken, haben wir womöglich weniger Chancen, diese zu finden."

In der Tat verschwinden Fehler derzeit oft binnen weniger Minuten, weil sie Besuchern der Seite sofort auffallen. Der Fehler lässt sich schnell beheben - ein echter Vorteil. Auch sollte man die Motivation der Autoren nicht vergessen: Natürlich ist es schöner, wenn eigene Verbesserungen von Artikeln binnen weniger Minuten online sind als erst nach einigen Wochen oder Monaten, wenn der jeweilige Artikel gerade eine neue stabile Version verpasst bekommt.

Die technische Umsetzung stabiler Artikel scheint bereits festzustehen. "Es wird vermutlich auf ein Flag hinauslaufen", sagt Schindler, also einer zusätzliche Kennzeichnung einer bestimmten Artikelversion. Derzeit sei so etwas aber noch nicht in die Wiki-Software integriert. Wann es losgehen soll mit der neuen Wikipedia - darüber hüllt sich Schindler in Schweigen. Nur so viel: "Es spricht sehr viel dafür, mit der deutschsprachigen Ausgabe anzufangen."

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