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Patrick Beuth

Starlink, Optimus, Twitter Elon Musk – mal mit Flammenwerfer, mal mit Luftpumpe

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth
Der Boss von SpaceX und Tesla will dem iranischen Volk sein Satelliteninternet zur Verfügung stellen. Wird er damit zum Rächer der Unterdrückten, der sein kommerzielles Produkt auf eigene Faust zum Politikum macht?

Liebe Leserin, lieber Leser,

so gern ich Elon Musk wegen seiner extrem irritierenden Art zu kommunizieren ignorieren würde – ich kann nicht.

Vor einigen Tagen etwa hat er dem Iran-Experten Karim Sadjadpour etwas Bemerkenswertes gesagt : »Starlink ist jetzt in Iran aktiviert. Es setzt die Verwendung von Terminals (Antennen, die aussehen wie Satellitenschüsseln – Anm. des Autors) im Land voraus, was die Regierung vermutlich nicht unterstützen wird. Aber wenn irgendjemand Terminals ins Land bekommt, werden sie funktionieren.«

Der Boss von SpaceX und Tesla deutete damit an, die Proteste der mutigen Frauen und Männer in Iran unterstützen zu wollen, konkret mit seinem Satelliteninternet. Infrastruktur also, um die wiederholte Abschaltung der iranischen Mobilfunknetze auszumanövrieren. Dazu bräuchte es lediglich noch die Hilfe von Schmugglern und/oder US-Geheimdiensten, um die nötige Hardware unbemerkt ins Land zu schaffen.

Im Prinzip mag er dafür sogar den Segen der US-Regierung haben. Die hatte am Freitag eine »allgemeine Lizenz« ausgegeben, »um die Internetfreiheit und den freien Fluss von Informationen für das iranische Volk voranzutreiben« und sie dazu mit »besserem Zugang zu digitaler Kommunikation auszustatten, um die Zensur der iranischen Regierung zu kontern«, wie US-Außenminister Antony Blinken twitterte . Sprich: die Sanktionen gegen Iran sollten gezielt aufgeweicht werden, um US-Kommunikationstechnik ins Land bringen zu können. Schon kurz darauf antwortete Musk auf Twitter mit einem knappen »Aktiviere Starlink«.

Elon Musk: »Aktiviere Starlink«

Elon Musk: »Aktiviere Starlink«

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Hannibal Hanschke / REUTERS

Bemerkenswert ist das nicht, weil der Vorstoß von Ankündigungsgroßmeister Musk so wahnsinnig hilfreich ist. Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass Starlink keine praktikable Antwort auf erneute Abschaltungen der Mobilfunknetze wäre, wie Martin Holland bei »heise online« gut zusammengefasst hat : Die Terminals müssten nicht nur an den Behörden vorbei ins Land gelangen, sondern auch heimlich installiert und getarnt werden, um die Besitzer und Nutzer nicht zu gefährden. Bodenstationen, die es ebenfalls bräuchte, gibt es zudem in der ganzen Region offenbar nicht. Das iranische Regime hat nach der Ankündigung offenbar trotzdem erst einmal die Starlink-Website gesperrt.

Aber die Selbstverständlichkeit, mit der Musk sein kommerzielles Produkt zu einem schlagkräftigen politischen Instrument erklärt, ist beachtlich. Nach dem militärischen Einsatz von Starlink in der Ukraine  ist es das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass die eigentlich für Privatkunden gedachte Technik umdefiniert wird, vom Hersteller(chef) selbst.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Technische Hilfe für das ukrainische wie das iranische Volk ist zweifellos richtig und wichtig.

Teslas Roboter: Ob der nächste Prototyp wirklich so aussieht, werden wir wohl am Freitag sehen

Teslas Roboter: Ob der nächste Prototyp wirklich so aussieht, werden wir wohl am Freitag sehen

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TESLA INC / via REUTERS

Es ist nur faszinierend zu sehen, wie sich Musk – selektiv – als Retter der Unterdrückten inszeniert. Wo zieht er eigentlich die Grenze für sein Engagement? Und wo ist der Plan, auch die Bevölkerung von Kasachstan oder im Sudan mit Satelliteninternet auszurüsten, falls die dortigen Regierungen mal wieder beschließen, die Netze abzuknipsen? Da, wo auch die Idee gelandet ist, Twitter zu kaufen?

Elon Musk wird wohl immer wirken, als hätte er entweder einen Flammenwerfer  oder eine Luftpumpe in der Hand.

Mal sehen, welche Seite am kommenden Freitag sichtbar wird. Dann findet in Palo Alto der »A.I. Day« von Tesla statt. Laut Reuters  wird Musk dann einen Prototyp des humanoiden Roboters Optimus zeigen. Im vergangenen Jahr, bei der ersten Ankündigung des Projekts, tanzte nur ein Mann im Roboterkostüm über die Bühne.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Restwoche,

Patrick Beuth

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