Start von IPv6 Mittwoch wird das Internet umgestellt

Platz da: Unternehmen in aller Welt führen am Mittwoch den neuen Internetstandard IPv6 ein. Die Umstellung der IP-Adressen ist nötig, damit mehr Geräte ans Netz angeschlossen werden können. Zunächst sollen Verbraucher von der Umstellung nichts mitbekommen.
Netzkabel (Symbolbild): IP-Adressen bekommen 128 Stellen

Netzkabel (Symbolbild): IP-Adressen bekommen 128 Stellen

Foto: dapd

Damit der Kühlschrank künftig weiß, was in seinem Bauch alles friert, könnten bald alle Produkte mit einem Funkchip ausgestattet werden - und sich ins Internet einklinken. Die Technik für solche Spielereien ist vorhanden, sie muss nur in einem entscheidenden Punkt angepasst werden: Es braucht mehr verfügbare Internetadressen.

Denn die Entwickler der Internet-Standards hatten zunächst nicht damit gerechnet, dass eine Person gleich Dutzende Geräte sein Eigen nennt, die über das Internet miteinander kommunizieren können. Die 4,3 Milliarden möglichen Adressen sind alle verteilt. Also muss das Adress-System schleunigst umgestellt werden - so in etwa wie die Postleitzahlen, die nach der Wende eine Ziffer mehr bekamen. Der neue Standard nennt sich Internet Protocol Version 6 (IPv6), die Adressen haben dann 128 statt 32 Bit - und am Mittwoch geht es los.

Zum internationalen "IPv6-Launch-Tag" wollen mehr als 1400 Unternehmen ihre Web-Angebote auf den neuen Adressen-Standard IPv6 umstellen, teilt der Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco) mit. Die Umstellung soll so geschehen, dass diese sowohl mit dem neuen als auch mit dem alten Standard IPv4 erreichbar sind.

Datenschutz trotz eindeutiger Adressen

Der Einführung gingen mehrere erfolgreiche Testläufe voraus. Bisher sind die Netzleitungen zu den Endkunden allerdings erst zu einem kleinen Bruchteil auf IPv6 umgestellt. Daher beträgt der Anteil des mit IPv6 abgewickelten Datenverkehrs bislang nur knapp ein Prozent. Die Deutsche Telekom will nach jetziger Planung zum Jahresende ihren ersten Endkunden IPv6 bereitstellen.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, hat einen sorgfältigen Umgang mit dem neuen Standard gefordert. "Die nach dem neuen Internetprotokoll IPv6 vergebenen Internetadressen haben das Potential, zu Autokennzeichen für jeden Internetnutzer zu werden und zwar unabhängig davon, wie viele Geräte der Einzelne im Internet verwendet", erklärte Schaar am Dienstag in Berlin.

Um die technisch mögliche eindeutige Identifizierung jedes Internet-Teilnehmers zu verhindern und weiterhin eine anonyme Nutzung zu ermöglichen, können sogenannte Privacy Extensions in IPv6 genutzt werden. Dabei wird ein Teil der neuen IP-Adresse gewissermaßen ausgewürfelt. Die großen Provider in Deutschland haben ihren Kunden einen entsprechenden Schutz bereits versprochen. Bei Geräten wie Android-Smartphones sind die Datenschutz-Optionen allerdings standardmäßig nicht aktiviert.

Schaar erinnerte an die Empfehlungen des Deutschen IPv6-Rats , wonach es auch künftig keine persönliche Identifizierung aufgrund der IP-Adresse geben soll. "Die Datenschutzbehörden in aller Welt werden darauf achten, dass die entsprechenden Anforderungen in der Praxis beachtet werden", kündigte Schaar an. Der IPv6-Rat ist ein Forum der Internet-Wirtschaft mit Vertretern aus Wissenschaft und Verwaltung.

Lesen Sie hier Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was ist eine IP-Adresse?

Internet-Protokoll-Adressen (IP-Adressen) sind 32-stellige Zahlencodes. Sie stecken als eindeutige Adresse unter anderem hinter den Adressen der Websites, die sich aus Wörtern und einer Endungen wie .de oder .com zusammensetzen und die sich so leichter merken lassen. Ruft ein Nutzer eine Internetseite über die Adresszeile des Internetbrowsers auf, fragt dieser beim sogenannten Nameserver - einer Art Web-Telefonbuch - nach der dazugehörigen IP-Adresse und ruft die Seite auf. Zudem hat jedes mit dem Internet verbundene Gerät eine IP-Adresse, egal ob Laptop, Smartphone oder Firmenserver.

Warum kommen die neuen Regeln für den Datenverkehr?

Der bisherige Standard IPv4 ermöglicht es, 4,3 Milliarden IP-Adressen zu generieren. Der Bedarf jedoch steigt stetig: Nicht nur gibt es immer mehr Internetseiten, auch die Zahl der internetfähigen Geräte steigt: Zu Computern gesellen sich etwa Smartphones sowie Fernseher und bald vielleicht auch Autos, Kühlschränke oder Hundehalsbänder. Um genügend Adressen zur Verfügung zu haben, wurde mit IPv6 ein neues Format entwickelt.

IPv4 und IPv6: Was ist der Unterschied?

Die IP-Adressen nach dem alten Standard bestehen aus 32 Ziffern. Beim IPv6-Format besteht jede Internetadresse aus 128 Stellen. Dadurch sind 340 Sextillionen Adressen möglich - als Zahl:

340.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000

Dann müssen laut Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco) IP-Adressen auch nicht mehr mehrfach verwendet werden, wie es derzeit der Fall ist. Das biete dem Verbraucher neue Möglichkeiten, er könnte beispielsweise von unterwegs per Smartphone seine Heizung anwählen und einstellen, da jeder Heizkörper seine feste Adresse haben könnte.

Was passiert am Tag der Umstellung?

Die großen Internetfirmen schreiten voran, in Deutschland beteiligen sich 1400 IT-Unternehmen. Sie stellen am Mittwoch um 2.01 Uhr auf den neuen Standard um. IPv4 und IPv6 werden allerdings noch mehrere Jahre parallel laufen: Die Nameserver geben dann bei Anfragen sowohl die alte wie auch die neue IP-Adresse aus. Mit der Zeit sollen auch kleinere Firmen und Anbieter folgen und schrittweise den neuen Standard einführen.

Was bedeutet die Umstellung für die Internetnutzer?

IPv4 und IPv6 sind nicht miteinander kompatibel. Private Nutzer sollten trotzdem kaum Probleme bekommen. Moderne Betriebssysteme unterstützen das neue Format bereits. In seltenen Fällen könnte es dazu kommen, dass Verbindungen etwas langsamer sind - in vielen Fällen soll das Internet allerdings deutlich schneller werden. Um Störungen zu entgehen, reicht es oft aus, ein aktuelles Betriebssystem zu verwenden. Manchmal müsse laut deutschem IPv6-Rat  auch eine Einstellung im Router für den Internetzugang verändert oder dessen Software aktualisiert werden.

Was bedeutet die Umstellung für den Datenschutz?

Mit dem neuen IPv6-Standard könnte jeder Internetnutzer für jedes einzelne seiner Geräte eine eindeutige Adresse erhalten. Das hat technisch gesehen viele Vorteile, doch sind einzelne Nutzer damit auch viel leichter zu identifizieren. Abhilfe schaffen soll ein eigenes System: Die sogenannte Privacy Extension verschlüsselt die zweite Hälfte der IP-Adresse, so dass sie nicht mehr zum jeweiligen User führt. Der Bundesbeauftragte für Datenschutz fordert, die Internetanbieter müssten ihren Kunden Aufklärung und Unterstützung anbieten, damit diese ihre Privatsphäre ausreichend schützen können.

ore/AFP/dpa
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