Startup miomi Magische Momente im globalen Dorf

100 Millionen Dollar erhielten drei Studenten als Starthilfe für ihr Projekt miomi, eine Community, in der Nutzer ihre Erlebnisse entlang einer Zeitleiste aufschreiben. SPIEGEL ONLINE sprach mit den Gründern.
Von Karolin Schaps

"Du bist die erste, die unsere neuen Visitenkarten sehen darf", sagt Thomas Whitfield, 25, Mitbegründer der Website miomi . Stolz legt er eine kleine graue Karte in Form eines Laptop-Computers auf den Tisch. "miomi – it’s about time", steht da, der Slogan der Website, die Whitfield momentan mit seinem Team kreiert. Als ich Thomas vor gut drei Monaten zum ersten Mal traf, hieß "miomi" noch "design the time". Die Idee ist aber dieselbe geblieben: Zeit in Form von durch die User zu befüllenden Momenten im Internet anzubieten, zugänglich gemacht über eine Zeitleiste.

"Die Idee war ganz simpel. Wir haben uns überlegt, dass es einfach unglaublich interessant zu wissen wäre, was anderen Menschen in eben dem Moment geschieht, in dem wir etwas erleben", erzählt Karlheinz Toni, genannt "Charly", ebenfalls 25 und Mitbegründer der Website, "und zwar weltweit. Haben sie sich auch verliebt? Haben sie etwas Trauriges erlebt? Ein Abenteuer?"

Anfang des Jahres gewann das Team mit der Präsentation des Konzeptes einen Entrepreneur-Wettbewerb an der University of Oxford. Die Jury-Mitglieder waren so begeistert, dass sie dem Start-up Zugriff auf 100 Millionen Dollar zur Verwirklichung des Projektes gewährten. "It totally blew us off our socks", sollen die Vertreter der Bright Station Ventures, die das Geld zur Verfügung stellen, gesagt haben - "es haute uns total um". Nach wenigen Wochen verzeichnete die Website bereits 100.000 Vor-Registrierungen - noch bevor irgendein Moment virtuell geteilt werden konnte.

Seitdem hat sich alles verändert für Thomas, Charly und ihren Kollegen Richard Schreiber: 14-Stunden-Tage, das Studium rückte in den Hintergrund, London als neues Zuhause. Eine 30 Mann starke Truppe - Designer, Journalisten, Webmaster - arbeitet nun an der Website, um die Idee der geteilten Momente in die Realität umzusetzen.

Community-Netzwerk für Schreibfreudige

Die Kernidee von miomi ist der "Sozialcharakter", wie die Gründer das nennen. Ähnlich wie auf MySpace oder Facebook können Nutzer sich registrieren, ein Profil anlegen, sich gegenseitig als "Freunde" einladen; vor allem aber können sie eigene Erlebnisse auf einer als Veröffentlichungsplattform genutzten Zeitleiste mit anderen teilen und deren Beiträge kommentieren. "Das Soziale an miomi ist, dass man schauen kann, was andere Leute erlebt haben, so wie im echten Leben auch", erklärt Charly. "Wer hat ähnliche Sachen wie ich erfahren, was prägt Charakter und Persönlichkeit?"

Die Zeitleiste der Momente funktioniert über ein Zoom-System, ähnlich wie bei Google Maps, erklärt Charly. Je näher man heranzoome, desto kleiner der dargestellte Zeitraum. "Dann kommt man von Monaten auf Wochen und Tage und trifft vielleicht auf jemanden, der ähnliche Erfahrungen zur gleichen Zeit gemacht hat." Eine Zeitreise per Mausklick, sozusagen.

Doch das ist nicht alles. Zwar sei der Community-Aspekt Kernidee der Website, doch für Thomas ist miomi mehr: Der Dienst sei nicht nur ein weiteres virtuelles Sozialnetzwerk, sondern eine regelrechte "Revolution im Onlinejournalismus", tönt er.

"Leute können von überall her eigene Artikel zu verschiedenen Geschehnissen veröffentlichen. Wenn irgendwo ein Unfall passiert, können Betroffene ihre Meinung aussprechen. Jemand, der bei den Londoner Terroranschlägen einen qualmenden U-Bahn-Schacht gefilmt hat, kann seine Erkenntnisse über die Website teilen."

Wird miomi trivial oder tiefsinnig, Hit oder Flopp? Erfolg ist kein Automatismus. Ob und womit miomi Erfolg haben wird, hängt davon ab, was seine Nutzer für Qualität halten.

Was ist Qualität?

Ihre Eindrücke zu Geschehnissen können User indes auch über Community-basierte Newsdienste, Blogs oder über Wiki-News kundtun. Solche Dienste versuchen seit geraumer Zeit, Netz-Nutzer als allgegenwärtige Vor-Ort-Korrespondenten zu etablieren.

An diesem Punkt scheint miomi deutlich weniger einmalig zu sein, als seine Gründer es darstellen. Trotzdem hat die fortlaufende Fütterung der Zeitleiste mit subjektiven Erlebnissen ihren Reiz. Miomi verspricht in erster Linie, zu einer Art kollektivem, weltweiten Tagebuch zu werden - mit einem Themenspektrum, das von Twitter-hafter Trivialität bis zu von "Bürger-Journalisten" dokumentierten Ereignissen reicht.

Thomas Whitfield: "Bei uns kann man Wissen abrufen, das man sonst nicht im Web konservieren würde. Meine Oma beispielsweise ist 83 Jahre alt und hat so vieles erlebt. Das sind Erinnerungen, die einfach verloren gehen, wenn sie stirbt. Wir wollen solche biographischen Momente in einem Tagebuch für die Welt festhalten."

Informationsflut bändigen

Nicht, dass es solche subjektiven Erinnerungen im Web nicht schon gäbe. Whitfield und Co. wollen den vorhandenen Informationsüberfluss indes bündeln - und zwar "viel effektiver, als wenn man Stichworte in Google eingibt".

Die Freiheit, bei miomi alles Mögliche veröffentlichen zu dürfen, bedeutet aber auch eine Herausforderung. Nicht nur unerwünschte Werbung oder von Interessengruppen manipulierte Informationen müssen erkannt werden, auch der Inhalt der Zeitleiste muss irgendwie verwaltet werden.

Neben Moderatoren und Programmen zum Erkennen von unerwünschten Inhalten sollen auch die miomi-Nutzer selbst dazu beitragen: Sie bewerten die Veröffentlichungen anderer in Hinblick auf deren Relevanz.

Zweifelhafte "Schwarm-Intelligenz"

Dabei setzt miomi auf einen Misch-Ansatz, der die qualitative Bewertung durch die Leser (per Mausklick auf Love/Hate-Buttons) mit quantitativen Faktoren wie der Zahl der Seitenaufrufe kombiniert. Ein typischer "Schwarm-Intelligenz"-Ansatz, bei dem man wird abwarten müssen, wie er sich entwickelt.

Wie Qualität definiert wird, hängt bei solchen Ansätzen am Ende immer von der Zusammensetzung der Nutzerschaft ab. Letztlich ist das ein Glücksspiel, wie ein Blick auf diverse Videoportale beweist: Während bei manchen durchaus Beiträge mit cineastischem oder Nachrichtenwert die Charts dominieren, ist bei vielen anderen der "Boay, ey Alter, wat hab ich gelacht!"-Faktor oberstes Qualitätskriterium.

Es kommt also darauf an, mit den richtigen Signalen die richtige Userschaft für das Angebot zu interessieren. Die Beta-Version von miomi soll in den nächsten Wochen online gehen. Registrierte Benutzer können dann die ersten magischen Momente hochladen, die ersten Angebote der Website nutzen. Das fertige Produkt wird im Herbst veröffentlicht.

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