Stockfotos und Memes Für 80 Euro zur weltweiten Witzfigur

Wer als Model für Stockfotos posiert, bekommt wenig Geld, aber manchmal unerwartete Aufmerksamkeit. Der "distracted boyfriend" wurde ebenso zum unfreiwilligen Internethit wie ein gequält lächelnder Rentner aus Ungarn.
Eines der berühmtesten Bilder von Andras Arato zeigt ihn am Computer

Eines der berühmtesten Bilder von Andras Arato zeigt ihn am Computer

Foto: StockLite / Shutterstock

Etwas gezwungen lächelt der ältere Mann in die Kamera und blickt dabei von seinem Laptop hoch. Vielleicht hat er gerade einen gemeinen Kommentar über sich im Internet entdeckt. Als "Hide the Pain Harold"  - also Harold, der seinen Schmerz versteckt - wurde er mit Bildern wie diesem zum Meme. Tausende Internet-Nutzerinnen und -Nutzer spekulierten in teils fiesen Witzen darüber, was sich hinter seinem gequält wirkenden Lächeln verbergen könnte.

"Hide The Pain Harold" heißt in Wirklichkeit Andras Arato. Der 75-jährige Elektrotechniker aus Ungarn wurde zufällig von einem Fotografen entdeckt. Das Motiv am Laptop ist nicht das einzige Bild von Arato. Er posierte für Dutzende Fotos als Arzt und Patient, Geschäfts- und Ehemann. Er ist ein Model für Stockfotos.

Für sein erstes Shooting bekam Arato ein Standardhonorar von 80 Euro am Tag. Damit gehörte er noch zu den Besserverdienern der Branche. "Die Models stehen am Ende der Nahrungskette", sagt Dittmar Frohmann, Geschäftsführer der Stockfoto-Plattform Photocase, dem SPIEGEL.

Wenn sich die Fotografen nicht gleich selbst ablichten, arbeiten ihre Models häufig im Tausch gegen ein Porträt für die Sedcard oder als Freundschaftsdienst. "In der Stockfotografie arbeiten fast nur unbezahlte Models", sagt er, "und selbst bezahlte Models kriegen fast nichts." Die Models werden einmalig bezahlt. Entwickelt sich ein Motiv zum Hit, kommt bei ihnen davon in der Regel nichts an.

Ob die Fotos später auf dem Titel einer Gratiszeitschrift oder unter einer bissigen Satire landen, weiß beim Shooting niemand. "Soweit ich weiß, war es für den Fotografen ein gutes Geschäft", sagt der Internetstar Arato über die ungeahnte Popularität seiner Stockfotos, "wobei für die Memes natürlich niemand die Lizenz bezahlt hat."

Auf Onlineplattformen wie iStock, Adobe Stock oder Shutterstock gibt es zum Pauschalpreis Millionen vorkonfektionierter und nach Stichworten sortierter Motive. Medien, Werbeagenturen oder auch Webdesigner bedienen sich gern. Die Nebenwirkungen kamen unerwartet. Aratos leicht schräges Lächeln wurde nicht nur bei Stockfoto-Kunden beliebt, sondern auch in Foren wie Reddit. "Einige der Seiten mit meinem Profilbild hatten riesige Follower-Zahlen", erinnert sich der Rentner im Gespräch mit dem SPIEGEL, "aber ich hatte natürlich keinen Einfluss auf ihren Inhalt."

Ein Stockfoto für jede Situation

Während sich Influencer mit zumindest vermeintlicher Authentizität schmücken, leben Stockfotos von überzeichneten Klischees. Gerade das macht die Vorratsfotografie so verlockend für Memes. Eine Textzeile reicht, um das Bild in einen neuen, absurden Kontext zu setzen. Von den Models gibt es genug Bildmaterial, um eine Kunstfigur wie Harold zu erschaffen.

Laut Frohmann lohnt sich Microstock-Fotografie aufgrund der niedrigen Preise vor allem in Ländern mit geringen Lebenshaltungskosten. "Einige der besten jungen Fotografen kommen aus Spanien", sagt er. "Während der Finanzkrise haben dort viele mit dem Fotografieren angefangen." Die zur gleichen Zeit aufkommenden Mikrostock-Anbieter ermöglichten ihnen plötzlich den Zugang zu einer weltweiten Kundschaft.

Es ist also kein reiner Zufall, dass eines der bekanntesten Stockfoto-Memes seinen Ursprung in Spanien hat. Der "distracted boyfriend"  - der abgelenkte Freund - zeigte einen jungen Mann, der im Beisein seiner Partnerin einer anderen Frau hinterherschaut. Wie schon bei Arato machte das Internet die unfreiwillig witzige Szene zum viralen Phänomen.

Antonio Guillem arbeitet weiterhin als Mikrostock-Fotograf - in sozialen Medien ist er seit diesem Foto aber nicht mehr aktiv

Antonio Guillem arbeitet weiterhin als Mikrostock-Fotograf - in sozialen Medien ist er seit diesem Foto aber nicht mehr aktiv

Foto: Antonio Guillem / Shutterstock

Dessen Schöpfer Antonio Guillem versuchte erfolglos gegen die unkontrollierte Nutzung seiner Arbeit vorzugehen. Auf seiner Website  bat er um Rücksicht auf die Privatsphäre seiner Models. Die meist anonymen Nutzerinnen und Nutzer von Twitter und Reddit hielt dieser Appell nicht davon ab, den untreuen Freund weiterzuverbreiten.

Das führte dazu, dass eines seiner Models ihre Social-Media-Profile löschen musste, als ihr echter Name bekannt wurde. Während sich Guillem und seine Models aus der Öffentlichkeit zurückzogen, nahm Arato seine Rolle an. "Die ersten paar Jahre weigerte ich mich", sagt er, "aber ich hatte keine andere Wahl." Als Harold lässt er sich mittlerweile für Musikvideos, Werbespots und Vorträge buchen . Sein Gesicht warb schon für Otto und Coca-Cola. Während Stockfotos dazu gedacht sind, möglichst beliebig zu sein, wurde Aratos Gesicht berühmt - und zu einem Geschäft für das Model selbst.

Hinter den Klischees stecken echte Menschen

Andras Arato gelang es ein Stück weit, die Kontrolle über sein Lächeln zurückzuerobern. Er sieht weniger gemeine Witze über die Kunstfigur Harold, seit sein echter Name bekannt ist. "Es ist wichtig, dass die Leute verstehen, dass hinter den Memes echte Menschen stecken", sagt Arato. Und ein bisschen hat er sich auch an die Bekanntheit gewöhnt. "Es ist aufregend, auf der ganzen Welt Leute zu treffen, die dein Gesicht erkennen."

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