Stoiber im Netz @munds Welt

Auch Edmund Stoiber hat jetzt eine eigene Seite im Netz. Doch politischen Tiefgang hat sie nicht. Die Personality-Show geht vor.
Von Holger Kulick

Berlin - Sticheleien erhalten die Feindschaft. In diesem Sinne war der Ort für Edmund Stoibers ganz "persönlichen Internetauftritt" am Mittwochmorgen wohl gewählt. Der Kandidat nebst Ehefrau Karin starteten www.stoiber.de  nicht etwa in der CDU-Zentrale, sondern einer Sushi-Internetbar in einem Haus, in dem auch eine SPD-Internetagentur residiert. Zugleich liegt das Gebäude direkt in Wurfweite zur Kampa, der Wahlkampfzentrale der SPD.

Darüber hinaus besonders einfallsreich wirke Stoibers Internetauftritt jedoch nicht, kommentierte unter den Premierengästen nicht nur Juri Maier, ein "SPD-Betriebsspion", der sogleich testete, dass das Angebot "zwar technisch gut läuft", aber "nur mit wenig marginalen Feed-back-Elementen kaum politischen Dialog herstellt".

Denn eher bieder und oberflächlich wirkt, was sich bislang unter stoiber.de findet. Das Schwergewicht der Stoiber-Homepage soll freilich auch nicht auf Debatte und Tagespolitik liegen, sondern auf menschelnder Kandidatenwerbung - im Kontrast zur staatstragenden Site Gerhard Schröders unter www.bundeskanzler.de . Zahlreiche Archivfotos aus Stoibers Karriere und Privatleben sollen "den Menschen hinter dem Politiker nahe bringen", heißt es in einer begleitenden Presseerklärung. Diese Bilder stünden den Medien - so wurde gleich zu Beginn von Stoibers Wahlkampfmanager Michael Spreng verkündet - "kostenlos zum Downloaden" bereit.

Werbeauftritt als "Privatmann und Staatsmann"

Seine politischen Anliegen würden ohnehin schon genügend "durch die Medien transportiert", begründete Stoiber seinen Webauftritt, aber viele Bürger würden auch wissen wollen, was für ein Mensch er denn sei. Als "Privatmann, Staatsmann und Kanzlerkandidat" soll ihn nun die Internetgemeinde schätzen lernen, zum Beispiel beim Nachlesen seines politischen Werdegangs: "Großen Eindruck machte auf Edmund Stoiber auch die wortgewaltige Rede von Franz Josef Strauß 1952 in der Debatte um die Deutsche Wiederbewaffnung", wird über Stoibers politische Sozialisation berichtet.

Um Leser zu beeindrucken, wird sogar aufgezählt, wie viele Verdienste Stoiber bereits in Form von Orden errang, "darunter 1984 der Bayerische Verdienstorden und 1999 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und Schulterband, im Jahr 2000 das Mittelkreuz mit dem Stern des Verdienstordens der Republik Ungarn und das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande der Republik Österreich". Erfolge und auch Niederlagen seien auf seiner Site nachlesbar, versprach Stoiber, konkret mussten sich die Journalisten solche Vorkommnisse aber erst erfragen. So habe er in der siebten Klasse ausgerechnet in Bayern mit einer Sechs in Latein seine Versetzung verbockt, und als Mathecrack, der er werden wollte, in der Abiturprüfung ein entscheidendes Plus mit Minus verwechselt.

Auch zwei Jahre Arbeit für seine Doktorarbeit während der Studentenunruhen sei mit großer Frustration verbunden gewesen. Denn alle Mühen, den "Hausfriedensbruch im Lichte der aktuellen Themen" am Beispiel von politischen Teach-ins aufrührerischer Studenten zu beleuchten, seien von seinem Prüfer zunächst als "fast unbrauchbar" in Augenschein genommen worden.

Solche Details sind in Stoibers Netzangebot aber rar, nur die Latein-Sechs findet Erwähnung. Ansonsten wirkt der Inhalt wohlkontrolliert und feingeschliffen, wie für einen Hochglanzwerbeprospekt. In ständiger Abstimmung mit Spreng und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel sei die Seite entstanden, berichteten die eigentlichen Homepage-Macher von M.E.C.H., einer Agentur der deutschen McCann-Erickson-Gruppe in Berlin, die seit Sommer 2001 die Wahlkampfkampagne der CDU führt.

"Persönliche" Website?

Ganz so "persönlich" wie angepriesen ist die Stoiber-Seite also keineswegs, und dem Kanzlerkandidaten musste bei der Präsentation auch zeitweilig die Hand auf der Maus geführt werden, weil das Internet augenscheinlich nicht das gebräuchlichste Medium der 60-Jährigen ist. Dafür bleibe ihm "viel zu wenig Zeit", bekannte Stoiber, und zu Hause sei der Homecomputer ohnehin durch seinen Sohn blockiert.

Nun aber blätterte der Kanzlerkandidat begeistert durch sein neues elektronisches Fotoalbum und ließ beim Betrachten der Bilder vergnügt "Das gibt's ja nicht", "Ja, mein Gott noch mal", "Sehr gut" und "Ich bin fasziniert" verlauten. Er sehe das alles schließlich auch zum erste Mal, bekundete Stoiber und stöhnte über "eher zu viel Information" im Textangebot über sich selbst.

Dann verschwand er in seinem BMW am Sitz der sozialdemokratischen Kampa vorbei, die sich von heute an nicht unbedingt vor der Stoiber-Site fürchten muss, mehr aber von der Pfiffigkeit von Stoibers Internetmachern. Die haben der SPD mit einer anderen Seite die Schau gestohlen. So wies die SPD-Pressestelle am Mittwoch Journalisten nochmals auf einer ihrer neuen Internetauftritte unter www.spd-regierungsprogramm.de  hin. Wer aber flüchtig nur www.regierungsprogramm.de  eingibt, landet im Programm von CDU und CSU.

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