Streit der Lexika Die Britannica keilt zurück

Dass es "Nature" wagte, die altehrwürdige Encyclopaedia Britannica mit dem Web-Lexikon Wikipedia zu vergleichen, fanden diese schon empörend genug. Dass das Web-Lexikon aber fast so gut sein sollte wie die Mutter aller Lexika, schlug dem Fass den Boden aus: Jetzt kontert die Britannica mit einem eigenen Vergleich.


Zwischen den Herausgebern der renommierten Fachzeitschrift "Nature" und des legendären Lexikons Encyclopaedia Britannica ist ein Streit über Genauigkeit und wissenschaftliche Standards entbrannt. Der Verlag Britannica wies in dieser Woche einen von "Nature" angestellten Vergleich der ehrwürdigen Encyclopaedia mit dem Internet-Lexikon Wikipedia empört zurück und warf der Fachzeitschrift schwere methodische Fehler vor.

Weltweit verbreitet und außerordentlich populär: Die Wikipedia wird für klassische Lexika zur wirtschaftlichen bedrohung
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Weltweit verbreitet und außerordentlich populär: Die Wikipedia wird für klassische Lexika zur wirtschaftlichen bedrohung

Dabei geht es natürlich um mehr als nur um verletzte Eitelkeiten. Die Britannica, die erstmals vor 237 Jahren erschien, gilt als Mutter aller umfassenden Lexika. Wie alle Projekte dieser Art geriet sie in schweres Wasser, als Mitte der Neunziger CD-ROM-basierte Lexika für kleine Preise auf den Markt kamen. Das ehemalige Prestigeobjekt, das man sich gern auch einfach ins Regal stellte, leidet seitdem am Wertverfall: Die aktuelle Ausgabe ist zurzeit wieder einmal zum Schnäppchenpreis von "nur noch" 995 Dollar zu haben. Der reguläre Verkaufspreis für die 32 Bände liegt bei 1653 Dollar.

Die Britannica 2006-Software (deutsch regulär 99,95 Euro) konkurriert derweil mit der weit bekannteren Microsoft Encarta (59,99 Euro) und setzt auch hier bereits auf Sonderangebote: Im "Frühjahrs-Sonderverkauf" verlangt der Verlag nur noch 24 US-Dollar für die englische Ausgabe. Im Web macht die Wikipedia beiden nicht nur Konkurrenz, sondern ist in ihrer Beliebtheit und Nutzung längst an allen kommerziellen, professionellen Lexika vorbei gezogen. Das von ehrenamtlichen Autoren nach dem Prinzip "jeder darf mitschreiben" verfasste virtuelle Nachschlagewerk gehört zu den populärsten Webseiten der Welt.

Gegen die Begeisterung der Ehrenamtlichen, denen die Sympathie des Publikums sicher ist, fährt die Britannica das Argument ihrer Qualität auf. Stolz verweist sie darauf, dass sogar Nobelpreis-Gewinner zu ihren Autoren gehören. Das Argument gesicherter Qualität ist das Einzige, was den großen Lexika-Projekten mittelfristig das Überleben gegen kostenlose oder extrem kostengünstige Konkurrenz sichern kann. Dass die Wikipedia nun damit begonnen hat, auch CD-ROMs und Bücher zu verkaufen, gar in einer gedruckten Gesamtausgabe erscheinen soll, erhöht den Druck noch einmal.

Und dann kam auch noch "Nature".

Das renommierte wissenschaftliche Fachblatt hatte im Dezember in seiner Online-Ausgabe eine Untersuchung veröffentlicht, der zufolge sich die Wikipedia-Einträge zu naturwissenschaftlichen Themen durchaus mit den Lexikon-Artikeln der Encyclopaedia Britannica messen könnten. Zu diesem Schluss kam "Nature" beim Vergleich von Informationen der beiden Nachschlagewerke zu 42 Stichwörtern. Diese Untersuchung bezeichnete Britannica in ihrer jetzt veröffentlichten 20-seitigen Stellungnahme als "so fehlerbeladen, dass sie keinerlei Wert hat".

Das Fazit der Britannica-Studie lässt sich in einen einzigen Satz gießen: "Folgt man dem Zahlenmaterial (der "Nature"-Studie), war die Britannica weit akkurater als die Wikipedia; die Zeitschrift stellte schlicht ihre eigenen Resultate falsch dar."

Dabei ging es "Nature" wohl kaum darum, ein professionelles Nachschlagewerk zu diskreditieren: Mit der Studie wollten die Verfasser vielmehr die Ehre von Wikipedia retten, nachdem das Internet-Nachschlagewerk Ende vergangenen Jahres wegen mehrerer Fehler in Bedrängnis geraten war. Solche Fehler seien die Ausnahme, schlussfolgerte "Nature" nach dem Vergleich mit der Encyclopaedia Britannica.

Für letztere war das Ergebnis dennoch nicht unbedingt schmeichelhaft: Die "Nature"-Experten schrieben nämlich, dass Wikipedia-Einträge durchschnittlich vier Fehler oder Auslassungen enthielten, die Artikel in der Encyclopedia Britannica aber immer noch drei.

pat/AP



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