Streit über Zwanziger-Kommentar Wie Blogger den DFB bloßstellten

Der Deutsche Fußball-Bund kämpft mit Bloggern: Weil DFB-Präsident Zwanziger sich von einem Sportjournalisten verunglimpft fühlte, bemühte sein Verband die Gerichte - und brachte Netz-Szene und Journalistenverbände gegen sich auf. Ein Lehrstück über neue Öffentlichkeiten.

Im Internet gibt es für die Scharfmacher in Online-Diskussionen einen schönen Begriff: Trolle. Die Beiträge von Trollen provozieren dank polarisierender Formulierung und Darstellung eine Flut wütender Reaktionen und Kommentare. Definiert man Trolltum über diese Art von Reaktionen, hat es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in nur vier Monaten mit ein paar Pressemitteilungen und Interviews zum Ober-Troll der deutschen Blogosphäre gebracht.

Die Kommunikation des DFB in den vergangenen Monaten war extrem ungeschickt: Es begann mit zwei Wörtern in einem Blog - und endete mit öffentlichen Protestnoten dreier Journalistenverbände gegen den Fußball-Bund.

Der DFB kämpfte monatelang mit dem bloggenden Sportjournalisten Jens Weinreich: vor Gericht, per Pressemitteilung, in Interviews. Nun ist die Sache beigelegt - und der Fußball-Bund blamiert.

Weinreich (der als freier Autor auch fürs Sport-Ressort von SPIEGEL ONLINE schreibt) hatte vor vier Monaten DFB-Chef Theo Zwanziger in einem Kommentar  im Blog Direkter-freistoss.de als "unglaublichen Demagogen" bezeichnet. Es ging um die zentrale Vermarktung von TV-Rechten (Original-Posting siehe Kasten unten).

Kein Zweifel: Der Vergleich ist ruppig. Für Zwanziger muss es eine Kriegserklärung gewesen sein. Ein Anwalt schickte in seinem Auftrag dem Journalisten  eine Verpflichtungserklärung zur Unterlassung dieser Äußerung. Doch Weinreich unterzeichnete nicht. Daraufhin beantragte der DFB eine einstweilige Verfügung - doch das Berliner Landgericht und auch das Kammergericht lehnten den Erlass ab.

Dann veröffentlichte der DFB eine Pressemitteilung . Davon, dass man juristisch keinen Erfolg gehabt hatte, stand darin nichts. Dafür aber folgendes:

  • Weinreichs Kommentar sei der Beginn einer "Kampagne gegen Dr. Theo Zwanziger".
  • Bei dieser "Kampagne" habe Weinreich den "DFB-Präsidenten ohne Anlass als 'unglaublichen Demagogen' diffamiert".
  • DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach verkündet, hier habe "ein Journalist unseriös und einseitig kommentiert."
  • Vizepräsident Rainer Koch definierte den Begriff "Demagoge" als "Volksverhetzer, der sich einer strafbaren Handlung schuldig macht. Eine Volksverhetzung begeht, wer zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder die Menschenwürde dadurch angreift, dass er andere beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet."

Diese Pressemitteilung hat durchaus Qualitäten eines Troll-Kommentars in einem Onlineforum:

  • Ein paar wesentliche Fakten tauchen nicht auf (die vorläufigen Entscheidungen der Berliner Gerichte)
  • strittige Interpretationen werden als Tatsachen dargestellt (wie ein Lexikon den Begriff "Demagoge" definiert, kann man bei SPIEGEL WISSEN nachlesen )
  • umstrittene Tatsachen werden einseitig interpretiert (ob der Begriff "Demagoge" ohne Anlass fiel, darüber kann man streiten)

Die Reaktion deutscher Blogger fiel dementsprechend aus: Mehr als hundert Blogeinträge zum Thema "Zwanziger" und "Weinreich"  erschienen in den vergangenen 30 Tagen. Beispiele:

  • "DFB bolzt gegen kritischen Sportjournalisten"
  • "Das ist wohl eindeutig Abseits"
  • "20iger & DFB vs Meinungsfreiheit"

Nach der Veröffentlichung der Pressemitteilung schwoll die Debatte in deutschen Blogs über das Thema richtig an (siehe Statistik der Blogsuchmaschine Technorati unten). Und das, obwohl der DFB darin auch erklärte, man werde keine weiteren juristischen Schritte gegen Weinreich unternehmen.

Am 22. Oktober kommentierte Medienjournalist Stefan Niggemeier in seinem Blog , es gehe hier um Meinungsfreiheit. Der erste Presseartikel zum Thema stand in der " Financial Times Deutschland " vom 13. November.

Eine knappe Woche später appellierten auch der Deutsche Journalisten-Verband  und der Verband Deutscher Sportjournalisten an den DFB, die Schärfe aus der Auseinandersetzung zu nehmen. Schon einen Tag zuvor hatte die European Federation of Journalists  dem DFB eine "beunruhigende" "Kampagne" gegen Weinreich vorgeworfen.

Die Eskalationskurve in diesem Fall - erst die Blogs, dann die Presse, dann die Verbände - ist ein Beispiel für die Chancen von Bloggern, Öffentlichkeit zu schaffen.

Der DFB hat die Auseinandersetzung zuerst online verloren. Wie unbeholfen die Öffentlichkeitsarbeit der Verbands da wirkt, illustrieren einige Zitate der Beteiligten (siehe Kasten unten).

Für Zwanziger ist der juristische Teil der Auseinandersetzung beendet. Dem SPIEGEL sagte er, er sei falsch, hier von einer Niederlage des DFB zu sprechen: "Schließlich war es nicht das Hauptsacheverfahren. In einer einstweiligen Verfügung wird der Sachverhalt nicht umfassend gewürdigt, der Anlass nicht sauber herausgearbeitet." Ein Hauptsacheverfahren will er nun aber nicht mehr anstreben.

Fehler sieht Zwanziger offenbar nicht bei sich oder der DFB-Öffentlichkeitsarbeit. Auf die Frage, warum in der Pressemitteilung zum Fall die Gerichtsentscheidungen unterschlagen wurden, antwortete Zwanziger dem SPIEGEL:

"Herr Weinreich macht ja auch alles öffentlich. Er hat in den Blogs die vermeintlichen Siege groß gefeiert. Es wird immer von Pressefreiheit geredet, aber gilt für den DFB keine Meinungsfreiheit? Die Presseerklärung hat Herrn Weinreichs Angriffe deutlich zurückgewiesen. Warum ist er jetzt so empfindlich?"

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