Streit um Internet-Pläne Rupert Murdoch attackiert die BBC

Was sich BBC-Chef Mark Thompson  wünscht, kommt einer Revolution gleich: Die vermeintlich behäbige "alte Tante" will sich zur Jugendmarke mausern - in Konkurrenz zu TV-Sendern, aber auch Web-Community-Angeboten wie MySpace. Empörte Proteste der Konkurrenz ließen nicht lange auf sich warten.

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Was in Deutschland die Aushandlung der Medienstaatsverträge und die damit verbundene Festsetzung des GEZ-Gebührenrahmens ist, ist in Großbritannien die Aushandlung der sogenannten TV Licence für die BBC. Die wird wie eine Steuer erhoben und an das öffentlich-rechtliche Sendernetz unter Auflagen durchgereicht - denn wie in Deutschland ARD und ZDF ist auch die BBC an einen öffentlichen Auftrag gebunden.

Rupert Murdoch: Der zum Online-Fan gemauserte Medien-Tycoon ist gegen den BBC-Ausbau
AP

Rupert Murdoch: Der zum Online-Fan gemauserte Medien-Tycoon ist gegen den BBC-Ausbau

Ob sie den erfüllt und wo und in welchem Maße sie ihn zum Schaden kommerzieller Konkurrenten verletzt, war in den letzten Monaten Gegenstand einer hitzigen Debatte. Vor allem an den ehrgeizigen Online-Plänen der vermeintlichen "alten Tante" reiben sich die Konkurrenten, denn online geht in der britischen Welt schon seit langem kein Weg an der BBC vorbei. Doch BBC-Chef Mark Thompson hat noch ehrgeizigere Pläne in der Tasche.

Bereits Anfang April sickerte durch, dass die öffentlich-rechtliche BBC plane, ihre internationalen Angebote zu kommerzialisieren. Der Sender führt die Diskussion über diese Frage völlig öffentlich, lässt sich die Pläne nun gar per Meinungsumfrage von der eigenen Web-Leserschaft absegnen. Während die BBC sich im Inland über die TV Licence finanziert und keine zusätzlichen Gebühren erheben oder Werbung auf Webseiten schalten darf, ist ihr das bei ihren internationalen Spin-offs durchaus möglich. Dabei geht es um weit mehr, als nur um einen "Nebenverdienst": BBC-Chef Mark Thompson sieht das Web im Zentrum einer medialen Revolution.

Schon jetzt ist das Internet in Großbritannien für Jugendliche das Medium Nummer eins, seine Jahr um Jahr steigende Nutzung geht nicht zuletzt zu Lasten des Fernsehkonsums. Und zwar insbesondere zu Lasten der BBC-Angebote: Über 60 Prozent der Jungen zwischen 16 und 24 Jahre, fanden die Marktforscher des Senders heraus, sehen weniger als drei Stunden BBC pro Woche. Rund 25 Prozent schalten die öffentlich-rechtlichen Kanäle gar nicht mehr an.

Zugleich entstehen mit Breitbandnetzen und dazu passenden Aufzeichnungsgeräten Strukturen, die das Ende des klassischen "Programms" einleuten: Dass der TV-Konsument der Zukunft seine Inhalte vornehmlich "on demand" beziehen wird, gilt inzwischen als ausgemachte Sache.

Vorsorge vor dem medialen "Schock"

Da will Thompson an vorderster Front dabei sein - und er weiß, dass es nicht reicht, das Web einfach als zusätzliche Vertriebsstruktur für die gleichen Inhalte wie bisher zu nutzen. Also setzte er die Strategen der BBC auf die Aufgabe, die reichweitenstärkste Webseite Europas weiter aufzubohren - zu einem Online-Medienangebot, das von TV-Sendern über Musikdownloadseiten bis zu MySpace allen "kultigen" Angeboten Konkurrenz machen soll. Die BBC brauche, so Thompson, eine neue, eigene "Jugendmarke" und spezialisierte Breitbandportale zu Musik- und Sportthemen.

Denn Thompson sieht einen "Schock kommen", was die Nutzung von Medien durch jüngere Zielgruppen angeht. Die seien nicht mehr nur an Informationen und Entertainment klassischen Zuschnitts interessiert, sondern auch an On-demand-Angeboten, Film- und Musikdownloads und ganz viel Interaktivität auf allen nur denkbaren medialen Kanälen.

Ergo gelte es nun, im Namen der BBC auf allen Kanälen vom Fernsehen bis zum Handy zu funken - und Inhalte zu schaffen, die fit sind für die neuen Mediennutzungs-Vorlieben, inklusive Medienangeboten, die die einstigen Zuschauer künftig als Macher einbeziehen. In ihren regionalen Strukturen macht das die BBC seit längerem erfolgreich vor, indem sie ihre Web-Portale zu einer Art "Bürgerfunk"-Plattform für Zuschauervideos macht.

Das alles sei, glaubt Thompson, nötig, um das erfolgreiche Überleben der BBC zu gewährleisten. Und stellt ganz nebenbei so keck formulierte Claims wie diesen in den Raum: Als Teil des Ausbaus der BBC-eigenen Musikangebote auf allen Vertriebswegen solle die BBC versuchen, "zur wichtigsten Anlaufstelle für Bands ohne Plattenvertrag" zu werden.

Aufgeblasen, aggressiv, kommerziell?

Aus Perspektive  der Unternehmen, die sich so plötzlich als BBC-Konkurrenten wiederfinden, ist das Wildern in fremden Gefilden. Eine "aggressive Landnahme", wie der "Guardian" spitz formulierte.

Ein nachvollziehbarer Schluss: Die Rolle der "wichtigsten Anlaufstelle für Bands ohne Plattenvertrag" spielte einst MP3.com, kurzzeitig Garageband.com und heute wohl MySpace.com. Das aber gehört einem dann gleich zweifachen Konkurrenten der BBC, dem die Expansionspläne des öffentlich-rechtlichen Sendenetzwerkes seit langem ein Dorn im Auge sind: Rupert Murdoch, Chef von News Corp.

Der schickte prompt seinen Sprecher mit einer naheliegenden Frage vor: "Warum sollten öffentliche Gelder dafür ausgegeben werden, um eine Konkurrenz zu einem erfolgreichen kommerziellen Unternehmen wie MySpace zu schaffen?" Die BBC verfolge offensichtlich "kommerzielle Interessen, die die Entwicklung kommerzieller digitaler Medien schädigen werden". Mit ihrem Mega-Budget von drei Milliarden Pfund im Jahr (4,3 Milliarden Euro) baue die BBC an einem "digitalen Imperium".

"On-demand changes everything. The BBC should no longer think of itself as a broadcaster of TV and radio and some new media on the side."
Mark Thompson, Generaldirektor BBC

Die TV-Konkurrenz aus Großbritannien nahm den Ball umgehend auf. "Wir erwarten", hieß es bei ITV, größter kommerzieller Konkurrent der BBC, "dass alle neuen sowie jede Ausweitung existierender BBC-Unternehmungen gründlich dahingehend überprüft wird, ob sie für die Öffentlichkeit einen Wert besitzt." Das schließe alle mobilen und Online-Pläne ein.

Die Kritik an Thompsons "Creative Future Strategy", die man zum Teil auch als Antwort auf Bestrebungen sehen kann, die TV Licence ab April 2007 zu senken statt - wie von der BBC gefordert - zu erhöhen, zieht sich auch durch die gesamte britische Presse.

Natürlich wettert die "Sun" - Teil des Murdoch-Imperiums - gegen die "aufgeblasene" BBC, die nicht nur MySpace (= Murdoch) Konkurrenz machen wolle, sondern auch Pay-TV-Netzwerken wie Sky TV (ebenfalls Murdoch).

Dass sich der traditionell so sehr dem Prinzip der Qualität verpflichtete Sender nun so um die jugendliche Zielgruppe bemühen wolle, brandmarkt die "Daily Mail" als "Verblödung, um junge Zuschauer zu gewinnen". Derweil parke die BBC "ihre Panzer im Vorgarten der Konkurrenz" - zitiert die BBC. Auch "Times"-Kolumnist Dan Sabbagh bedauert, wie "besessen von der jugendlichen Zielgruppe" die BBC-Mächtigen seien.

Bei der BBC sieht man das anders. Wenn die Medienkonsumenten ihre Inhalte in anderer Form und auf anderen Wegen erwarteten, führte Marc Thompson bei der Vorstellung der neuen Zukunftsstrategie aus, dann sollte die BBC ihre Dienste für die Öffentlichkeit auf jede Weise zu erfüllen suchen, die den Konsumenten sinnvoll erscheine. Zumindest in diesem Punkt wäre er sich wohl mit den meisten seiner Konkurrenten völlig einig - nur erwartet da jeder eine andere Antwort des Publikums.

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