Strg-Alt-Entf Drei Finger gegen Bill

Der vielleicht wichtigste Programmierer der PC-Geschichte hängt die Tastatur an den Nagel. Nach über 25 Berufsjahren bei IBM ist David J. Bradley, der Erfinder des "Steuerung-Alt-Entfernen"-Befehls, in Rente gegangen - und lehrt jetzt an einer US-Universität.

David J. Bradley hat Legionen von Computern vor dem plötzlichen Zerstörungstod bewahrt. Denn wenn gar nichts mehr geht und der Aggressionspegel des Besitzers steigt und steigt - mit "Steuerung-Alt-Entfernen" ist der Windows-PC erst einmal aus dem gröbsten raus.

"Ich mag sie erfunden haben, doch Bill hat sie berühmt gemacht", flachste der IBM-Entwickler einmal bei einer gemeinsamen Podiumsdiskussion mit dem Microsoft-Boss. Worüber der angeblich nicht so recht lachen wollte. "Wir hatten gar nicht die Absicht, den Leuten von diesem Drei-Finger-Griff zu erzählen", sagt David J. Bradley heute. "Aber dann stellte sich heraus, dass dieser Reset ein Problemlöser sowohl für die Programmierer als auch für die Verfasser der Handbücher war."

Der Griff ging um die Welt. Und der Mann, der ihn binnen weniger Minuten quasi als Notbehelf schuf, war fortan eine Ikone der Computer-Szene - auch wenn die Öffentlichkeit vor den Toren der großen Technologie-Schmieden kaum Notiz von ihm nahm. Doch das ist dem bescheidenen Amerikaner ziemlich egal. Er konzentriert sich - "das war schon immer so" - lieber auf das Wesentliche.

Ein Griff geht um die Welt

Etwa das Schaffen von Techniken, die die Welt eben doch braucht: Im Sommer 1980 hatte IBM ein zwölfköpfiges Team mit der Entwicklung eines Personal-Computers beauftragt. Offiziell hieß das Projekt "Chess". "Aber intern wurde das Team nur 'Dirty Dozen' genannt", erinnert sich Bradley schmunzelnd. Das Pflichtenheft des Projekts verlangte einen einfachen Weg, um den Computer im Fall einer Fehlfunktion neu starten zu können. Und so hatte er daraufhin mal so nebenbei die berühmteste Tastenkombination der Computergeschichte erfunden.

Der IBM PC, Inbegriff heutiger Homecomputer, schwebte zu der damaligen Zeit noch in anderen Regionen. Die Marktmacht Microsoft war in weiter Ferne, und Bill Gates hatte in seiner Garagenfirma allenfalls ein Fenster zum Hof, aber kein Windows. Home Computer waren in der Gründerzeit der PC-Bewegung noch etwas für die besser Betuchten - 1983 musste man etwa 6000 DM für ein gutes IBM-Stück berappen. Was die wenigsten wissen: IBM hatte den PC vor allem als Konkurrenz zum Apple II gedacht.

Aus Sicht von "Big Blue" ('Branchenjargon für IBM) sollte es allerdings eher eine Spielkonsole mit Joystick werden, und so beauftragten sie die Entwickler, mit wenig Aufwand "mal eben schnell etwas zusammen zu stoppeln, das Apple-like mit billigen Steckkarten versehen war". Ein großes Konzept hatten die bedauernswerten PC-Entwickler um David J. Bradley also nicht, schon gar keine Zeit oder eine ausreichende Erprobungsphase - sie bauten einfach das ein, was gerade im Labor so herumlag.

Abgerutscht auf Rang drei

Was schleppend begann, wurde bald zur Lawine. 1987 vermeldete IBM die erste Million verkaufter PCs. Heute bergen 97 Prozent aller Desktop-Rechner die vom US-Konzern aus Armonk im Bundesstaat New York entwickelte PC-Architektur in sich. "Wir hatten keine Ahnung, dass unsere Entwicklung die Welt verändern würde. Wir wollten den Menschen ein neues Produkt auf den Schreibtisch stellen, mit dem sie schneller und einfacher arbeiten konnten."

Das Unternehmen vermochte seinen Nacht- und Nebel-Coup jedoch nicht in eine Alleinherrschaft umzumünzen: Da die notwendigen Bauteile nicht von IBM selbst konzipiert waren, fing die Konkurrenz nur wenige Monate nach der Vorstellung des Ur-Rechners an, den Computer nachzubauen. Heute muss sich "Big Blue" nach Dell und Hewlett-Packard mit Platz drei unter den weltgrößten Computerherstellern begnügen.

Stärke der Nation steht auf dem Spiel

Aus diesem turbulenten Arbeitsleben wird der ordentliche Uni-Professor Bradley seinen Kommilitonen an der North Carolina State University sicher einiges erzählen. Denn darauf, und auf nichts anderes, will er sich künftig konzentrieren. Geht es nämlich um die wirtschaftliche Zukunft seines Landes, wird der humorige Mittfünfziger plötzlich ernst. "Die Stärke unserer Nation steht auf dem Spiel", weil sich immer weniger Studenten für Naturwissenschaften und technikbezogene Studien entscheiden würden. "Schließlich schaffen gerade Ingenieure Werte, in dem sie Produkte kreieren, die unsere Wirtschaft voran bringen."

Für Werte steht die Ikone David J. Bradley höchstselbst: Über 25 Jahre im gleichen Unternehmen zu verbringen - auch das ist nach heutigen Maßstäben eine anerkennenswerte Leistung. Stolz ist der Mann, der mit seiner Erfindung irgendwie auch noch Bill Gates gerettet hat, aber auf etwas ganz anderes. "Die Finalfrage in 'Jeopardy' war ich schon, aber wenn ich ein Hinweis im Sonntagskreuzworträtsel der 'New York Times' sein kann, dann habe ich alle meine Lebensziele erreicht."

Detlev Brechtel, Jobpilot.de 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.