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02. Juni 2008, 12:26 Uhr

Studie

Von Nachrichten ermüdet

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Wer zu viele Häppchen konsumiert, verdirbt sich den Appetit. Für eine Nachrichtenagentur ist das eine schockierende Erkenntnis: Jüngere Leute, konstatiert eine Auftragsstudie der Agentur AP, sind nachrichtenmüde, weil sie mit Häppchen übersättigt werden. Das Gegenmittel: mehr Tiefe.

Der rasende Nachrichtenpuls heutiger News-Medien und insbesondere des Internets produziert angeblich nicht nur Nachrichten-Junkies, sondern auch das absolute Gegenteil: junge Leute, die sich deshalb nicht mehr für das Weltgeschehen interessieren, weil es ihnen in unbefriedigender Aufbereitung zu massiv um die Ohren gehauen wird. "News Fatigue", Nachrichtenmüdigkeit, nennt eine von Associated Press (AP) in Auftrag gegebene Studie dieses Phänomen - aus Sicht einer Nachrichtenagentur ist das eine lebensbedrohliche Diagnose.

Sinnfällige Titelgrafik zur Studie: Erst kommt die Nachricht und dann braucht diese ein "Vor" und "Zurück" - Hintergrund und Perspektive

Sinnfällige Titelgrafik zur Studie: Erst kommt die Nachricht und dann braucht diese ein "Vor" und "Zurück" - Hintergrund und Perspektive

In Auftrag gegeben wurde die Studie eigentlich für den internen Gebrauch, als Präsentation im Management-Kreise. Sie ist weder repräsentativ noch annähernd statistisch valide, sondern eine sogenannte Fallstudie, basierend auf Tiefeninterviews mit 18 jungen Leuten im Alter von 18 bis 34 Jahren aus sechs Ländern. Weil dabei aber - unabhängig von sozialer, ethnischer oder geografischer Herkunft - so viel Vergleichbares herauskam, stellte AP die Studie nun zum Download ins Internet. Gut so, denn als Diskussionsanregung hat sie Einiges zu bieten.

Denn was so manchem wie eine Binse erscheinen mag, ist für die News-Junkies im Nachrichtengeschäft durchaus eine schockierende Erkenntnis: Ihre Kernprodukte Nachricht und Update frustrieren junge Rezipienten offenbar mehr, als dass sie Informationsbedürfnisse befriedigen. Quer durch die Stichprobe äußerten die Befragten, dass sie sich von der Nachrichtenflut überfordert fühlen.

Die eigentliche Nachricht: Was bedeutet es?

Die News-Anbieter lieferten ihnen dazu zwar zahlreiche Updates, die aber auch nur Häppchen seien, die zum Verständnis am Ende nicht beitrügen. Das durchaus vorhandene Bedürfnis nach Vertiefung der Information werde nicht bedient, sondern der Nutzer durch immer neue, auf den aktuellsten Stand gebrachte News-Häppchen eher frustriert.

Die Forscher vom ethnografisch orientierten US-Marktforschungsinstitut Context-Based Research Group beobachten darin die Konditionierung einer Pawlowschen Verknüpfung (siehe Linkverzeichnis): Wer habituell Nachrichten suche, sich wiederholt auf den aktuellsten Stand zu bringen versuche und dabei nur frustriert werde, verbinde irgendwann das Erlebnis "Nachricht" mit Frustration. Das Resultat: News Fatigue - Nachrichtenmüdigkeit.

Fatal sei dabei, dass Anbieter unter unterschiedlichen Überschriften oft identische Inhalte servieren. Doch Nachrichtensucher konsumieren Agentur-Häppchen, wo sie Artikel erwarten. Ist das einmal gelernt, werde auch die Vertiefung nicht mehr wahrgenommen, wenn sie im Gewand der Nachricht daherkommt: Hat der Rezipient ein Ereignis registriert, erwartet der Nachrichtenmüde im Folgeartikel eben wieder nur ein etwas neueres Häppchen - schale Kost.

Die Studie ruft die Agenturkunden - im Klartext: die Medien - darum auf, mehr aus dem Rohmaterial zu machen, es vor allem zu vertiefen und die Perspektiven von Nachrichten aufzuzeigen. Junge Leser wollten nicht nur wissen, was Stand der Dinge ist, sondern auch, was etwas bedeute und wie es sich weiterentwickeln könne (future news).

Die AP leitet daraus für sich ein "Neues Modell für Nachrichten" ab - so der Titel der Studie. Weil für immer mehr Nachrichtenkonsumenten die aktuelle Information quasi nebenbei und in Verbindung mit Tätigkeiten wie dem Checken von E-Mails geschehe, müsse man neue Methoden entwickeln, den Konsumenten leichteren Zugang zu vertiefenden Informationen zu bieten. Geradezu revolutionär für eine Nachrichtenagentur fällt dann die Empfehlung an die Nachrichtenmedien aus, lieber auf zu häufige Updates zu verzichten.

Weniger ist mehr

Die Studie wird heute im Rahmen eines Medienkongresses in Göteburg präsentiert und dürfte für lebhafte Debatten sorgen. Als positives Beispiel für eine vielfältige News-Präsentation mit Nachrichten in verschiedenen Informationstiefen wird der Auftritt des britischen "Telegraph" besprochen - man hätte auch zahlreiche andere größere News-Seiten wählen können, die über die Ressourcen verfügen, die Forderungen umzusetzen.

Denn natürlich scheitern zu viele Medien im Alltag genau daran: Ihnen fehlen die Kapazitäten und die Kontakte, die Nachrichtenlage wirklich so vollständig abzubilden, wie sie es versuchen. Das erhöht ihre Abhängigkeit vom Nachrichtenhappen der Agenturen und macht ihre Inhalte uniform - zu besichtigen ist der Effekt bei jedem News-Aggregator wie Google News oder Yahoo News.

Die Pointe der Studie für alle Nachrichtenmedien drängt sich geradezu auf: Weniger ist manchmal mehr, und was man macht, sollte man richtig tun.

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