"Subway Book Review" Sie zeigt der Welt, was New Yorker in der U-Bahn lesen

Auch im Smartphone-Zeitalter gibt es Menschen, die beim Bahnfahren Bücher lesen. Eine Deutsche in New York fasziniert diese Lektüre in der Öffentlichkeit so sehr, dass sie ihr ein Social-Media-Denkmal setzt.
Uli Beutter Cohen: Auf Instagram kommt ihr Projekt "Subway Book Review" gut an

Uli Beutter Cohen: Auf Instagram kommt ihr Projekt "Subway Book Review" gut an

Foto: Christina Horsten/ dpa

Alles begann an einem kalten Dezembermorgen 2013 in der U-Bahnlinie Q, kurz nachdem Uli Beutter Cohen nach New York gezogen war. Ihr sei sofort aufgefallen, wie viele Menschen in der U-Bahn Bücher lesen, sagt Beutter Cohen: "Das schien mir eine sehr New-York-typische Sache zu sein, so hatte ich das noch nirgendwo beobachtet. Es fiel mir auch auf, dass Menschen beim Lesen in der Öffentlichkeit ihre Emotionen zeigen. Da habe ich gedacht: Diese Menschen sollte ich interviewen."

In der U-Bahnlinie Q spricht die im baden-württembergischen Reicheneck bei Reutlingen geborene Beutter Cohen eine Tänzerin an, die "Catching Fire" liest, den zweiten Teil der "Die Tribute von Panem"-Reihe. Interview und Foto werden zum ersten Beitrag auf Beutter Cohens neuem Instagram-Profil "@subwaybookreview" .

"Am Anfang interessiert sich da natürlich keiner dafür, wenn du zwei Fans hast - deine beste Freundin und deine Mutter", erinnert sich Beutter Cohen an die Anfangstage ihres Acocunts. "Aber ich habe mich dann 2014 richtig reingehängt und habe gesagt: Das ist jetzt mein neues Projekt, das will ich jetzt machen."

In der U-Bahn-Station Broadway-Lafayette: Beutter Cohen interviewt eine Leserin

In der U-Bahn-Station Broadway-Lafayette: Beutter Cohen interviewt eine Leserin

Foto:

Christina Horsten/ dpa

Lob von vielen Seiten

Rund sechs Jahre später hat "Subway Book Review" auf verschiedenen Social-Media-Kanälen insgesamt mehr als 235.000 Fans, darunter Stars wie Schauspielerin Emma Roberts. Das Projekt sei "eine der wenigen richtig guten Dinge im Internet" und zu einer ganzen "Social-Media-Bewegung" geworden, schrieb das "Esquire"-Magazin. Es habe "die Art und Weise, wie wir Bücher sehen, verändert", lobte "Forbes".

Beutter Cohen schmiss zum fünften Jubiläum eine große Party in der U-Bahnlinie G - ihrer persönlichen Lieblingslinie - und hat noch größere Pläne: 2020 weitet sie das Projekt auf insgesamt 20 Städte aus, zehn in den USA und anderswo auf der Welt.

Auch Berlin ist Teil des Projekts, dort wird Julia Knolle verantwortlich sein. "Literatur ist mein Lieblingsthema, und ich fand es schon immer bereichernd, mich mit meinem Netzwerk online oder im echten Leben über Leseerfahrungen auszutauschen", sagt die Kommunikationsexpertin. "Berlin hat sich zu so einer vielfältigen Gesellschaft mit so einer reichen Kultur entwickelt, und das zeigt sich, wenn man hier U-Bahn fährt."

"Eine große Liebe zu diesem Land"

Aufgewachsen "auf dem Land, zwischen Wiesen, Schafen und Äckern" bei Reutlingen, zog es die heute 38 Jahre alte Beutter Cohen schon früh in die USA. Ihre Eltern, die als Diplom-Ingenieur und Chefsekretärin arbeiteten, waren Amerika-begeistert und machten mit ihrer Tochter mehrere Rundreisen durch das Land. 1988 stand Beutter Cohen mit ihrer Mutter das erste Mal auf einem Riesen-Wolkenkratzer in New York und schaute auf das Häusermeer hinunter. Das Erinnerungsfoto hängt heute in ihrer Wohnung in Brooklyn. "Die Reisen haben in mir eine große Liebe zu diesem Land wachsen lassen."

Also packt sie direkt nach dem Abitur zwei Koffer und zieht nach Portland im US-Bundesstaat Oregon. "Meine Eltern wollten, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Sie haben mich auf alle Fälle ermutigt und unterstützt." In Portland studiert Beutter Cohen Digitale Medienproduktion, gewinnt einen Filmpreis, gründet damit ihre erste Medienfirma, lernt ihren zukünftigen Mann kennen, zieht mit ihm einige Jahre später in dessen Heimatstaat New York - und gründet "Subway Book Review".

Die Faszination für die Kombination aus U-Bahn und Buch erklärt Beutter Cohen so: "Ein Buch ist ein Portal in eine andere Welt, aber nicht nur in die Welt eines Protagonisten, sondern auch in die des Lesers. Ein Buch, das man in der Öffentlichkeit liest, sagt viel über die eigene Identität aus - wer man ist, und wer man werden möchte. Über ein Buch zu reden ist eine großartige Art und Weise, jemanden kennenzulernen."

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Nie auf der letzten Seite ansprechen

Wenn Beutter Cohen U-Bahn fährt, hält sie Ausschau nach potenziellen Kandidaten. "Ich musste herausfinden, wie ich die Menschen dazu bringe, mit mir spontan zu reden", sagt sie. "Ich versuche, Stimmungen einzufangen, und da ist es extrem wichtig, den Menschen Raum zu geben. Wenn jemand auf der letzten Seite eines Buches ist, würde ich die Person nicht ansprechen, das würde ich dem Leser nie nehmen. Aber wenn jemand am Anfang eines Buches ist, dann passt es, denn dann können wir auch richtig über sein Leben sprechen. Manchmal begleite ich jemanden sogar bis zu seiner U-Bahn-Station, weil wir so intensiv ins Gespräch gekommen sind."

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Acht von zehn Menschen, die sie anspricht, machen mit, schätzt Beutter Cohen. "Und wenn jemand Nein sagt, lasse ich ihn in Ruhe, das ist wichtig, gerade in einer Stadt wie New York, wo wir alle so dicht zusammenleben. Aber klar, es ist New York, und man sieht schon so einiges. In der U-Bahn wird geheiratet und getanzt und es gibt Konfrontationen mit der Realität wie zum Beispiel die ansteigende Obdachlosigkeit in New York - was man in der U-Bahn sieht, ist das echte Leben."

Bei "Subway Book Review" geht es um Bücher - aber in den langen Texten zu den Bildern auf Instagram geht es vor allem um die Leser: um die Frau, die ein Buch der Komikerin Tina Fey liest, weil sie sich für Feminismus interessiert, oder den Mann, den ein Buch des Autors Malcom Gladwell dazu gebracht hat, Maler werden zu wollen.

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"Was Menschen lesen, hat immer auch damit zu tun, was in ihrem Leben, in ihrer Stadt und ihrem Umfeld passiert", sagt Beutter Cohen. "Deswegen ist, was sie lesen, so unterschiedlich wie die Menschen auf diesem Planeten. Was ich beobachte, ist, dass die Menschen nicht mehr nur noch lesen, um sich selbst besser zu verstehen, sondern auch, um andere Menschen besser zu verstehen. Das war schon immer wichtig und wird immer wichtiger. Und dafür müssen wir uns erst mal mit den echten Bedingungen auseinandersetzten, die uns voneinander trennen."

Lesende Menschen müssten eine deutlichere Stimme bekommen, deswegen mache sie das alles, sagt Beutter Cohen. "Leser sind neugierig, offen, kritisch und fantasievoll. Das sind die Menschen, mit denen wir reden sollten und von denen wir hören sollten. Ich will die Macht verschieben zu den Lesern im Untergrund, sie sind für mich die eigentlichen Geschichtenerzähler unserer Zeit."

dpa, Christina Horsten/mbö