Suchmaschinen-Manipulation "Google Bombs" gegen Bushs Republikaner

Suchmaschinen sind im Verbund mit Blogs ein mächtiges Instrument. Jetzt soll die Google-Logik so manipuliert werden, dass reihenweise Kandidaten der Republikaner in den Suchergebnissen abschmieren. Entscheidet das Internet inzwischen Wahlkämpfe?

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Republikanische Kandidaten für den US-Kongress könnten sich bald sehr wundern, was die Eingabe ihres Namens in Suchmaschinen zutage fördert. Bei einer Google-Suche nach Jon Kyl, dem Senator von Arizona, könnte zum Beispiel nicht dessen offizielle Seite oben stehen - sondern ein Artikel aus der Linkszeitung "The Phoenix New Times". Darin wird er beschuldigt, er habe "seine Zeit in Washington damit verbracht, sich vor der Regierung Bush und der radikalen Rechten zu verbeugen, sehr oft zum Nachteil der Bürger Arizonas."

Kapitol in Washington: Internet-Großaktion gegen missliebige Kandidaten
DPA

Kapitol in Washington: Internet-Großaktion gegen missliebige Kandidaten

Kyl ist einer von 50 republikanischen Abgeordneten und Senatoren, die eine Blogger-Initiative im Netz gezielt schlecht aussehen lassen will - über die der Blogosphäre eigene Mechanik: Bei Suchmaschinen landet im Index zu einem bestimmten Suchbegriff all das weit oben, was oft verlinkt ist, also gewissermaßen vielzitiert. Durch Verlinkung untereinander können Blogs diesen Mechanismus nutzen, um Inhalte in Sichtweite des Mainstreams zu bringen.

In Deutschland gelang das vor einiger Zeit zum Beispiel Johnny Haeuslers Blog "Spreeblick" mit einem Artikel über die Geschäftsmethoden der Klingeltonhändler von Jamba. Zeitweilig führte eine Google-Suche nach "Jamba" direkt zu Haeuslers Seite. Der Begriff "miserable failure" ("jämmerlicher Versager") weist seit Jahren schnurstracks auf die offizielle Seite von US-Präsident George W. Bush.

"Google Bombing" nennen die Teilnehmer der Kampagne ihre Technik, angesichts der Kongresswahlen am 7. November scheint sie hochaktuell - bei den Wahlen geht es für Bush und seine Republikaner um die wichtige Mehrheit in beiden Parlamentskammern. Gerade bei so zentralen Entscheidungen mit womöglich äußerst knappen Ergebnissen soll der Manipulations-Mechanismus nun helfen, in den Wahlkämpfen entscheidende Stimmen umzuleiten. Selbst rechte Kommentatoren erkennen in ihren Blogs neidlos an, dass die Technik funktionieren könnte: Gerade Unentschlossene könnten sich in letzter Sekunde noch übers Web über ihre Kandidaten zu informieren versuchen - da könnte ein einziger, möglichst negativer Link die Entscheidung bringen.

Die Kampagnen-Teilnehmer legen allerdings Wert auf seriöse Information. Auf der ursprünglichen Liste von 70 Senatoren seien zu viele Referenzen dabeigewesen, die zwar schön negativ waren, aber einfach zu parteiisch, sagte Projekt-Initiator Chris Bowers der "New York Times". "Wir wollten tatsächliche Nachrichten, so dass deutlich wird, dass wir nichts erfinden." Bowers gehört zu einem nach links tendierenden Bloggerteam namens MyDD.com (DD steht für direkte Demokratie). Mit dabei ist auch das berühmte Politblog "Daily Kos".

Kandidaten online in ein anderes Licht rücken

Nun sollen in einer konzertierten Aktion die Namen der entsprechenden Senatoren jeweils mit den ausgewählten Webseiten verlinkt werden, wenn einer der Politiker in einem der teilnehmenden Blogs erwähnt wird. Ob das funktioniert, hängt allerdings nicht nur von den Bloggern ab - sondern auch davon, wie viel jetzt schon im Netz über die einzelnen Kandidaten zu finden ist. Besonders Kandidaten mit wenig Publizität haben gute Chancen, durch die MyDD-Aktion in ein etwas anderes Licht gerückt zu werden. Denn der Effekt ist umso stärker, je weniger Seiten bisher mit dem Namen des Betreffenden verknüpft sind.

Natürlich wirft die Aktion ethische Fragen auf. Schließlich wird hier versucht, die öffentliche Meinung auf technischem Wege zu manipulieren. Googles Reaktion: "Wir heißen die Praxis des Google Bombing nicht gut, ebenso wenig wie jede andere Aktivität, die die Integrität unserer Suchresultate beeinträchtigen könnte." Insgesamt bleibe diese aber ohnehin gewährleistet: wegen der zahlreichen anderen Faktoren, die den Rangplatz einer bestimmten Seite beeinflussten. Einmischen in die Suchreihenfolgen will sich Google jedenfalls nicht.

"Blickkontakte buchstäblich für Pennies"

Zusätzlich zu der Verlinkungs-Strategie wollen die Aktivisten auch noch Geld in die Hand nehmen: Man wolle "Google AdWords" schalten, "die jeden negativen Artikel mit den gängigsten Suchanfragen für die jeweiligen republikanischen Kandidaten verbinden", steht auf der Seite von MyDD. Dass diese Strategie Erfolg haben könnte, bestätigt Pete Leyden, Chef der demokratischen Denkfabrik "New Politics Institute". Er sagte dem "National Journal": "Es kaufen so wenige Leute politische Google-Suchanzeigen, dass ein Blogger sie für buchstäblich Pennies pro Blickkontakt einkaufen kann."

Konservative Blogger sind erfreut bis erbost über die Aktion. "Right Wing News"-Blogger John Hawkins schrieb, man solle "Feuer mit Feuer bekämpfen", und stellte gleich eine Liste mit demokratischen Kandidaten und entsprechenden Links zu Nachrichten zur Verfügung: um "das Spielfeld wieder auszugleichen". Die Blogosphäre jedenfalls brummt.

In der Tat scheint die Kampagne gegen die Republikaner schon zu greifen. Wer heute zum Beispiel bei Google.com nach dem republikanischen Senator Conrad Burns sucht, findet nach einigen offiziellen Seiten eine ganze Reihe von Artikeln, die ihn als "korrupt" bezeichnen ("Bozeman Daily Chronicle") oder empfehlen, ihn "auf jedermanns Liste der schlechtesten Senatoren" zu setzen ("Time.com").

Peinliches macht schnell die Runde

Lee Rainie, Director des "Pew Internet and American Life Project", sagte der Agentur AFP, Blogger seien "wie Printreporter - und Leute, die Videos aufnehmen, wie Fernsehreporter. Das Internet wird zu einem weiteren Medium, das in der politischen Kommunikations-Umwelt eine Rolle spielt".

Nur einen entscheidenden Unterschied gibt es: Fernseh- und Printreporter können nicht durch konzertierte Aktionen bewirken, dass mehr Menschen ihre Beiträge lesen oder sehen.

Rainie sagte auch, dass Umfragen inzwischen den Einfluss von Blogs und Videoseiten auf die öffentliche Meinung zeigen. Aufregung löste jüngst zum Beispiel das Video eines republikanischen Senatskandidaten aus, der einen ihn filmenden dunkelhäutigen Mitarbeiter der Demokraten als "Macaca" bezeichnete. Im Netz macht Peinliches schnell die Runde. Allerdings "wissen wir nicht, ob diese Meinungsänderungen vorübergehend sind oder ob wirklich ein entscheidendes Problem für die Kandidaten entsteht", sagt Rainie. "Wir werden das erst am Wahltag wissen."



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