Neuer Alphabet-Chef Sundar Pichai Google weiß alles, er weiß alles über Google

Kaum jemand hat so viel Macht im Internet wie er, doch sein Name sagt vielen nichts: Nach dem Rückzug der Google-Gründer rückt Sundar Pichai an die Spitze des Mutterkonzerns Alphabet. Was er kann, was er will.
Sundar Pichai bei einer Keynote auf der Google-Entwicklerkonferenz i/o in Kalifornien

Sundar Pichai bei einer Keynote auf der Google-Entwicklerkonferenz i/o in Kalifornien

Foto: Josh Edelson/ AFP

In einem Interview für den Fernsehsender CNN sagte Sundar Pichai einmal, er habe nie darum gebeten, CEO zu werden. Trotzdem sei er nur "ein wenig überrascht gewesen", als ihn die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin 2015 fragten, ob er den Chefposten in ihrem Unternehmen übernehmen wolle. Er sei viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, Produkte zu entwickeln.

Daran scheint sich bis heute nicht viel geändert zu haben. Pichai ist kein Buchhalter, er ist ein Produkt-Typ. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man bekommt, wenn man den Google-Boss, der jetzt auch Alphabet-Chef ist, live erlebt. Etwa bei einer seiner Keynotes auf der Entwicklerkonferenz Google i/o oder bei einem Roundtable mit Journalisten. Pichai kennt die Produkte, über die er spricht. Er braucht keinen Spickzettel.

Als Pichai im Oktober 2015 in Googles Chefbüro einzog, war der Konzern von seinen Gründern gerade umgebaut worden. Google war nun Teil von Alphabet, einer Holding, unter deren Dach alle Google-Töchter versammelt wurden, darunter der Smart-Home-Hersteller Nest, das Biotechnologie-Unternehmen Calico und die Firma Waymo, die autonom fahrende Autos entwickelt.

Ebenso dazu zählt Project Loon, ein Forschungsprojekt, das mit Stratosphärenballons abgelegene Gegenden mit Internet versorgen will. Und dann gibt es noch X, Googles Forschungsabteilung, aus der viele seiner heutigen Produkte und Tochterfirmen hervorgegangen sind.

Eine Kindheit in Indien

Dass er einmal einem solchen Konzern vorstehen würde, der im Jahr 2019 137 Milliarden Dollar Umsatz meldete und dessen Produkte von Milliarden Menschen genutzt werden, dürfte in Pichais Kindheit kaum abzusehen gewesen sein - denn die lief ausgesprochen bescheiden ab.

Geboren 1972 in der südindischen Großstadt Madurai wuchs Pichai in einfachen Verhältnissen auf. Trinkwasser habe seine Familie sich während einer langen Dürreperiode von Tankwagen abfüllen müssen, heißt es von ihm. Einen Fernseher hatte man nicht, dafür aber - nach fünf Jahren Wartezeit - den zweiten Telefonanschluss in der Straße.

Der muss wohl so etwas wie ein sozialer Treffpunkt gewesen sein: Laut Pichai jedenfalls sorgte er dafür, dass regelmäßig Nachbarn vorbeikamen, um mit Verwandten zu telefonieren. Der "New York Times" sagte der Google-Chef in einem Interview: "Es gab eine Einfachheit in meinem Leben, die im Vergleich zur heutigen Welt sehr schön war." Er habe nie das Gefühl gehabt, etwas zu vermissen.

Ein raketenhafter Aufstieg

Dieses Aufwachsen in einem Indien, das damals noch Entwicklungsland war, prägt Pichai bis heute. Die Dürre seiner Jugend habe ihm die Marotte angewöhnt, immer eine Flasche Wasser neben das Bett zu stellen, erfuhr man von ihm mal. Vor allem aber scheint sein einst bescheidenes Leben Pichai zu jemandem gemacht zu haben, der auch heute noch unprätentiös und höflich auftritt.

Sein Aufstieg bei Google verlief geradezu raketenhaft. Er kam 2004 zu dem Unternehmen, als es aus heutiger Sicht noch klein und in erster Linie eine Suchmaschine für das Internet war. Als Leiter des Chrome-Teams sorgte er dafür, dass Googles Browser vom Nischenprodukt zum heutigen Marktführer wurde. Pichai übernahm nach und nach immer mehr Verantwortung, etwa für Gmail, Google Maps und später auch für das Android-Betriebssystem.

Sundar Pichai bei einem Auftritt im Jahr 2010. Damals war er bereits Vizepräsident des Produktmanagements

Sundar Pichai bei einem Auftritt im Jahr 2010. Damals war er bereits Vizepräsident des Produktmanagements

Foto: Mark Lennihan/ AP

Mit seiner Berufung zum Google-Chef wurde Pichai das Aushängeschild des Unternehmens, während Page und Brin kaum noch in der Öffentlichkeit in Erscheinung traten. Und er musste sich all den Problemen stellen, denen sich der Konzern in den vergangenen Jahren gegenübersah.

So muss sich das Unternehmen immer wieder gegen Vorwürfe von Wettbewerbshütern zur Wehr setzen. Und auch US-Präsident Donald Trump ist alles andere als ein Google-Fan. Im August bestellte er Pichai zu einem Meeting ins Weiße Haus ein. Das Treffen kommentierte Trump anschließend mit einer Reihe von Tweets, in denen er erklärte, dass Google versuche, die Präsidentschaftswahlen 2020 "illegal zu unterwandern". Das sei alles "sehr illegal", und man "beobachte Google sehr aufmerksam", fasste "Cnet " den Zorn Trumps zusammen.

Nichts Böses tun - oder das Richtige

Im vergangenen Jahr hatte der Konzern auch mit Protesten der eigenen Mitarbeiter zu kämpfen, die eine problematische Arbeitskultur anprangerten, mit sexueller Belästigung, schlechtem Benehmen und mangelnder Transparenz. Auch die Arbeit an einer zensierten Such-App für China und die Kooperation mit dem US-Verteidigungsministerium beim Project Maven sorgten für Unmut in den eigenen Reihen.

Immer wieder sieht man bei solchen Protesten Google-Mitarbeiter Plakate mit dem alten Firmenmotto hochhalten: "Don't be evil", tu nichts Böses. Doch dieser Slogan wurde von der Firma längst zu Grabe getragen und mit der Gründung der Alphabet-Holding im Verhaltenskodex durch "Do the right thing" ersetzt: Tu das Richtige.

Pichais Aufgabe ist damit zumindest auf dem Papier leichter geworden, als sie es noch vor ein paar Jahren gewesen wäre. Was das Richtige ist, ist eine Interpretationsfrage. Das Böse dagegen ist meist leicht erkennbar.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.