Surftipp Die Erben von MTV

Das Musikfernsehen ist tot, es lebe das Web-Musikfernsehen: Im Internet bekommt der Musik-Fan das, was er wirklich will - on demand und in immer höheren Qualitäten. Seiten wie Fabchannel lassen zudem ahnen, wie TV der Zukunft aussieht.

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Musik mag allgegenwärtig sein, echte Musik-Fans erleben trotzdem harte Zeiten: Das Formatradio dudelt selbst das beste Stück in Dauerschleifen kaputt, bis man es nicht mehr hören kann, und im Fernsehen setzen die einstigen Musiksender längst auf einen Mix aus Paris Hilton, Playboy Mansion und völlig hirnfreien Dismissed- und Pimp-my-egal-was-Formaten. Was wäre das schön, sich zu jeder beliebigen Zeit ein Programm nach Wunsch aussuchen zu können und nach Lust und Laune beschallen zu lassen.

Genau das ist die Verheißung des Web-TV. On demand und jederzeit ein Programm selbst zusammenstellen zu können, diese Möglichkeit ist im Web längst Standard, obwohl es noch immer eine Minderheit ist, die so etwas wirklich nutzt. Breite Akzeptanz hat inzwischen Web-Radio gefunden, und auch hier reicht die Spanne vom Sender nach Wunsch (im Web streamen Schätzungen zufolge rund 9000 Sender in guter Qualität) bis zum Programm nach Wunsch wie bei Last.fm (siehe rechte Spalte dieser Seite).

Die meisten Musik-Videoseiten im Web sind noch wahre Wundertüten. Musikvideos sind im Internet - ganz im Gegensatz zum Fernsehen - allgegenwärtig. Oft ist die Qualität jedoch durchwachsen: Auf Plattformen wie MySpace, Yahoo Launch oder Stage6 finden sich zwar immer mehr legal veröffentlichte Videos in guter Qualität, doch noch immer überwiegt bei ihnen, YouTube und Co. das von Nutzern eingestellte Musikvideo - mit sehr unterschiedlichen Qualitäten.

Doch es gibt auch regelrechte Programme. Web-TV und IPTV versprechen eine TV-Zukunft, die nicht zuletzt der Sparte gehört. Wie so etwas aussehen kann, zeigt beispielsweise die niederländische Seite Fabchannel.

Konzert-Web-Kanal Fabchannel: Das ist Musikfernsehen

Die hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Bereits 2000 begann Fabchannel, vornehmlich Konzerte kleinerer, meist niederländischer Gruppen über das Web zu streamen. Über 700 Konzerte fanden sich zeitweilig in der Datenbank, inzwischen aber hat sich die Seite kräftig gemausert. Zunehmend bietet Fabchannel Konzertmitschnitte auch prominenterer Künstler in guter Qualität.

Die Seite kämpft derzeit angesichts eines enormen Benutzer-Andrangs aber mit dem Problem aller Sparten-Web-TV-Sendern: Die Server sind überlastet - für ruckelfreies Streaming von Bewegtbildern ist im Internet noch immer eine relativ teure Infrastruktur nötig.

Ein Blick ins Angebot gleicht einem Ausblick in die Zukunft des On-demand-Spartenfernsehens. Ganz in Flash programmiert kommt Fabchannel sehr aufgeräumt daher: Fast googelig karg bietet Fabchannel eine Einstiegsseite, die wenige Angebote macht und daneben vor allem eine Suchmaske. Über die lässt sich nach Konzerten suchen, besser aber ist die Auswahl aus den angebotenen Listen, die gleich klar machen, was zu haben ist und was nicht. Eine Vorschau-Funktion, durch einfaches Mouse-over aktiviert, macht Appetit auch auf Konzerte von Gruppen, die man vielleicht noch gar nicht kannte.

Der Klick auf einen Künstler führt zu einer Konzertseite, die rechts ein Tracklisting mit allen gespielten Titeln bietet, links ein Videofenster. Man kann sich die Mitschnitte wie weiland im Fernsehen in Gänze ansehen, oder einzelne Titel direkt anspielen. Das klappt ganz hervorragend und - eine schnelle DSL-Leitung vorausgesetzt - fixer als bei einer DVD.

I want my Web TV

Im Vollbildmodus offenbart sich, dass die Videos nicht HD sind: Bei Bildschirmauflösungen über 800 Pixel wird das Bild eben pixelig, die Qualität ist aber akzeptabel. Der Ton ist - natürlich immer abhängig von der Qualität des Konzertmitschnitts - meistens gut bis sehr gut, da bleiben keine Wünsche offen.

Fabchannel ist auch über das Web-TV-Programm Joost zu empfangen - doch warum Umwege gehen? Während bei Joost nur Best-of-Ausschnitte gezeigt werden, bietet Fabchannel selbst das ganze Programm.

Das Beispiel zeigt, wo der Trend hingeht. Spätestens nach Aktivierung des Vollbildmodus wird der Monitor zum neuen Fernseher, man vergisst irgendwann, dass man noch im Web ist. Noch nicht beantwortet ist dagegen die Frage, wie solche Angebote auf Dauer überleben wollen. Solange man im Normalmodus schaut, prangt rechts stets eine Werbung - der Vollbildmodus hingegen ist werbefrei. Vielleicht muss man solche Offerten genießen, solange sie noch kostenfrei zu haben sind.

Beispielvideo: Paul Weller in Concert

Ein Klick ins Videofenster startet den Mitschnitt, ein Klick auf das kleine Fenstersymbol unten rechts in der Navigation öffnet das Video im Vollbildmodus. Bei solchen Embedded-Videos kann es vor dem Start zu einer kurzen Vorpufferungs-Zeit kommen, bis der Film läuft können also einige Sekunden vergehen. Voraussetzung ist ein aktueller Flash-Player, für den - so nicht vorhanden - automatisch ein Update-Download angeboten wird.



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