Surftipp Gandhi schreibt an Hitler, Groucho fragt nach Sex

Der Schriftsteller Shaun Usher wühlt in alten Briefen und veröffentlicht die interessantesten in einem Weblog: Gandhi schreibt Hitler, T.S. Eliot seinem Brieffreund Groucho Marx. Eine Einladung zum Stöbern und Staunen.
Briefblog: Scan eines Schreibens von Gandhi an Hitler in "Letters of Note"

Briefblog: Scan eines Schreibens von Gandhi an Hitler in "Letters of Note"

"Lieber Freund", schreibt Mahatma Gandhi am 23. Juli 1939 an Adolf Hitler. Gandhi fordert den Diktator  auf, anstatt auf Krieg zu setzen lieber einen gewaltlosen Weg zu beschreiten: "Es steht klar zutage, dass Sie heute die einzige Person auf der Welt sind, die einen Krieg verhindern kann, der die Menschheit wieder zu Wilden machen könnte." Der Brief soll Hitler nie erreicht haben - Hitler dagegen soll den Briten schon im Jahr zuvor empfohlen haben, Gandhi zu töten, um der indischen Unabhängigkeitsbewegung den Garaus zu machen.

Solche historischen Briefe veröffentlicht der Autor Shaun Usher seit Anfang September in seinem Blog "Letters of Note" , mit dem er "faszinierende" Korrespondenz zugänglich machen will. Aus allen möglichen Quellen hat er eine Unmenge von Briefen zusammengetragen, persönlicher, beruflicher und amtlicher Natur, und veröffentlicht sie nun. Jeden Tag erscheinen seither neue Schreiben, erst als gescanntes Motiv, gefolgt vom Transskript.

So langsam die Herstellung und Zustellung von Briefen war, so intim stellte sie sich auch dar. Vor 50 Jahren bedeutete ein Brief tatsächlich 1:1-Kommunikation, der Austausch spielte sich zwischen dem Autor und seinem Adressaten ab, das war's. Es sei denn, Sekretärinnen oder Angehörige bekamen die Schreiben in die Finger. Sonst aber war ein Brief, ein persönlicher zumal, ein merkwürdiger Zwitter aus Nähe und Distanz. Eine sofortige, direkte Antwort konnte der mitunter weit entfernte Empfänger nicht geben, direkter Widerspruch drohte allerdings ebensowenig. Was die Formulierung von zuweilen auch gewagten, unfertigen Gedanken zuließ, wie sie im direkten Gespräch oder Chat so eher unüblich sind.

Interessantes, skurriles bis komisches Material

Als Leser kann man sich schnell in zum Teil höchst ungewöhnlichen Korrespondenzen verlieren. Ein Brief von Winston Churchill an seine Frau  aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, zu öffnen im Falle seines Todes. Der Erpresserbrief mit der Geldforderung  für das entführte Baby von Flugpionier Charles Lindbergh.

Daneben findet sich jedoch auch interessantes, skurriles bis komisches Material. Für Kinofans dürfte zweifellos die handschriftliche Bitte des Schriftstellers Mario Puzo an Marlon Brando  von Interesse sein, die Rolle von Obermafioso Don Vito Corleone zu übernehmen ("Ich habe ein Buch namens 'Der Pate' geschrieben").

Schon im Jahr 1938 gab es die amerikanische Regulierungsbehörde FCC (Federal Communications Commission), hier begegnet sie dem Leser in einem Beschwerdebrief wegen Regisseur Orson Welles , der im gleichen Jahr mit seinem Hörspiel "Krieg der Welten" über eine vorgebliche Invasion vom Mars in der Öffentlichkeit für Panik gesorgt hatte. Hunderte von empörten Radiohörern beschwerten sich über die erlittenen Schrecken, aber zumindest einer scheint ruhiges Blut bewahrt zu haben. Jedenfalls schrieb er: "Ich bin nicht aus dem Fenster gesprungen, ich habe mir dabei nicht den Arm gebrochen, ich habe auch nicht versucht, Selbstmord zu begehen und ich habe auch keine Marsmenschen gegen meine Tür donnern gehört."

Vom Science-Fiction-Autor Isaac Asimov  gibt es die sehr nüchterne Beschreibung des Himmels für ein Kunstprojekt ("umgestülpte blaue, manchmal schwarze Halbkugel mit gelber Scheibe darauf"). Und wer hätte gedacht, dass der Schriftsteller T.S. Eliot und der Komiker Groucho Marx  Brieffreunde gewesen sind? "Lieber Tom", adressierte der Komiker den Literaten, und teilte mit: "Es würde mich sehr interessieren, Deine Ansichten zum Thema Sex zu lesen, also zögere nicht. Vertraue Dich mir an. Obwohl zugegebenermaßen unzuverlässig, kann man mir in Fragen von solcher Wichtigkeit vertrauen."