Surftipp "Ihr Assis werdet miliert!"

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2. Teil: Im zweiten Teil: "Fan-Synchros" geben TV-Serien neuen Inhalt - oder nehmen ihnen zumindest den Sinn. Derweil zeigen textende Fans im Web den Drehbuchautoren der großen Studios, was sie hätten besser machen können. Weiter...


Text-Adventures and Fan-Synchros

Und irgendwann auf diesem Weg von der Quiz-Kapsel in "Der große Preis" zur eigenen Fan-Seite müssen sich die Fans mental befreit haben. Ging es früher darum, einen möglichst großen Schatz absolut nutzlosen Fan-Wissens anzuhäufen, denken die Fans ihre Serienwelten heute längst weiter, als selbst die Macher dieser Serien.

So wäre Paramount, Produktionsfirma der echten "Enterprise"-Serien, vielleicht gut beraten gewesen, sich von den schreibenden Fans von "Rebellion" beraten zu lassen.

"Rebellion": Die Statusseite der "Atlanta" hält die Crew des Textadventures über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden

"Rebellion": Die Statusseite der "Atlanta" hält die Crew des Textadventures über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden

Die erkannten in einigen Entwicklungen der Serien "Next Generation", "Deep Space Nine" und "Voyager" Irrwege und Sackgassen - und schrieben einfach die Star-Trek-Geschichte um. Während Paramount auf den Kunstgriff verfiel, die "Enterprise"-Reihe mit einem Blick in die Vergangenheit fortzuführen, um überhaupt weiter zu kommen, zogen die Fans einen Schnitt: Sie ignorierten einfach alle "Geschichte" nach dem fiktiven Jahr 2373, schmissen einige Handlungsstränge, die ihnen nicht gefielen, hinaus - und texten seitdem fleißig weiter an ihrem eigenen Star-Trek-Universum.

Das entwickelte sich weit lebendiger und konfliktreicher als das Original, das am Ende am Heile-Welt-Syndrom verschied: Bei der sehr passend so genannten "Rebellion" ist die Föderation längst Vergangenheit, die Reste der Flotte bekriegen sich in einem sinnlosen Bürgerkrieg. Während den Drehbuchschreibern bei Paramount die Puste ausging, schreiben die Fans in ihrem Star-Trek-Textadventure bisher 1207 neue Teile und Beiträge.

Insgesamt vier Webseiten halten die Crews der verschiedenen Kreuzer und Kampfschiffe auf dem Laufenden, wer gerade wo in der Galaxie herumwarpt. In den letzten Monaten jedoch, seit dem abrupten Ende der letzten Enterprise-Serie um Jonathan Archer und seine Crew, hat auch diese Community leider viel Leben verloren: Eine "Rebellion" braucht eben immer auch ein Gegenüber, an dem sie sich reiben kann.

Von der Galaxis in die Gosse

Anderen Fans gehen regelrecht die Pferde durch: Inhaltlich setzen sie sich überhaupt nicht mehr mit ihren Serien auseinander. Anders als Fans früherer Baureihen haben heutige die Selbstironie mit Löffeln gefressen. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als im Universum der "Fan-Synchronisationen", kurz "Fan-Synchros".

"Sinnlos im Weltall": Der unterirdische Humor der "Fan-Synchros" hat zahlreiche Fans

"Sinnlos im Weltall": Der unterirdische Humor der "Fan-Synchros" hat zahlreiche Fans

Auch hier war es Star Trek, das Trends setzte: "Sinnlos im Weltall" heißt eine Webseite und eine Reihe von "neu vertonten" Enterprise-Folgen, die eine ganze Welle von Nachvertonungen auslöste. Das Prinzip ist einfach: Man nehme eine Serien-Folge, denke sich so etwas wie eine neue Handlung aus und spreche neue Texte auf - fertig. Die Resultate werden per eDonkey oder Webseiten-Download verteilt.

Dass die Resultate nun "auf einzigartig humorvolle Weise im Siegerländer Dialekt vertont" wären, wie die Siegener Lokalpresse meldete, lässt sich zwar nicht bestätigen. Der Brachialhumor der "Sinnlos"-Filme, Flash-Animationen und Fotomontagen lebt von Gossen-Vokabular, Fäkalsprache und Handlungssträngen rund um Saufen, Drogen, Drogen und Saufen. Längere Folgen sind wahrlich schwer zu ertragen.

Lustig ist es hier und da trotzdem, weil ausgerechnet diese so überaus "politisch korrekte" Serie voller tugendhafter, völlig uneigennütziger Helden durch die Gosse gezogen wird. Oberstes Schandmaul ist dann auch ausgerechnet Jean "Sozialarbeiter" Luc Picard, der jede Drohung, sogleich in die Luft gejagt zu werden, noch mit einer Variation des Grundmotivs "Können wir das statt dessen vielleicht ausdiskutieren?" beantwortete.

Und eine im weitesten Sinne kreative Leistung ist es ebenfalls (wenn auch eine, für die man eher Sozialstunden als Preise bekommen sollte). Doch die Köpfe hinter der Webseite und ihrer adäquat benannten Schwesterseite "Next Degeneration" machen daraus ja auch gar keinen Hehl: "Verstand ist sinnlos", lautet das Motto der Seite, "Ihr Assis werdet miliert. Echt jetzt!"

Könnte wirklich passieren. Echt jetzt.

  • 1. Teil: "Ihr Assis werdet miliert!"
  • 2. Teil: Im zweiten Teil: "Fan-Synchros" geben TV-Serien neuen Inhalt - oder nehmen ihnen zumindest den Sinn. Derweil zeigen textende Fans im Web den Drehbuchautoren der großen Studios, was sie hätten besser machen können. Weiter...


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