Surftipp "Ihr Assis werdet miliert!"

Die "Enterprise" fliegt nicht mehr, nur im Web geht es weiter: Serien-Fans veröffentlichen dort ihre ganz eigenen Versionen. Von "Sinnlos im Weltraum" über die "Rebellion"-Seiten bis zur brillanten Parodie "Star Wreck" ist dabei vor allem eines Trend: Ein höchst respektloser Umgang mit den "Helden".

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Gekonnte Parodie: Sechs Jahre dauerte es, bis "Star Wreck" den Angriff auf die Lachmuskeln der Fans starten konnte
www.starwreck.com

Gekonnte Parodie: Sechs Jahre dauerte es, bis "Star Wreck" den Angriff auf die Lachmuskeln der Fans starten konnte

"Es ist kein Zuckerschlecken, die ganze Welt allein zu regieren", denkt James B. Pirk mit nachdenklich zerfurchter Stirn, kurz bevor sich sein Flaggschiff, die "Kickstart", mit dem Rest seiner Flotte in das Maden-Loch stürzt. Raumschiffe aller bekannten Klassen der Föderationsflotte sind darunter, und sie gehorchen nur seinem Kommando: Anders als Jean-Luc Picard oder Jonathan Archer ist dieser Raumschiffkommandeur nicht gerade ein Sympathieträger.

Denn anders selbst als sein Beinahe-Namensvetter James T. Kirk ist Pirk mehr als nur ein treuer Diener der Förderation: Er hat sich zum Herrscher über die Erde aufgeschwungen. Seine Konflikte löst er nicht mehr, in dem er den Alien niederschlägt und die Blondine oder Brünette küsst (zumindest einmal geschieht das auch umgekehrt), sondern mit blanker Waffengewalt, gepaart mit himmelschreiender Inkompetenz.

In "Star Wreck - In the Pirkinning", dem ersten großen, satte 103 Minuten langen Film mit dem neuen Anti-Helden, wuseln sich Pirk, sein Gegenspieler Captain Sherrypie, der Klingone Dwarf und ein ziemlich wächsern aussehender Android namens Info durch eine martialisch-beknackte Handlung, die mit Zitaten aus und Anspielungen auf die Star-Trek-Welt gespickt ist.

Sie kennen den Film nicht? Das ist nicht ungewöhnlich, denn in Kinos ist er bisher nicht gelaufen: "In the Pirkinning" ist eine finnische Produktion, die wie kaum eine vor ihr die Bezeichnung "frei" verdient. Gemacht wurde der Film von "fünf Studenten und Arbeitslosen" aus Tampere, Finnland, sowie angeblich rund 300 Freiwilligen. Drehorte: Ein zum Hobby-Filmstudio ausgebauter Schuppen, die U-Bahn, Fastfood-Lokale in Tampere, der verschneite finnische Wald und das Weltall und seine unendlichen Weiten. Für letzteres sorgte eine Reihe Heimcomputer.

Das Resultat kann sich wahrlich sehen lassen. Der Film ist tricktechnisch weit besser als das meiste, was das deutsche Fernsehen seinen Zuschauern so zumutet - und das gleiche lässt sich locker auch von der schauspielerischen Leistung sagen: Klar, denn hier sind Fans am Werk, die sich und ihr Projekt Ernst genug nehmen, sich damit zu identifizieren. Zugleich brauchen sie bei ihrer Persiflage keine Rücksichten zu nehmen: Anders als bei "Haialarm auf Mallorca" und ähnlichen TV-Machwerken wird niemand dafür bezahlt, so zu tun, als hätte das alles einen Sinn.

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Fan-Film: Star Wreck - "In the Pirkinning"

Die ganze Sache ist eine Riesen-Gaudi, und das fanden Schätzungen zufolge bisher auch weit über 1,5 Millionen Fans, die sich den Film aus dem Web herunterluden. Denn natürlich ist der "umsonst" und darf unter der Creative Commons Licence frei verteilt werden. Auch diese Tatsache macht aus dem Film einen Publikumserfolg, wie ihn selten zuvor eine finnische Produktion mit englischen Untertiteln feiern konnte.

Die High-Quality-Version des Films wird auf der Webseite als Xvid-codierte Avi-Datei angeboten. Sie bringt es auf stolze 554 MB Größe und sollte - wenn möglich - über ein BitTorrent-Programm heruntergeladen werden, um einen Kollaps der Server des Anbieters zu verhindern. Für alle, die sich vor dem Download einen kleinen Eindruck machen wollen, steht ein sehr theatralischer Trailer zur Verfügung.

Wer statt dessen etwas für die Nachwuchs-Filmer tun will und eine DVD vorzieht : Die gibt es im Shop der Webseite für 22 Euro - natürlich in finnischer Sprache mit russischen oder englischen Untertiteln. Sowas hat auch nicht jeder.

Wer es nun seltsam findet, wenn halbwegs erwachsene Menschen über sechs Jahre Drehzeit hinweg ihre Freizeit in Operettenkostümen in einem mit blauem Tuch beschlagenen Schuppen verbringen, war selbst wohl nie Fan. Was ein richtiger Serien-Fan ist, der kennt die Inhalte seiner Lieblingsserie besser als deren Autoren. Er lebt mit und zumindest mental auch in seiner Serie. Einmal bei so etwas wie "In the Pirkinning" mitzuwirken, das ist der ultimative Fan-Traum. Früher traten solche Spezialisten bei Wim Thoelke auf, heute werden sie eben im Web aktiv.



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