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31. Januar 2008, 13:30 Uhr

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Übrigens, Karneval juckt

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...wenn man unter der entsprechenden genetischen Anlage leidet. Nordlichter, Bajuwaren und die Preußen im Osten verstehen nur schwer, dass Spass un Freud noch keinem Minsch jeschad hätt. Im Rheinland ist ab heute Ausnahmezustand. Für alle, die trotzdem arbeiten müssen, haben wir Trost parat.

Als ob sie sich bis dahin hinter irgendwelchen Büschen versteckt hielten, begann pünktlich um 11.11 Uhr die Wanderung der Narren. Ganz plötzlich waren sie da. Irritierend infantil aufgetakelte Damen, ein als Waschbär verkleideter Mittvierziger, zahlreiche sehr kleine Prinzessinnen, Cowboys und Zorros sind zu sehen. Nüchtern und meist in eine Richtung ziehen sie, da muss wohl was los sein. Viel später - schließlich scheint die Sonne - werden sie mit oder ohne Hilfe auch den Weg zurück finden. Möglicherweise nicht mehr nüchtern.

Völlig normal: Zwei junge Rheinländerinnen beim Ausleben ihrer so regionalen wie saisonalen Triebe
AP

Völlig normal: Zwei junge Rheinländerinnen beim Ausleben ihrer so regionalen wie saisonalen Triebe

Seit 11.11 Uhr herrscht Ausnahmezustand im Rheinland, die Narren haben das Ruder übernommen. Solche Schilderungen stoßen in ganz Deutschland auf die vordergründig gleiche Reaktion: "Hach!", seufzt man da unwillkürlich, meint aber etwas völlig anderes, je nachdem, wo man herkommt.

"Hach!" sagen sie im Norden, Osten und Süden und meinen: "Ach ja, die Doofen sind wieder unterwegs!"

"Hach!", sagen die aus dem Westen und meinen: "Ach, wäre ich jetzt doch auch dabei!"

Die, die dabei sind, machen seit Donnerstag kurz vor Mittag eher Geräusche, die wie "Alaaf!" oder "Hellau!" klingen - was auch immer das heißen mag. Tatsächlich ist uns (jetzt habe ich mich geoutet) das nämlich völlig egal: Es sind ganz natürliche Laute.

Denn das Feiern zu Karneval ist ein tief verwurzelter Trieb. Die anderen verstehen das nicht. Man muss nicht müssen, fühlt sich nicht genötigt, feiert nicht auf Kommando, nach Kalender. Man lässt den Jecken nur termingerecht raus, weil man es eben dann darf. Klar kann man auch zu anderen Jahreszeiten oder Anlässen feiern. Aber am Vormittag und dann noch als Waschbär?

Viele, viele von uns dürfen aber gar nicht feiern, während nun im Herz des Karnevalslandes bis Dienstag arbeitstechnisch Vollstillstand herrscht. Das juckt und drängt uns Exilanten und ärgert schon ein bisschen: So ähnlich muss sich eine Graugans fühlen, die man an den Füßen festhält, während am Himmel ihre Kumpel gen Süden ziehen.

"Jezz hür ävver dat jammere auf!" würde man in Köln bei solcher Gelegenheit sagen und darauf verweisen, dass wenn man nicht hin kann, man das "fiere" eben zu sich holen müsse. Geht, nonstop, per Web und Livestream aus dem Internet (siehe Linkverzeichnis). Vielleicht schaffen Sie es ja sogar, Ihrem Büronachbarn die seltsamen Geräusche zu erklären. Wo auch immer der herkommt.

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