Surftipps Die WM ist eine Party

Rund ums Thema WM entstehen immer mehr Web-Angebote: Trittbrettfahrer suchen ihr Geschäft, Spötter spotten, und mitunter hat jemand sogar eine pfiffige Idee. So wie Martin Konradi aus Berlin, der einen WM-Partyführer für die Republik erstellt hat - und Input sucht.

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"Mein Name ist Martin Konradi", beginnt eine von Hunderten von E-Mails, die täglich ins Postfach des Ressorts Netzwelt fluten. "Ich habe ein Internetprojekt erstellt, in dem es um lokale Veranstaltungen zur Fussball Weltmeisterschaft 2006 geht."

Eine von vielen Mails rund ums Thema WM, die das Postaufkommen in den letzten Wochen noch einmal deutlich erhöht hat: T-Shirt-Verkäufer suchen den Profit, Fußballverächter werben für ihre WM-Alternativen und jedes zweite Unternehmen sucht Aufmerksamkeit für seine Produkte, indem es sie irgendwie mit Bällen verbindet - mal glaubhaft, mal weniger, mal lachhaft.

Bierernst kommen beispielsweise die Warnungen diverser IT-Sicherheitsunternehmen daher, die anlässlich der WM alle auf die gleiche Idee gekommen sind: Statt vor Viren, fiesen E-Mails und Trojanern zu warnen, warnen sie derzeit vor WM-Viren, fiesen WM-E-Mails und WM-Trojanern. Irgendwie ist ja zurzeit alles ein bisschen WM:

Authentische Szene aus dem deutschen Alltag, 8. Juni 2006; Schauplatz: eine Bäckerei.

Kunde: Ich hätte gern zehn Brötchen.
Verkäuferin: Nehmen Sie elf, ist billiger.
Kunde: Elf sind billiger als zehn?
Verkäuferin: 2,31 Euro. Wenn Sie zehn nehmen, muss ich Ihnen 2,50 abnehmen.
Kunde: Und wenn Sie einfach eines weglassen?
Verkäuferin: Kann ich nicht machen.
Kunde: Dann nehme ich elf.
Verkäuferin: Okay.
Kunde: Die Welt ist voller Wunder.
Verkäuferin: Die Welt ist im Fußballwahn.

Wohl wahr. Doch wie bei Asterix gibt es immer einzelne, die ihre Fußball-freien Enklaven verbissen gegen die Übermacht verteidigen. Alles, was echte Fußballfans der Olé-Olé-Olé-Kategorie gar nicht wissen wollen, kann man zum Beispiel bei Kickit-Berlin erfahren: Die Webseite zu "Nebenwirkungen der Fußball-WM 2006" wird von zahlreichen Antifa-Gruppen, dem Chaos Computer Club und anderen unterstützt. Ganz besonders hat es den Kickit-Leuten verständlicherweise die Datenerfassungsmanie der Fifa angetan.

Auch die Naturfreundejugend Berlin nutzt die WM für die politische Arbeit, allerdings eher als Aufhänger: "Am Thema Fußball lassen sich viele Themen verdeutlichen, die die gesamtgesellschaftliche Entwicklung kennzeichnen: Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Sicherheitspolitik." Klingt trocken, und doch ist der Sache Aufmerksamkeit sicher: Dafür sorgen schon der schöne Kampagnentitel "Vorrundenaus 2006" und die herrliche Verfremdung des bereits hinreichend als dämlich gebrandmarkten WM-Logos.

Motto-Spiele zur WM, bei denen man zumeist in schlechtestem Flash programmiert irgendwelche Bälle in Tore befördern soll, kann oder muss, gibt es natürlich wieder wie Sand am Meer. Wir wollen da exemplarisch nur auf eines verweisen, bei dem der Verdacht naheliegt, dass sich hinter dem beknackten Spielchen so etwas wie eine subtile Kritik verbergen könnte. Auch bei "Flag the Donkey" gilt es, Tore zu schießen - im Trikot der Nationalmannschaft der Wahl. Das allerdings trägt man nur über dem Hintern, und zudem wird der Spieler als Esel dargestellt. Zufall?

Wie auch immer: Das Spielchen stellt selbst den versierten Spieler vor eine echte Herausforderung. Wer mit dieser hakeligen Steuerung zurecht kommt, ist fraglos unterbeschäftigt und hat zu viel Zeit zum Üben. Viel Spaß dabei.

Den hat augenscheinlich auch "Stefano di Ficchiano", dessen doofer WM-Song eine der Hauptattraktionen der Webseite "Discofussball.de" darstellt. Das Ding sollte eine Warnung "Bitte nicht ansurfen" tragen: Entweder die Seite mit Videotagebuch, so gut wie leerer Spielerfrauen-Galerie und Fussball-T-Shirt-Verkauf ("di Ficchiano 69") ist als Satire gemeint, oder aber... - tja, was?

Sie spricht niederste Proll-Instinkte an, wie Mann sie nur durch intensives Training am Ballermann, in Hölle-Hölle-Hölle-Dissen oder beim sonntäglichen Tuning-Freunde-Treff an der Wattenscheider Autobahnraststätte zur Ausprägung bringen kann.

Am sozusagen nahezu seriöseren Ende der WM-Trittbrettfahrerei offeriert dagegen WM06call.de die seltsame Dienstleistung, sich extra für die WM-Zeit eine "ultimative Wegwerf-Telefonnummer" zu leisten. Nach dem Muster "0700-WM06Call-Ihr-Name" lässt sich die Nummer "auch nach dem 5. Bier noch leicht merken und der Abendflirt geht am nächsten Tag garantiert nicht auf die Nerven".

Denn praktischerweise leitet der Service die Anrufe ins Nirwana eines digitalen Anrufbeantworters - pardon: Anrufentgegennehmers - um und speichert sie dort. Der Nummerninhaber zahlt dafür einen kleinen Obolus, der Anrufende 12 Cent pro Minute aus dem Festnetz. Natürlich gibt es dazu auch noch passende T-Shirts. Klingt so verrückt, dass darauf auch die UMTS-Spezialisten in den Entwicklungsabteilungen der Mobilfunkunternehmen hätten kommen können. UMTS-T-Shirts ließen sich übrigens bestimmt auch leichter vermarkten als das Produkt selbst.

In Mache: Der ultimative Party-Guide

Kein Zweifel: Die WM-Zeit bringt lauter Ideen hervor, auf die wir alle eigentlich nicht gewartet haben. Sogar unsere Kanzlerin hat die WM zum Anlass genommen, ab sofort wöchentlich eine Neujahrsansprache im Stil des Wort zum Sonntag zu veröffentlichen. Das Web ist halt groß und schön und bietet viel Platz für alle denkbaren Dinge, ob man sie nun braucht oder nicht.

Allerdings gibt es Ausnahmen, und hier schließt sich der Kreis: Was sich der Berliner Martin Konradi mit seiner Domain "Fussballwm2006.in"  ausgedacht hat, ist eine echte Marktlücke mit Wert für den Web-Nutzer: Er will ein bundesweites Verzeichnis der WM-Partys zustandebringen. Noch ist der Katalog weitgehend leer, aber das könnte sich sehr schnell ändern. Ganz schnörkellos erklärt Konradi die Grundidee auf seiner Webseite:

"Auf dieser Seite werden Veranstaltungen, die außerhalb der Stadien überall in Deutschland stattfinden, in Kalenderform veröffentlicht. Jeder kann kostenlos Termine eintragen. Ob es sich dabei um ein außergewöhnliches Event mit Public-Viewing, eine WM-Party oder eine Fernsehübertragung in Kneipen oder Biergärten handelt, spielt dabei keine Rolle."

Das Ziel: durch Anhängen des jeweiligen Stadtnamens an die "in"-Domain zu einem wahrhaft lokalen Überblick zu kommen: z.B. "Fussballwm2006.in/hamburg". Das hat was.



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