Synergie Videospiele verkaufen Musik

Die Musikindustrie beginnt, Videospiele als Vermarktungsplattform zu entdecken. In Spielen wird nicht nur geworben, auch ihre Soundtracks lassen sich inzwischen gewinnbringend verkaufen. Sogar ein paar echte Videospiel-Rockstars gibt es schon.


Tim Riley ist Musik-Scout und war auf der Musikmesse MIDEM in Cannes wieder unterwegs auf der Suche nach dem richtigen Sound. Latino-HipHop ist bei ihm gerade besonders angesagt. Einen Plattenvertrag hat Riley allerdings nicht zu vergeben. Denn er ist auf der Suche nach der richtigen Musik für die dritte Folge des Videospiels "True Crime". "Wenn alles stimmt, dann ist das eine fantastische Gelegenheit für einen Künstler", sagt Riley, der als weltweiter Musikchef des Spieleherstellers Activision schon so manche neue Gruppe entdeckt hat.

Selasee: Nachfrage durchs Spiel angekurbelt

Selasee: Nachfrage durchs Spiel angekurbelt

Videospiele werden mit den zunehmenden Möglichkeiten der Konsolen und den wachsenden Budgets der Spielehersteller für Musiker und ihre Labels immer interessanter. Zumal im Gegenzug Plattenfirmen immer weniger Geld für Künstler ausgeben. Die Band Fall Out Boy habe in einer Woche 70.000 mal ihr neues Album verkauft, nachdem ihre Musik im Skate-Board-Game "Tony Hawk's American Wasteland" erschienen war, berichtet Riley. "Die wurden nicht im Radio gespielt. Das einzige, was den Verkauferfolg erklärt, ist das Spiel."

Als Electronic Arts die Single "Run" des ghanaischen Reggae-Musikers Selasee für das Spiel "FIFA 2006" erwarb, hatte dieser noch kaum einen Song verkauft. Seitdem schießt die Nachfrage nach seinem Album in die Höhe, es ist auch bei iTunes und Napster im Angebot. Inzwischen spielt Selasee auch auf größeren Veranstaltungen. "Wir kriegen Anfragen aus Australien, der Türkei, der Schweiz, aus Deutschland und natürlich aus den USA und Kanada", sagt sein Manager Louis Rodrigue. "Seit dem FIFA-Spiel macht Selasee Karriere."

Der Anteil der Videospiele am Musikmarkt mag derzeit noch klein sein, die Industrie beobachtet die Entwicklung aber aufmerksam. "Es ist ein sehr kleiner, aber interessanter Wachstumsbereich", sagt Adrian Strain, Sprecher des Internationalen Verbandes der Phonoindustrie (IFPI). Branchenkenner erwarten, dass der Einfluss der Spiele auf den Musikmarkt drastisch wachsen wird, wenn die Spieler direkt über ihre Konsolen per Mausklick online Songs oder ganze Alben kaufen können. "Und das wird kommen", ist sich John Booth von Sony Entertainment Europe sicher.

Die neueste Konsole von Microsoft, die Xbox 360, ist derzeit noch nicht dafür ausgerüstet, dass Musik online gekauft oder auf andere Geräte überspielt werden kann. Aber die Verkäufe über das Online-Portal MSN lassen den Konzern aufhorchen. "Wir verkaufen viel Xbox-Musik über die Download-Seite", sagt Jon Kretzer von MSN Music. "Das Interesse ist sehr groß."

Viele Videospiele setzen bei der Musik auf eine Mischung von bekannten Künstlern und unbekannten Gruppen. Einige Spiele brauchen aber einen ganz speziellen Sound. Die Firmen geben sehr viel Geld für Komposition und Produktion aus. Dann kommen auch ganze Orchester und Chöre zum Einsatz, wie bei der Musik von Harry Gregson-Williams in "Shrek" oder von Howard Shore zu "Lord of the Rings".

"Die Zeit der Hinterzimmer-Musiker ist vorbei", sagt John Broomhall, ein britischer Produzent von Game-Musik, der schon mehr als 50 Titel herausgebracht hat. In Japan wird die Musik aus Spielen schon lange auch getrennt als CD verkauft oder zum Download angeboten. In Europa und den USA hat es die Musik aus Spielen noch etwas schwerer, ernst genommen zu werden. "Sie hat immer noch ein gewisses Stigma", sagt der Berater Alastair Nicholson. Dabei gebe es eigentlich kaum noch einen Grund, "warum Musik aus Spielen in künstlerischer Hinsicht nicht genau so gut sein sollte wie Filmmusik".

Von Laurence Frost/AP

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