Syrian Electronic Army Wie eine Hackertruppe Assad unterstützt

Hacken für Assad: Die Syrian Electronic Army stört Websites wie die der "New York Times", setzt Falschmeldungen in die Welt und bringt sogar Börsenkurse in Gefahr. Das Chaos dient dem Regime in Damaskus.
Botschaft der Syrian Electronic Army: Assad-Fans hacken sich durchs Web

Botschaft der Syrian Electronic Army: Assad-Fans hacken sich durchs Web

Mehr als zwei Millionen Twitter-Nutzer verfolgen die Nachrichten der Associated Press. Im April übernahmen Unbekannte den Account der Agentur und schlugen Alarm: "Zwei Explosionen im Weißen Haus, Obama verletzt." Eine Falschmeldung, die in den folgenden Sekunden Börsenkurse zum Absturz brachte.

Zu dem Hackerangriff bekannte sich eine Gruppe, die in den vergangenen Monaten immer wieder große Websites manipuliert hat: die Syrian Electronic Army (SEA), eine Gruppe von Assad-Unterstützern. Am Dienstag nun traf es die "New York Times", deren Seite für Stunden nicht erreichbar war.

Seit Mai 2011 tritt die SEA öffentlich in Erscheinung. Die Hacker brüsten sich damit, mehr als 130 Websites gehackt und mit Assad-Propaganda versehen zu haben. Nach eigenen Angaben besteht die Gruppe aus enthusiastischen Jugendlichen. Man wolle nicht länger tatenlos zusehen, wie in westlichen Medien ein falsches Bild vom Aufstand in Syrien gezeichnet würde, hieß es auf einer Website der SEA.

Selbsternannte Cyber-Kämpfer

Die Zahl der Angriffe auf prominente Seiten hat in diesem Jahr zugenommen. Attacken trafen bereits die BBC, Reuters, "Financial Times", NPR, "60 Minutes", "The Onion", "Washington Post" und die Universität Harvard. Über wechselnde Websites und Twitter-Accounts  vermeldet die Gruppe ihre Erfolge. Weil Twitter diese Accounts immer wieder sperrt, sind sie in ihrem Profilnamen bereits bei Nummer 16 angelangt.

IT-Experten berichten, dass sich Angriffe der SEA noch bis Anfang 2013 zur Syrian Computer Society zurückverfolgen lassen. Die Organisation wurde einst von Baschar al-Assad selbst gegründet und kümmert sich um die Vergabe von syrischen Domains. Laut "New York Times"  soll es personelle Überschneidungen zwischen den selbsternannten Cyber-Kämpfern und der staatsnahen Syrian Computer Society geben.

Oder zumindest gegeben haben: Anfangs soll es sich bei der SEA um eine hierarchische Organisation gehandelt haben, mit Hunderten Unterstützern. Zwischenzeitlich sollen neue Anführer übernommen haben. Die schauen sich zunehmend Taktiken beim Online-Kollektiv Anonymous ab. In Interviews erklärt jemand namens "Th3 Pr0"  die Ziele der Cyber-Kämpfer und bestreitet direkte Verbindungen zum Assad-Regime.

Trojanerjagd auf Oppositionelle

Syrische Oppositionelle halten das für vorgeschoben. Gegenüber der "Huffington Post"  sagte der Aktivist Tareq al-Jazairi, er kenne mehrere Mitglieder der SEA, die zwischen 500 und 1000 Dollar monatlich gezahlt bekämen. Die Hacker würden von Syrien und Dubai aus arbeiten und Unterstützung von Experten in Russland erhalten.

Die Assad-Gegner haben den Verdacht, dass es um weit mehr geht als nur das Verunstalten von Websites. Denn Regimegegner werden offenbar mit Trojanern ausspioniert. Die Programme tarnen sich als Skype-Verschlüsselung und können unter anderem Tastatureingaben mitlesen. Die abgefangenen Daten landen dann auf Servern in Syrien. Mit Hilfe solcher Informationen soll das Assad-Regime Jagd auf Oppositionelle machen.

Der Exil-Syrer Dlshad Othman, der in Washington lebt, berichtete der "New York Times"  von folgendem Vorfall: Im vergangenen Jahr sei die Facebook-Seite des Oppositionsführers Burhan Ghalioun von der SEA gehackt worden. Daraufhin sei versucht worden, seinen Fans Spionage-Software unterzuschieben. Außerdem seien E-Mails von Ghalioun auf einer Website der SEA veröffentlicht worden. Für Othman ist das weder ein Zufall noch ein Ablenkungsmanöver.

"Echte Armee in der virtuellen Welt"

Letztlich lässt sich nur schwer herausfinden, wer nun gerade im Namen der Syrian Electronic Army auftritt - und ob Geheimdienst oder Armee dahinterstecken. Hinweise deuten mindestens auf eine Verflechtung mit der Syrian Computer Society hin. Es scheint nur schwer vorstellbar, dass eine derart prominente Hackergruppe in dem autoritären Staat gegen den Willen der Machthaber staatlich kontrollierte Infrastruktur nutzen kann.

Für das Assad-Regime könnte es vorteilhaft sein, nicht all zu deutlich in diesem Cyber-Konflikt in Erscheinung zu treten. Bisher befindet sich Syrien in einem Bürgerkrieg - Cyber-Angriffe auf Websites in den USA und Europa könnten zu einer weiteren Verschärfung der internationalen Spannungen führen. Dass der Bürgerkrieg nicht nur mit Soldaten, Panzern und Flugzeugen geführt wird, sondern auch im Internet, steht dabei außer Frage.

Assad selbst soll die SEA in einer Rede an der Universität in Damaskus vor zwei Jahren lobend erwähnt haben. Laut einer Übersetzung  bezeichnete er die Cyber-Truppe als "echte Armee in der virtuellen Welt", als er zur Unterstützung seiner Soldaten im Kampf gegen die Opposition aufrief.