"Tatort"-Faktencheck Können Hacker Städte abschalten?

Ein Computergenie zeichnet per Kontaktlinse Videos auf, sorgt für einen Stromausfall in Frankfurt. Vieles am aktuellen "Tatort" ist noch Zukunftsmusik, könnte aber schon bald real werden.

Szenenfoto aus dem "Tatort"
HR/ Degeto/ Bettina Müller

Szenenfoto aus dem "Tatort"

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Zunächst ist da nur der Verdacht: Der Nachbar ist verschwunden, er hatte Streit mit dem Computerfreak Nils Engels. Die Kommissare Anna Janneke und Paul Brix besuchen den seltsamen Start-up-Gründer, der autistische Züge trägt, in seinem festungsartig ausgebauten Haus.

Engels hat das ehemalige Anwesen seiner Großmutter in ein Smart Home umgebaut. Der steril anmutende Rasen wird von einem Roboter gemäht, Sicherheitskameras haben jeden Winkel des Grundstücks im Blick, die meterhohe Umzäunung steht unter Strom.

Vieles im aktuellen "Tatort" mit dem Titel "Wendehammer" könnte aus einem Prospekt zur Zukunft des Wohnens stammen. Beispielsweise öffnet der Computerspezialist seine Türen mit einem implantierten Chip. Diese Technik wird bereits von einigen technikaffinen Firmen und Privatpersonen genutzt. Die Methode funktioniert über einen RFID-Chip, der bei Annäherung an ein Lesegerät Daten überträgt. Sich solche Chips einpflanzen zu lassen geht schnell und fast schmerzlos. Auch Haus- und Nutztiere können mit solchen Chips gekennzeichnet werden.

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"Tatort" aus Frankfurt: Analog-Oldies im digitalen Stellungskrieg

Autonome Rasenmäher erleichtern inzwischen vielen Gartenbesitzern die Arbeit. Das gleiche gilt für den sprachgesteuerten digitalen Assistenten, den Engels nutzt. Zwar sind reale Vorbilder wie Amazons Alexa Echo oder Googles Home noch nicht ganz so weit entwickelt, wie es der Assistent im Haus des Computerspezialisten vorgibt. Doch die Haussteuerung, Kalender- und Erinnerungsfunktion sowie Suchanfragen im Internet beherrschen auch die bereits vorhandenen Systeme.

Ein weiteres Gimmick, das der Nerd im "Tatort" nutzt, ist eine Kontaktlinse, die Videos aufnimmt. Sie wird im Film bei Gefühlsregungen aktiviert und zeichnet das Geschehen aus Sicht des Nutzers auf. Diese Kontaktlinsen sind Teil des Geschäftsmodells, das der Hacker in seinem Start-up gemeinsam mit seiner Schwester und einem Bekannten entwickelt hat.

Eine große US-Firma will die Technologie kaufen, die außergewöhnliche Momente der Nutzer für immer festhalten soll. Engels will seine Anteile jedoch behalten und fühlt sich von dem US-Konzern bedroht.

Noch nicht serienreif, aber weit fortgeschritten

Derartige Kontaktlinsen sind derzeit noch nicht zu bekommen. Firmen wie Google, Sony und Samsung haben aber bereits Patente auf ähnliche Technologien angemeldet. Bei Sony soll die Technik in der Linse stecken. Ausgelöst werden sollen Aufnahmen, ähnlich wie im "Tatort" skizziert, durch kontrolliertes Blinzeln.

Noch ist die Technologie allerdings nicht klein genug. Die Tatsache, dass mehrere große Unternehmen daran forschen, lässt aber den Rückschluss zu, dass Kontaktlinsen mit Videofunktion in Zukunft Wirklichkeit werden könnten.

Weit fortgeschritten ist dagegen bereits die Arbeit an einer anderen smarten Kontaktlinse. Google will damit den Glukosegehalt der Tränenflüssigkeit messen. Für Diabetiker würden damit andere Messmethoden entfallen. Auch diese Technik ist noch nicht serienreif.

Schließlich wird Engels durch eine Aufzeichnung seiner Kontaktlinse überführt, seine Schwester von einer Treppe gestoßen zu haben. Nachdem der Nachbarsjunge beim Kontakt mit dem Stromzaun des Unternehmers einen schweren Unfall erleidet, verabredet die Nachbarschaft offenbar dessen Tod.

Dabei machen sich die Täter Engels Hundephobie zunutze. Sie setzen seinen Zaun unter Starkstrom, hetzen Hunde auf ihn. Als er versucht, vor den Tieren zu fliehen, gerät er in den Zaun, stirbt am Stromstoß. Wenig später fällt in Frankfurt der Strom aus. Als eine Art Lebensversicherung hatte Engels Schadsoftware in das Stromnetz eingeschleust, die die Versorgung der Stadt lahmgelegt, wenn er nicht regelmäßig ein Codewort eingibt.

Möglich, aber nicht wahrscheinlich

Die Bundesregierung warnt schon länger, Kriminelle könnten kritische Infrastrukturen wie Stromnetze und Wasserwerke angreifen. Sicherheitsfirmen führen den Ausfall der Stromversorgung im Westen der Ukraine kurz vor Weihnachten 2015 auf einen Hackerangriff zurück. Sie entdeckten in den Computern einiger Versorger die Schadsoftware "Black-Energy".

Auch in Deutschland ist ein Hackerangriff auf das Stromnetz möglich. Ob es dadurch zu einem Totalausfall käme, wie ihn der "Tatort" zeigt, ist unklar. Seit einigen Jahren investieren die Versorger verstärkt in die Sicherheit.

Sicherheitsexperten gehen zudem davon aus, dass eher staatliche Akteure ein Interesse daran hätten, die Infrastruktur eines Landes anzugreifen. Eine Schadsoftware als Hacker-Lebensversicherung scheint eher unwahrscheinlich. Möglich ist ein solches Szenario dennoch.

Die im "Wendehammer" gezeigten Technologien lassen den "Tatort" nicht unrealistisch erscheinen, auch wenn viele noch nicht marktreif sind. Das Szenario könnte sich in naher Zukunft ähnlich abspielen. Noch ist die Fiktion der Wissenschaft allerdings voraus.



insgesamt 16 Beiträge
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!!!Fovea!!! 19.12.2016
1. Langweiliger
Kram. Keine Action, sinnlose Kommentare, eine Kommissarin die per Augenaufschlag versucht lustig zu sein. Gähnender Einschlaffilm, dagegen ist ja das Adventsfest der 100.000 Lichter eine gut gemachte Action Inszenierung. Ein Tatort der nur Paranoia schürt. Wiedermal eine Fehlinvestition von Zeit und Zwangsbeitrag.
thevicar 19.12.2016
2. Kopiert
Da hat einer das Buch von Marc Elsberg , BLACKOUT, in Scene gesetzt.
schumbitrus 19.12.2016
3. Bessere Frage: Inwiefern können Stakeholder eine Realität schaffen, ..
Bessere Frage: Inwiefern können Stakeholder eine Realität schaffen, die sie ihren Interessen unterwerfen, ohne dass sie dafür Verantwortung übernehmen müssen (Schirrmacher lässt grüßen ..). Der Film hat ja sehr klar gemacht, dass die Paranoia des Nerds eben NICHT eingebildet war: Der Spitzel mit der Eule und der ermordete Partner am Ende zeigen ja ganz klar, dass im Hintergrund ein sehr mächtiger Stakeholder seine Strippen gezogen hat. Was also, wenn dieser Stakeholder im Hintergrund den Fortgang der Dinge in der Form beeinflusst hat, der er "ihm gewogene" Entwicklungen unterstützt und ihm unpassende Entwicklungen subtil verhindert hat? Diese Fragestellung hinter "Big Data" hat Schirrmacher aufgeworfen: Wenn die Daten über den einzelnen Aussagen über sein zukünftiges, ganz reales Verhalten zulassen, dann können die Besitzer dieser Daten einen Teil seiner(!) Zukunft vorhersagen - und sich sein Handeln automatisiert zum eigenen Vorteil machen bzw. ihn daran hindern, sein vorhersehbares Handeln umzusetzen. In diesem Fall konnte sich der Wettbewerber durch die vorhersehbare Wut der Nachbarn deren Mord am Protagonisten ausrechnen - wenn der Trigger richtig gewählt wurde. Und das war der Starkstrom-"Unfall" des Kindes, den der Protagonist ja bestritt, verursacht zu haben. Einfache Kausal-Kette also: Wettbewerber setzt den Zaun unter Strom, weil bekannt ist, dass ihn die Kinder wohl schon öfter überwunden hatten. Die daraus folgende Wut führt zu einer Lynch-Justiz, die dem Wettbewerber einen Störer bei dessen Expansionsplänen aus dem Weg räumt. Schade, dass diese eigentlich sehr spannende "Schirrmacher-Ebene" des Films hier nicht angesprochen wird und die Diskussion um den Film damit eine intellektuell sehr herausfordernde Dimension verliert.
winki 19.12.2016
4. Mein Kommentar
Gähn!
jujo 19.12.2016
5. ...
Das nehme ich ganz pragmatisch. Nach dem Jahrhundertsturm "Gudrun" hier in Schweden wurden die Stromfreileitungen durch Erdkabel ersetzt. seitdem hatten wir keine Stromausfälle, bedingt durch Wetterlagen, mehr. Der Stromgenerator ist seitdem unbenutzt, ich wollte ihn schon abschaffen, ich denke, ich behalte ihn.
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