Tauschbörsen Der Jäger der Internet-Piraten

Der kalifornische Ex-Hacker Mark Ishikawa jagt mit seiner Firma BayTSP Medien-Piraten im Internet - angesichtsnach wie vor florierender P2P-Börsen ist das ein Boom-Geschäft. Seine Arbeit sieht er als Schadensbegrenzung, die das Problem nicht löst, seine wachsende Firma aber gut ernährt.
Von Jochen A. Siegle

Los Gatos, Kalifornien. Ein unscheinbarer Flachdachbau in einem Gewerbepark am Rande des Silicon Valley. Kein Firmenschild in der Einfahrt, die Parkplätze unmarkiert. Die Türen verriegelt, die Fenster verspiegelt. Selbst die Adresse des hier ansässigen Unternehmens ist nur auf Anfrage zu erfahren - aus Sicherheitsgründen, wie ein Firmensprecher zu verstehen gibt. Schließlich standen hier schon erboste Internet-Piraten mit Baseballschlägern auf der Matte, die sich für die Abstellung ihrer Netz-Zugänge oder sonstige Sanktionen rächen wollten.

Ziel der versuchten Attacke: das Hauptquartier der Firma BayTSP, die weltweit größte Digital-Detektei, die im Auftrag der Unterhaltungsindustrie P2P-Tauschbörsen überwacht und Mediendieben im Netz nachstellt. "Damit macht man sich unter den dutzenden Millionen e-Piraten kaum beliebt", sagt Mark Ishikawa, Chef der vor vier Jahren gegründeten "Web-Tracking"-Firma.

Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr durchkämmt der Kalifornier mit mehreren dutzend Mitarbeitern anhand eigenentwickelter "Spider"-Schnüffeltechnologie die Weiten des Cyberspace nach urheberrechtlich geschütztem Material. Neben File-Sharing-Börsen á la KaZaA durchforsten sie Newsgroups, IRC-Chat-Kanäle und FTP-Server nach illegalen Digital-Dubletten. Täglich fischen sie aus einem Datenmeer von über acht Terrabyte zwischen drei und fünf Millionen raubkopierte Blockbuster und Songs; aber auch Fotos und Software-Applikationen - "ein stark zunehmendes Problem", so Ishikawa.

Allen Klage- und Aufklärungskampagnen internationaler Entertainment-Multis zum Trotz bleibt der virtuelle Medien-Klau en vogue. Kaum einer weiß das besser als Ishikawa, dessen Firma zufolge die Nutzerzahlen bei P2P-Diensten wie dem FastTrack-Netzwerk (an das auch KaZaA angeschlossen ist) oder eDonkey (besonders beliebt in Deutschland) in den letzten zwölf Monaten praktisch konstant bei je rund 2,5 Millionen täglichen Nutzern geblieben ist. Von Blockbustern wie "Day After Tomorrow", "Lord of the Rings"oder "Shrek 2" zählen die BayTSP-Web-Verkehrspolizisten nach wie vor jeden Monat bis zu 70.000 illegale Kopien.

"Es ist lediglich eine Verschiebung von einem Dienst zum anderen festzustellen, so etwa von KaZaA auf eDonkey", sagt Ishikawa. Daneben erfreuen sich kleinere Services wie eMule oder BitTorrent steigender Nachfrage. Nur die ersten Tage nach dem Versand von Abmahnbriefen, Razzien oder sonstigen Polizeiaktionen ging die Zahl der Nutzer regelmäßig zurück. "Vier Wochen später ist jedoch das selbe Niveau wie zuvor erreicht", so Ishikawa, 39, der als Jugendlicher selbst als Cyberkrimineller Schlagzeilen machte und für das Hacking des Servers des Livermore National Labratorys zum Sozial-Dienst verknackt wurde.

Zudem hat sich in den letzten Monaten die Zahl der bei Tauschbörsen verfügbaren Dateien erhöht - bei FastTrack sogar fast verdreifacht. Wobei dieser Zuwachs allerdings auch auf sinnlose Pseudo-Files mit falscher Bezeichnung ("Spoofs") zurückzuführen ist, mit denen sogenannte "Interdiction"-Firmen wie Overpeer im Auftrag der Entertainment-Riesen P2P-Systeme überfluten.

Abschreckungswirkung fraglich

Die Klagewelle der Industrie hat demnach einen fraglichen Effekt, was die Entertainment-Lobbyisten natürlich gar nicht gerne hören: Jonathan Lamy, Sprecher des US-Musikbranchenverbands RIAA, will sich von BayTSP-Daten nicht beirren lassen und verweist lieber auf andere - methodisch nicht unumstrittene - Erhebungen, die belegen würden, dass die globale Kampagne wirke und sich das Raubkopien-Problem "massiv entschärft hat", so Lamy.

Selbst seine Kollegen von der MPAA sind da anderer Meinung: Nach Studien des US-Movie-Verbands saugt inzwischen jeder vierte Surfer Filme aus dem Netz - und geht ergo weniger ins Kino. John Malcolm, oberster MPAA-Rechtewachhund, spricht von einer "wachsenden globalen Epidemie". Praktisch gleichzeitig veröffentlichte dazu der internationale Phonographie-Verband IFPI seinen Jahresbericht, demzufolge das Geschäft mit Raubkopien auch im vergangenen Jahr um vier Prozent zulegte und ein Volumen von 4,5 Milliarden Dollar erreicht haben soll.

Immerhin, und das geben selbst die Kritiker zu, ist es den juristischen Holzhammer-Aktionen der Unterhaltungsbosse gegen Datentauscher zu verdanken, dass der Netzklau in den letzten zwölf Monaten nicht noch weiter außer Kontrolle geraten ist.

Die eDetektive mahnen ab

Jeden Monat verschickt BayTSP im Auftrag von Plattenlabels und Filmstudios - um wen es sich dabei genau handelt, ist streng geheim - eine Million Drohbriefe an P2P-Nutzer und Anbieter von Raubkopien und fordert diese dazu auf, das illegale Material offline zu nehmen und von der heimischen Festplatte zu löschen. Was Ishikawa zufolge auch sehr effektiv sei: In über 80 Prozent der Fälle würden die Betroffenen nie wieder illegale Bits & Bytes tauschen.

Alle vier Wochen also dürfte alleine BayTSP gut 800.000 P2P-Nutzer kalt stellen. Nimmt man dazu noch die Net-Piraten, die die Konkurrenz lahm legt (darunter etwa die Firmen MediaSentry, Ranger Online oder Big Champagne) sollte man meinen, dass der Virtual-Massenklau bald ein Problem von gestern sein müsste. "Denkste, täglich wächst das Piraten-Heer weiter", kontert Ishikawa. "Für jede fest gesetzte Generation scheint unmittelbar die nächste nachzuwachsen."

Worüber der Verschlüsselungsexperte mit der Strubbelfrisur, der einst auch als Sicherheitsberater in Diensten des US-Verteidigungsministerium stand, nicht unglücklich ist. Das anhaltende virtuelle Katz- und Maus-Spiel sichert schließlich florierende Geschäfte: Im letzten Jahr konnte BayTSP seine Belegschaft mehr als verdoppeln; jedes Quartal will man Umsatzsprünge von bis zu 50 Prozent verzeichnen.

Bis Ishikawa die nächsten Piraten ins Netz gehen scheint also nur noch eine Frage der Zeit. Und natürlich der IP-Nummer, anhand deren sich jeder Internet-Nutzer (mit Hilfe des Zugang-Providers) bei allen Bewegungen im Internet eindeutig identifizieren lässt. "Am Ende bekommen wir sie eben doch alle", sagt der Ex-Cyberpunk. "Doch bei uns ist das wie bei der richtigen Polizei: Wann immer man glaubt, alle Bösewichte eingesperrt zu haben, gibt es weitere Verbrechen."

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