Tech-Bloggerin McCarthy Das berüchtigte Partygirl des Silicon Valley

Sicher ist vor Megan McCarthy niemand: Die Klatschkolumnistin im Silicon Valley plappert auf dem Tech-Szeneblog "Valleywag" alle Sünden der Dot-Com-Millionäre aus - selbst angebliche Haarverpflanzungen. Ihre Geheimwaffen: Charme und Tequila-Shots.

San Francisco - Happy Hour im "Slide", einer In-Bar in der Downtown San Franciscos. Am Eingang hängt eine Samtkordel, bewacht von einem Türsteher. "Privatparty", sagt der mit eisig-verbietendem Lächeln. Erst wenn der Name des Gastes auch auf seiner Liste steht, spricht er die Zauberformel: "Okay, have fun."

Alte Tradition eben: Das "Slide" war in seinem früheren Leben ein Prohibitions-Speakeasy, in das man nur mit Codewort kam. Ironisch, dass einer seiner Besitzer heute der Web-2.0-Pionier Jonathan Abrams ist, der Gründer der Kontakt-Site Friendster. Die rühmt sich ihrer egalistischen Offenheit - nur an diesem Abend im "Slide", da herrscht erlesene Exklusivität.

Unten im dunklen Souterrain, umweht von Lounge-Musik, drängelt sich nämlich die "A-List" der Dot-Com-Szene. Die Nachwuchsstars des Silicon Valley, Männer mit breitem Kragen, Frauen in knappen Blusen: "Girls in Tech", so lautet der Anlass ihrer geschlossenen Geselligkeit bei Champagner und Corona-Bier - "Networking" zur Förderung des in dieser Branche unterrepräsentierten Geschlechts.

Lässig an einen Tresen gelehnt, mustert Megan McCarthy das Treiben. Sie trägt ein tief dekolletiertes T-Shirt, einen Rock und hohe Lederstiefel. Auch ohne die wäre sie mit ihren 1,83 Metern unübersehbar. In der rechten Hand hält sie ein Champagnerglas, in der linken einen Notizblock und einen Stift. McCarthy ist nicht (nur) zum Spaß hier. Sie ist bei der Arbeit.

Deals an der Bar

Immer wieder sticht sie in die beschwipste Menge. Verwickelt jemanden in ein Gespräch, gurrt, flirtet, lacht, macht Notizen. Jeder scheint sie zu kennen, und sie kennt jeden. Der hochgeschossene Mann zum Beispiel, der ihr freundlich das Champagnerglas nachfüllt, ist Larry Chiang, ein junger Startup-Multimillionär.

Denn Megan McCarthy, 28, ist die berüchtigtste und, so behaupten einige, am besten unterrichtete Nightlife-Kolumnistin im Silicon Valley. Und das, obwohl sie erst seit nicht mal sechs Monaten für "Valleywag" schreibt, einen respektlosen wie renommierten Skandal- und Klatsch-Blog über die Tech-Szene. Ihr Job: "Partys und so'n Zeug." Ihr Sold: "Alkohol und Boys." Mangels Visitenkarten reicht sie einem einen Fetzen Papier, darauf handgekrakelt ihre Berufsbezeichnung: "Valleywag Partygirl".

Das ist natürlich absichtlich verharmlosend. McCarthy ist viel mehr als nur ein Partygirl. Ihre hyperbescheidene Art versteckt einen scharfen Blick, eine spitze Zunge - und einen Finger am Puls der Tech-Szene. Denn dieser Puls schlägt zunehmend auch im Nachtleben von San Francisco und Palo Alto, dem etwas stilleren geografischen Herzen des "Valleys".

Dessen jüngste Generation hockt nicht mehr nur am Computer. "Sie sind brillante, enorm schlaue Menschen", sagt McCarthy, "aber sie sind nicht so dröge wie die Oldtimer. Sie sind Mini-Prominente. Sie leben sehr öffentlich". Sprich: Sie machen gerne einen drauf - und fädeln ihre Deals mitunter an der Bar ein. (Wenn auch mit dem Blackberry in der Hand.)

"Startup-trifft-Investor-Schnarchgasmus"

Diese Woche allein hat McCarthy vier Partys im Kalender. Ihre Berichte am Morgen danach werden "von jedem gelesen, vom PR-Mann des Tech-Superstars bis hin zum Ostküsten-Experten, der Valley-schlau sein will", so schrieb "Business Week" über "Valleywag".

Begleitet von Fotografin Lane Hartwell zieht McCarthy um die Häuser und dokumentiert, so das Motto von "Valleywag", "Sex, Gier und Heuchelei" im Silicon Valley. "Wer war auf welcher Party? Wer hat was gesagt?" Und: Wer kommt mit wem, wer geht mit wem, wer ist mehr Schein als Sein? Ein reales Sittenbild einer virtuellen Welt, die sich, wie McCarthy weiß, dieser Tage nur für eins interessiert: "Jeder wartet darauf, dass die zweite Dotcom-Blase platzt. Jeder will das als Erster erkennen." Da wird Klatsch zur heißen Ware.

Und zum heimlichen Ventil für alle die, die ihr sonstiges Dasein hier mit Megageschäften und Konkurrenzkriegen verbringen. "Für ein Valley, das sich selbst zu ernst nehmen kann", sagt Startup-Tausendsassa Chiang, dessen jüngste Website (www.duck9.com) Studentenkredite vermittelt, "ist Megans Talent, sich auf ihrem Blog über die Party-Charaktere lustig zu machen, eine Notwendigkeit." Chiang hat gut reden: Ihn hat McCarthy bisher verschont.

Andere jedoch weniger. "Manches, was Megan schreibt, finde ich gut", sagt der Dotcom-Unternehmer Sanford Barr, dem McCarthy neulich eine Haarverpflanzung nachsagte. "Und manches nicht." Demonstrativ fasst er sich ins schüttere Haar: "Alles echt!"

"Viel Ahnung von Partys und Spaß haben"

"Der gleiche, alte Auflauf von Nervtötern marschierte direkt am überflüssigen Jazz-Trio vorbei, zu den Demos und den Platten mit Hors d'œuvres", lästerte McCarthy einmal über eine Party. Und über eine andere: "Wieder so ein Startup-trifft-Investor-Schnarchgasmus."

Es war diese freche Feder, die McCarthy überhaupt hierher gebracht hat. In Rhode Island aufgewachsen, studierte sie Geschichte und peilte Jura an. Stattdessen landete sie aber in Honolulu, jobbte als Barkeeperin und Texterin und kam dann als Kindermädchen nach Palo Alto, 50 Kilometer südlich von San Francisco. Da wohnt sie bis heute.

Im Internet stieß sie auf Sanford Barrs Stirr-Event, eine regelmäßige Networking-Party für Dotcom-Unternehmer. Sie bot Barr an, Flugblätter zu verteilen. Darüber lernte sie den damaligen "Valleywag"-Redakteur Nick Douglas kennen, der eine Nightlife-Reporterin suchte. "Ich hatte keine Ahnung von der Tech-Szene", sagt McCarthy. "Aber ich hatte viel Ahnung von Partys und vom Spaßhaben."

Visitenkarte aus billigem Massenpapier

"Valleywag", im Februar 2006 gestartet, ist ein Ziehkind des Internet-Unternehmers Nick Denton und seines Gawker-Blogimperiums. Ziel: über alles im Silicon Valley zu berichten, "für das eine normale Zeitung zu respektabel ist", wie es Douglas einmal formulierte. Also Gerüchte, Sünden, Verfehlungen, Skandale. Wichtig dabei: eine völlige Outsider-Perspektive - eine Bedingung, die McCarthy klar erfüllte. Douglas dagegen wurde im November 2006 von Denton gefeuert, weil er seinen "Subjekten zu nahe gekommen" sei.

McCarthy selbst bat bei ihrem Antritt offen um "Tipps, Hinweise, Gerüchte, Vermutungen oder Berichte über Valley-Notabeln, die sich wie Arschlöcher benehmen (Fotos noch besser!)". Schnell wurde sie aber auch selbst fündig. Ihre Geheimwaffen: Charme und Tequila-Shots.

So traf sie bei einem ihrer ersten Einsätze einen Mann, der "seinen Kopf lang genug aus dem Martini-Glas nahm", um zu verkünden: "Eines Tages wirst du damit prahlen, mich kennengelernt zu haben." Der Mann war Jonathan Hare, CEO der Softwarefirma Resilient. McCarthy enthielt die Episode ihren Lesern natürlich nicht vor - verbunden mit der Anmerkung, Hares Visitenkarte sei auf "billigem Massenpapier" gedruckt gewesen.

Meist aber mag McCarthy die Objekte ihrer Klatschbegierde. "Die sind so enthusiastisch", sagt sie. "Denen geht es nicht nur um Dollars oder Ruhm. Die lieben wirklich, was sie tun." Was sie mit McCarthy gemein haben: "Ich liebe meinen Job. Ich gehe aus, trinke umsonst Alkohol und sage den Leuten hinterher, was ich von ihnen halte. Was gibt's Besseres?"

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