Start-up-Treffen Battlefield Berlin

170 Start-ups buhlen in Berlin um die Aufmerksamkeit von Investoren: Auf der TechCrunch Disrupt zeigen junge Firmen, wie sie die Welt verändern wollen. Zum Beispiel mit einem Fahrradschloss und einem Datenstaubsauger.

AOL-Chef Tim Armstrong: Mit "TechCrunch" und "Huffington Post" zurück in Deutschland
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AOL-Chef Tim Armstrong: Mit "TechCrunch" und "Huffington Post" zurück in Deutschland

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Dieses Fahrradschloss ist ein kleiner Computer: Ein Temperatursensor schlägt Alarm, wenn sich ein Dieb mit Eisspray daran zu schaffen macht. Ein Bewegungssensor erkennt Angriffe mit Bohrmaschine oder Säge. Sollte das Rad trotz schrillendem Alarm abhanden kommen, hilft ein GPS-Signal beim Wiederfinden. Auf Schlüssel wird auch verzichtet, stattdessen entsperren Funksender oder Handy das Fahrrad.

Lock8 heißt das smarte Schloss, das Franz Salzmann und sein Team herstellen wollen. Ginge es nur um eine moderne Schließvorrichtung, wäre die Präsentation nun am Ende. Aber der Vortrag auf der TechCrunch Disrupt, einem Schaulaufen für Start-ups in Berlin, wird jetzt erst interessant.

Die Besitzer sollen ihr Rad über eine App von überall auf der Welt für Freunde und Bekannte freischalten können. Auch eine Option zum kostenpflichtigen Vermieten soll es geben: Nutzer der App können sich dann verfügbare Fahrräder auf einer Karte ansehen und buchen, die Schlüsselübergabe entfällt. Eine private Alternative zu Stadt- und Bahn-Rädern: Für diese Idee bekommen die Lock8-Entwickler viel Applaus.

Praktisch statt sexy

Sechs Minuten Zeit hatten sie, um eine vierköpfige Jury und das Publikum von ihrer Idee zu überzeugen. "Battlefield" nennt sich das Format, das gleich mehrfach auf dem Programm der Konferenz steht. Rund 1800 Besucher sind Montag und Dienstag in die Arena am Spreeufer gekommen. Seit drei Jahren richtet die zu AOL gehörende Seite "TechCrunch" das Szenetreffen aus, nach San Francisco, New York und Peking nun erstmals in Berlin.

170 Start-ups stellen sich hier vor, darunter viele, deren Geschäftsmodell erschreckend solide klingt. Mehrere der jungen Firmen wollen das konservative Bankengeschäft zumindest ein wenig aufmischen. Avuba will sich zum Beispiel an einer grafischen Oberfläche fürs Girokonto versuchen, die im Browser und auf Smartphones funktioniert und etwa Kontostand oder Ausgaben optisch aufbereitet. Sieben Euro im Monat soll das die Nutzer kosten, Geldabheben inklusive. Eine große Privatbank kümmert sich um das Konto.

Oder Payleven, eine Firma, die ein Kartenlesegerät für Smartphones und Tablets vorstellt. Kleine Unternehmen sollen so einfacher und günstiger Kartenzahlungen akzeptieren können. Praktisch, aber nicht besonders sexy. Rocket Internet finanziert Payleven, die Start-up-Schmiede der Samwer-Brüder, die mit mehr oder weniger originellen Internetfirmen viel Geld verdient haben.

AOL zurück in Deutschland

Der Chef von AOL, Tim Armstrong, nutzte die Konferenz, um einen Ausbau des Deutschlandsgeschäfts anzukündigen. 2009 hatte sich AOL zunächst verabschiedet und sich in den USA vom Provider zum Medienunternehmen umgebaut. Gerade ist die "Huffington Post" in München gestartet, nun die "TechCrunch"-Konferenz, im kommenden Jahr könnte dann eine deutschsprachige Version der Szeneseite folgen.

Zur NSA-Affäre - AOL wird in geheimen Dokumenten als Datenquelle aufgeführt - wollte Armstrong kaum etwas sagen: Er hoffe darauf, dass sich das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland wieder bessern werde. Immerhin ein paar Start-ups haben die Zeichen der Zeit erkannt und erklären, wie sie die Daten ihrer Nutzer schützen wollen: indem sie überhaupt nur wenige Daten erheben oder die Nutzerdaten verschlüsseln.

Andere wollen Daten befreien, nicht einhegen: Import.io zählt in diese Kategorie. Mit ein paar Klicks soll man mit Hilfe des Dienstes jede Website zum Datenlieferanten machen können. Daten von statischen Websites lassen sich so automatisch und fortlaufend etwa in Tabellen zur weiteren Verarbeitung einspeisen. Die Zahl der offenen Schnittstellen im Web will Import.io mal eben verdoppeln.

Wachsen mit Millionen

Dass Anbieter darauf empfindlich reagieren könnten - in Deutschland wurde dieses Jahr etwa ein Leistungsschutzrecht beschlossen, das selbst kleinste Teile einer Presse-Website lizenzpflichtig machen könnte - ist einkalkuliert. "Wir haben da eine etwas andere Philosophie", sagt Import.io-Gründer Andrew Fogg. Man versteht sich als Plattform, will wie YouTube erst nachträglich reagieren, wenn sich jemand beschwert. Die Daten sind da draußen, sie sollen nun einfacher genutzt werden können.

Die Datenstaubsauger-Firma Import.io kommt dem Klischeebild eines Start-ups schon sehr nahe: Die junge Firma sitzt in London und San Francisco, Investoren haben dieses Jahr bereits 1,3 Millionen Dollar gegeben. Binnen eines Jahre soll der Dienst nun möglichst groß werden, von 16 Mitarbeitern auf ein Vielfaches anwachsen. Auch wenn das aggressive Wachstum nicht hinhaut, hat man es doch zumindest probiert.

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insgesamt 3 Beiträge
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treml 29.10.2013
1. Pressewebsite lizenzpflichtig
In Deutschland wurde dieses Jahr etwa ein Leistungsschutzrecht beschlossen, das selbst kleinste Teile einer Pressewebsite lizenzpflichtig machen könnte. http://ntomail.de
kategorien 29.10.2013
2. Allerdings
Berlin ist der in der Hinsicht europaweit tatsächlich angesagter als London, seit zwei bis drei Jahren, bedingt durch Erfolge wie Wunderkinder oder Soundcloud. Allerdings sind die Konzepte fast aller Start-Ups eher peinlich. Größtenteils geht es um Nieschenlösungen oder Communityblabla, wo über Werbung Geld gemacht werden soll -- in fast allen Fällen erfolglos. In Europa gibt es eigentlich kaum risikoorientierte Investoren mit viel Kapital, unabhängig davon, wie sich manche wichtig machen. Daher dreht sich noch immer alles um die USA.
bronck 30.10.2013
3. Fahrradschloss mit Alarmanlage?
Die Digner gibt es doch schon eine gefühlte Ewigkeit. Und genau so lange sind die Dinger völlig sinnlos, weil sie die Piepserei dauernd völlig grundlos anspringt und kein Fahrradbesitzer dauernd Besuch von mit Heugabeln und Fackeln bewaffneten um den Schlaf gebrachten Nachbarn haben will. Totgeburt das Ding. Aber Hauptsache "irgendwas mit Smartphone" und "irgendwie 2.0"...
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