Technologiekonferenz D8 Ballmer ballert, Steve Jobs philosophiert

Apple-Boss Steve Jobs war da, Microsoft-Chef Steve Ballmer klopfte Sprüche - auf der Tech-Konferenz D8 in Kalifornien sprachen IT-Chefs über die digtiale Zukunft, ohne viel zu wagen oder zu sagen. Am Ende ist klar: Die Hoffnungen sind groß, die Angst vor Fettnäppchen und Fehlprognosen ist größer.

Asa Mathat

Von und


Microsoft-Boss Steve Ballmer hat ein großes Talent für markige Sätze. Wenn Ballmer sich vorbeugt und Sprüche klopft, dann hat das Wumms. Bei der Technologiekonferenz D8 in Kalifornien war es diese Woche wieder so weit. Wobei es diesmal jedoch eine kleine Provokation brauchte, die Ballmer nicht unbeantwortet lassen konnte, um ihn überhaupt aus der Reserve zu locken.

Apple-Boss Steve Jobs hatte auf dem Podium ruhig, klar artikuliert und mit Denkpausen und interessanten Analogien über den Niedergang des PCs, wie wir ihn kennen, philosophiert: "Als wir eine Agrarnation waren, waren alle Autos große Nutzfahrzeuge. Als die Menschen in die Städte zogen, kauften sie kleine PKW. Ich denke PC werden sich zu Nutzfahrzeugen entwickeln. Weniger Menschen werden sie brauchen."

Am Tag drauf beugt sich Steve Ballmer vor und liefert selbstsicher seine Antwort: "Ich denke, Menschen werden in den kommenden Jahren mehr und mehr PCs nutzen."

Klar, ein paar PCs würden anders aussehen, aber der Bedarf an einem Computerding, das alles erledigt, was man erledigt haben will, werde bleiben. Und überhaupt, so Ballmer: Wer habe den schon das Geld, sich vier, fünf Geräte als Computerersatz gleichzeitig zu halten?

Das ist schöne, klare Ballmer-Logik. Allerdings lag der Microsoft-Boss mit ähnlich markigen und bodenständigen Sprüchen schon ein paar Mal daneben. Anfang 2007 lachte Ballmer, auf das iPhone angesprochen, auf: "500 Dollar, gebunden an einen Mobilfunkvertrag? Das ist das teuerste Mobiltelefon der Welt und es kommt bei Firmenkunden nicht an, weil es keine Tastatur hat." Heute ist alle Welt schlauer und Apple verdient nicht nur am Telefon, sondern auch an den Milliarden Anwendungen, die über Apples Monopol-Softwareladen fürs iPhone verkauft werden. Das Video von Ballmers Fehlprognose hat Kultstatus bei YouTube.

Fettnapf? Nein danke!

Über Googles Handy-Betriebssystem Android wunderte sich Ballmer Ende 2008. Vielleicht verstehe das jemand, er jedenfalls nicht: "Wenn ich meinen Aktionären erkläre, wir haben ein tolles Produkt vorgestellt, bei dem es keinen Refinanzierungsplan gibt - ich bin mir nicht sicher, ob sie das mögen würden." Im Frühjahr 2010 kamen laut den Markforscher den NPD Grroup Mobiltelefone mit dem Google-System Android in den Vereinigten Staaten auf einen Marktanteil von 28 Prozent - der Werbekonzern Google sichert sich einen Kanal im Markt für Mobilwerbung.

Bei dieser Prognosekraft ist Steve Ballmers Lobgesang auf den PC eher ein schlechtes Omen. Letztlich aber waren sie auch nicht mehr als Selbstverteidigung: Auf der diesjährigen D8 lieferte Ballmer von sich aus sonst keine Prognosen oder Visionen, an denen sich künftiger Spott entzünden könnte. Bitter für ihn: Dafür spotten nun ganz aktuell Tech-Blogs wie The Register, Ballmer hätte nicht mehr als eine Demonstration der Mittelmäßigkeit zu bieten gehabt. Der Microsoft-Chef habe sich ausführlich über die Produkte der Konkurrenz ausgelassen, eigene Pläne aber nicht zu bieten gehabt.

Wie auch, über die wichtigen Trends herrscht aktuell mehr Einigkeit als je zuvor. Wenn man genau hinhört, sind sogar die Prognosen von Steve Jobs und Steve Ballmer gar nicht so verschieden. Beide gehen davon aus, das Menschen immer mehr Geräte nutzen werden, die einen Teil der Aufgaben des klassischen Computers übernehmen. Ob diese Dinger nun Telefon, Tablets oder sonstetwas sind, Ballmer glaubt, dass ein Microsft-Betriebssystem auf allen laufen kann: "Für einen Mann mit einem Hammer sieht alles aus wie ein Nagel. Wir haben einen Hammer." Über die Nägel streitet niemand, allein um das Hammer-Modell gibt es derzeit Diskurse.

Alles hofft auf Flachrechner und räumliche Bilder

Zu wenig, um selbst im Rahmen einer höchst prominent besetzten Konferenz der Branchen-Bosse zu polarisieren. So oder so starrt derzeit alles nur noch auf die neuen mobilen Geräteklassen, mit denen so viele Hoffnungen verbunden werden - und hier natürlich auf den derzeit Standards setzenden iPad von Apple und die Flut der für die zweite Jahreshälfte erwarteten Epigonen und Konkurrenz-Konzepte.

Das gilt für keine Branche mehr als für die Medienunternehmen. Ein Jahrzehnt, nachdem Shawn Fannings Napster und der darauf folgende Boom der P2P-Börsen die Musikindustrie in eine existenzbedrohende Krise stürzten, müssen nun die Medienunternehmen die teils schädlichen Nebenwirkungen des technischen Wandels erleben. Vor allem Inhalte aus Film und Fernsehen werden zur massenhaft kopierten und über das Netz verteilten Ware.

Das ist in den P2P-Börsen zwar schon lange so, galt aber auch lang als marginales Problem. Inzwischen aber sind es Streamingseiten, über die der Web-TV- und Filmkonsum läuft, und das ist keine Minderheitenanwendung für informierte Freaks mehr, sondern mehrheitsfähig: Bis 2014, glaubt etwa der Infrastruktur-Entwickler Cisco Systems, werde - legale und illegale Angebote zusammengefasst - 91 Prozent des Internet-Datenverkehrs auf Videoinhalte entfallen. Schon ab 2011 wird es mehr Streaming-Verkehr als Filesharing geben. 51 Prozent der erwachsenen Amerikaner, behauptet eine neue Studie des PEW-Instituts, konsumieren inzwischen Online Videoinhalte.

Visionslose Zone: Ach, was sind wir alle gut!

Auf der D8 aber gab es keinen Ton dazu oder wie die Branche darauf reagieren will, stattdessen zelebrierten sich die TV- und Filmgrößen vor allem selbst. DreamWorks-Chef Jeffrey Katzenberg und Avatar-Regisseur James Cameron sangen das Hohelied des 3D-Kinos, das so gut sei, dass Leute dafür Aufpreise bezahlten. So wie Ballmer den PC lobte und Steve Jobs seine Produkte, lobten die beiden das Kino, Comcast-Chef Steve Burke das tolle Potential des TV-Kabelgeschäftes und AOL-Chef Tim Armstrong die goldenen Aussichten seines wankenden, ehemals boomenden Internet-Portalanbieters.

Armstrong zumindest klammerte sich nicht an den Status Quo und die Selbstbeweihräucherung der eigenen Bilanz. Als frischgebackener Chef eines Krisenunternehmens musste er so etwas wie Vision liefern - und tat dies mit einem Loblied lokaler journalistischer Inhalte. Denn da entdeckt er sein Potential: Während und auch weil in den USA die Lokalzeitungen sterben, wachse Online die Nachfrage nach lokalen Informationen. Journalismus sei eine Sache, in die AOL investieren wolle.

Was genau damit gemeint ist, mag derweil auf einem anderen Blatt stehen: AOL ist auch Betreiber von Seed.com, einem der zahlreichen neuen Dienste, die nachfrageorientierten Journalismus treiben: Letztlich geht es um Aufträge, die für die Journalisten sogar durchaus lukrativ sein können. Die Grenze zwischen Journalismus und dem, was man Online so gern "Inhalt" nennt, ist hier fließend: Mehr lässt sich verdienen, wenn man gefragte Themen bedient.

Ansonsten, hatte Apple-Chef Steve Jobs zu Beginn der Konferenz klargemacht, sollten Medienunternehmen besser auf das Prinzip Aldi setzen, wenn sie am Boom der neuen Technologien teilhaben und profitieren wollten: Alles möglichst billig anbieten und massenhaften Absatz hoffen.

Kleingeld als Hoffnungszeichen

Wenn man sich ansieht, was dabei herauskommt, wenn man herkömmliche Preisstrukturen auf die Welt neuer Medienträger wie den iPad überträgt, ist das schon fast nicht mehr zynisch, sondern verständlich. Rupert Murdoch übte auf der D8 ungewöhnliche Transparenz und Offenheit und machte öffentlich, was er mit seinen ersten iPad-Gehversuchen so umsetzte.

Dass 5000 Menschen in der ersten Woche nach Veröffentlichung der iPad-App die "Times" bezahlten, verbuchte er als Erfolg. Klar, denn bei allem Hype um Apples Flachrechner ist das Ding doch noch selten in freier Wildbahn zu sehen - und nur ein Bruchteil seiner Nutzer dürften zudem an Nachrichten so interessiert sein, dass sie dafür in die Tasche greifen. Jetzt wartet die Branche gespannt darauf, wie viele dieser 5000 sich als Neugier-Käufer in iPad-Euphorie entpuppen und wie viele am Ende wirklich als E-Abonnenten hängenbleiben.

Dass Murdochs Achtungserfolg überhaupt auf so viel Aufmerksamkeit stößt, sagt eine Menge darüber aus, wie hoch die Hoffnungen gehängt werden, wie groß andererseits die Ängste sind, die mit dem E-Thema verbunden werden. Ein Gesamtumsatz von 49.500 Pfund würde bei Murdochs News Corp. normalerweise wohl eher unter "Kaffeekasse" verbucht - insbesondere, da von diesem Geld ja noch Apples Kommissionen abgehen.

Alles in allem hinterlässt die D8 also einen schalen Beigeschmack: Das Branchentreffen der digitalen Konzerneliten 2010 produzierte keine Nachrichten, keine Neuigkeiten, keine Visionen und Prognosen, stattdessen Wasserstandsmeldungen, Selbstvergewisserungen, Selbstlob und dosierte Attacken auf den jeweils direkten Konkurrenten. Nichts, was man in Jahresfrist als Fettnapf oder Fehlprognose vorgeworfen bekommen könnte. Wären es nicht die Chefs und Unternehmenslenker selbst gewesen, die so viel Erwartbares absonderten, kein Mensch hätte Notiz genommen.

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