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Teenager-Seglerinnen Daily Soap auf den Weltmeeren

Mein Boot, mein Blog, mein Twitter-Account: Jessica Watson und Abby Sunderland, beide 16, segeln allein um die Welt - doch Tausende Facebook-Fans und Internet-Freundinnen sind ständig live dabei. Die jugendliche Jagd nach Rekorden ist ein gutes Geschäft geworden und ein mediales Hightech-Event.
Von Miriam Sulaiman

"Ich rief aus meiner Kabine zu einem imaginären Mann an der Spitze, 'Wie lässt sie sich lenken?' Und wieder, 'Ist sie auf Kurs?' Als ich keine Antwort bekam, wurde ich umso mehr an meinen Zustand erinnert."

Sein Zustand?

Einsamkeit, totale Isolation. Drei Jahre und zwei Monate allein auf See. Nicht wissend, ob er lebend ankommt oder nicht. Ohne jede Möglichkeit, Hilfe zu bekommen.

Joshua A. Slocum schrieb seine Erlebnisse im Bestseller "Sailing Alone Around The World" nieder. Er war der erste Segler, der im März 1895 erfolgreich allein die Reise um die Welt antrat. Von Autopilot, GPS-Ortung oder Solarzellen war sein Boot weit entfernt. Die "Spray", ein ehemaliges Austernfischerboot, hatte wenig gemein mit modernen Weltumseglungsvehikeln, die heute "Ella's Pink Lady" oder "Wild Eyes" heißen. Hightech-Boote mit Satellitentelefonen, Navigations- und Kommunikationscomputern sind das, auf denen man physisch allein sein mag, das aber mit Millionen Menschen teilen kann. Jederzeit.

Neben der Ausstattung hat sich auch die Besatzung geändert. Während Slocum mit 51 Jahren in See stach, unterbieten sich die jetzigen Weltrekordanwärter mit ihrem Alter. Die 16-jährige Jessica Watson kehrt an diesem Wochenende nach Sydney zurück, während die um fünf Monate jüngere Abby Sunderland ihre eigene Tour im Januar begann. Von jener extremen Einsamkeit, die Slocum verspürt hat, sind sie weit entfernt. Während der 28-jährige Jesse Martin bei seiner Weltumsegelung vor zehn Jahren einmal wöchentlich einen Artikel für die Tageszeitung in Melbourne schrieb, spielen nun sowohl Jessica als auch Abby täglich auf der Klaviatur der Massenkommunikation.

Seglerinnen als Vorbild

Und dazu zählt viel: Sie bieten Blog, Homepage, Facebook, Twitter, Flickr und Videos, unterstützt werden sie von einem Social Media Team. 12.500 Facebook-Freunde verfolgen Abbys Postings, 8500 Freunde jene von Jessica.

Letztere ist übrigens als "Person des öffentlichen Lebens" angemeldet. Diese Art des Profils ist für Politiker und Stars gedacht. Die 150 bis zu 900 Kommentare pro Bericht ähneln auch Fan-Briefen: "Go, Jess, go!". "Good luck Abby, we will watch you." Eine Frau schreibt , dass ihr Sohn gleich alt sei, jedoch gerade einmal allein in das Geschäft um die Ecke gehen könne. Jess gebe ihr Hoffnung. Abby werden hingegen immer wieder Gebete gesandt. Ihr Vater hatte da schon beim Ablegen ihres Bootes per Video vorgelegt - mit einem Gebet für seine Tochter , das er für und mit der Presse vor dem Auslaufen sprach.

So werden die 16-Jährigen zu Heldinnen stilisiert.

Fotostrecke

Junge Weltrekordler: Gar nicht so einsame Spitzenleistungen

Foto: GREG WOOD/ AFP

Natürlich vollbringen sie erhebliche, beachtenswerte sportliche Leistungen. Zugleich aber wirkt alles so inszeniert: Es erinnert an Daily Soaps. Nur dass die Protagonisten nicht in einem sicheren Studio sitzen, sondern auf hoher See tatsächlich auch ihr Leben riskieren: Es ist authentischer als das, was uns das Fernsehen als "Reality TV" vortäuscht. Und das erleben vor allem die "Freunde" in den Social Networks hautnah mit.

Wir sind Zeugen aller Auf und Abs: Der Freude, wenn Land in Sicht ist oder wenn Delfine das Boot begleiten, oder der Sorge um das Wetter. Eine Anhängerin erklärt, sie wolle endlich ein Update, wie es Jess während der Stürme ergeht, weil sie vorher nicht schlafen gehen könne. Ein anderer macht sich Sorgen, dass Jess abgenommen habe. Nicht ohne Grund: Auf den Fotos ziert ein abgekämpftes Lächeln ihre Lippen, und beim Video am 103. Tag ist sie den Tränen nahe, als sie von einem Sturm erzählt.

Sie durchlebte einen Orkan mit rund 70 Knoten Windgeschwindigkeit (rund 130 km/h) und gleich vier Knockdowns. Für Nicht-Segler: Mit Knockdown bezeichnet man es, wenn ein Segelboot durch Wellengang und/oder Wind so sehr in die Waagerechte gedrückt wird, dass der Mast die Wasseroberfläche berührt. Ein paar Grad mehr, und ein Boot verbleibt in dieser Lage. Den Fachbegriff dafür kennen auch Landratten: kentern.

Nichts ist zu trivial

Doch solches Drama haben die bloggenden Seglerinnen nur selten zu bieten. Abby kämpft hingegen mit Problemen, die alle ihre Leser nachvollziehen können: den Tücken der Technik. Erst ist es nur der elektronische Bücher-Reader Kindle, der bricht, später gibt der Autopilot ihres Bootes den Geist auf. Ein Zwischenstopp in Kapstadt ist angesagt. Diverse falsche Medienberichte, dass sie die gesamte Reise beende, werden sofort kritisch kommentiert. Beruhigende Worte für Abby, aber auch Mails gegen die Autopiloten-Hersteller folgen.

Nicht nur, dass die Leser die Mädchen unterstützen, aufmuntern, mit ihnen zittern oder sich freuen, sie feiern auch mit ihnen. Weihnachten, Silvester und Ostern sind selbstverständlich, hinzu kommt etwa eine "Taufe". Jess filmt sich, während sie sich wegen der Überfahrt des Äquators mit einem Eimer Wasser überschüttet. Nicht immer aber gibt es etwas zu berichten, am Ende weiß sie auch nicht mehr, was sie noch bloggen soll: Man habe ihr aber gesagt, dass es sogar interessant sei, wenn sie über eine Fliege berichte. Dazu kann man nur sagen: gute Vermarktung.

Professionelle Vermarktung - die geschäftliche Seite

Und das in allen Bereichen. Die YouTube-Videos von Jess beinhalten "Ads by longtail" . Das ist ein Dienstleister, der eine Art Adserver-Toolkit für jedermann anbietet. Kunden können Werbung ihrer Wahl direkt in ihre Videos einblenden lassen, ohne selbst Adserver unterhalten zu müssen. Im Klartext: Es bedeutet, dass die geschaltete Werbung von den Organisatoren ihrer Web-Kampagne selbst eingespielt wird. Ihr Projekt der jugendlichen Weltumseglung wird von einer eigenen Werbeabteilung unterstützt.

Und während sie auf der Homepage mit wehendem Haar am Steuerrad verklärt in die Ferne blickt, leuchtet zu ihrer linken Seite eine Werbung für ihre Baseballmütze auf.

Es gibt mehr als 30 Sponsoren. Vermarktet wird alles, auch ihr Boot. Das heißt "Ella". Die gleichnamige Beauty-Marke koordiniert den Empfang bei ihrer Rückkehr - der gleich an drei Standorten hintereinander standfindet - Melbourne, Sydney, Brisbane. Jess kommt mehrere Male heim.

Für den Aufruf der kostenlosen Karte ist eine Registrierung notwendig. Gratis erhält man dazu wohl später die Werbung im Posteingang. Aber dafür ist man ja dann "Teil der Geschichte" - so der Slogan.

Doch was wäre das alles ohne eigenes Merchandising? Abby bietet natürlich in einem eigenen Shop  ihre Produkte an, darunter handbemalte Segelschuhe oder T-Shirts. Und auf ihrem Boot prangt groß "Shoe City". Damit wird den jungen Damen kaum passieren, was ihrem Vorgänger Jesse Martin, 28, geschah. Er hielt einst den Rekord des jüngsten Weltumseglers, seit er den Globus mit 17 Jahren umrundete - aber sitzt noch immer auf Schulden.

Laura hat nur ein Ziel vor Augen

Natürlich hilft all das Marketing, die teuren Trips zu refinanzieren, vielleicht sogar zum Geschäft zu machen, zum Beginn kleiner oder großer Karrieren. Aber Abby und Jess sind auch Vertreterinnen einer Generation, für die Kommunikation und virtuelle Nähe völlig selbstverständlich sind. Mehr noch: sie sind Lebensnotwendigkeiten und normale Lebensäußerungen.

Seine Leidenschaften weltweit zu teilen, ist Standard. Die Medien-Maschinerie ist natürlich Show. Aber sie gibt den Jugendlichen wohl auch essentiellen emotionalen Halt auf ihren extremen Reisen. Sie sind Einhandseglerinnen, die mit virtueller Mannschaft reisen - Community bringt Kraft.

Am Ende darf trotzdem eines nicht fehlen: das Buch. Während Abby ihre Fans noch über einen Titel sinnieren lässt, steht er bei Jess jetzt fest: "True Spirit". Aber das hat noch Zeit. Nach den Auftritten in Melbourne, Sydney und Brisbane, nach den Interviews, die da folgen, muss sie sich wieder an ein normales Leben gewöhnen - ohne durchgehende Aufmerksamkeit.

P.S.: Elf Jahre nach seiner Rekordfahrt um die Welt brach Joshua A. Slocum 1909 noch einmal auf, um allein hinab zum Orinoco zu segeln. Angekommen ist er dort nie, über sein Schicksal gibt es nur Mutmaßungen. Rund hundert Jahre vor der Facebook-Twitter-WWW-Echtzeitkommunikation fehlte ihm sogar eine elementare Technik, die ihm vielleicht Hilfe hätte bringen können: Funk.

Der erste Seenotruf der Geschichte wurde genau in dem Jahr gesendet, als Slocum zum Orinoco aufbrach. Slocum aber war ein alter Segler, kein Early Adopter .

Mit Material von dpa und AFP
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