TELEMEDIZIN (II) Selbst ist der Patient

Das Internet ist ein gigantisches Fachforum für Ärzte, aber auch der Normalsterbliche findet ausführliche Therapieratschläge für fast jedes Übel.




Teil 1:

Von Göttern zu Führern - medizinische Online-Dienste in USA


Wer heutzutage Magenzwicken oder einen Anflug von Kopfschmerzen verspürt, kann sich den Weg zur nächsten Arztpraxis eventuell sparen: Der Besuch eines der boomenden medizinischen Foren im Internet hilft zumindest dem eingebildeten Kranken oft weiter als das Zeitunglesen im Wartezimmer oder das ziellose Tablettenschlucken. Dort kann er nämlich nicht nur Experten um Rat fragen, sondern auch mit anderen Betroffenen, die sein Leiden im besten Fall sogar Ernst nehmen, Tips und Erfahrungen "auschatten". In der angestammten Ratgeberecke des Internet, dem Usenet, darf in Newsgroups von de.sci.medizin über de.etc.selbsthilfe bis zu de.alt.drogen kräftig diskutiert werden. Wer allerdings geistigen Austausch rund um Telemedizin direkt sucht, muß auf die internationale Newsgroup sci.med.telemedicine zurückgreifen.

Zum virtuellen Treffpunkt der gesundheitsbewußten Netizen im Web hat sich die Lifeline gemausert. Das Angebot wird vom Burda-Verlag dem AOL-Betreiber Bertelsmann im Web angeboten. Dort kann man sich von einem 22köpfigen Expertenteam über gesundheitlichen Probleme und vieles mehr aufklären lassen. Eines der beliebtesten Foren ist die Sexualberatung, die Prof. Uwe Hartmann betreut. Der Leiter des Arbeitsbereiches Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover gibt dort bereitwillig mit seinem Team Auskunft über das immer häufiger auftretende Problem der geringen Lust zur Sexualität, zu vorzeitigen Orgasmen oder plötzlich auftretenden sadomasochistischen Anwandlungen. Ausdrücklich wird allerdings darauf hingewiesen, daß die "erteilten Auskünfte lediglich als rechtlich unverbindliche Beratung zu verstehen sind" und den Arztbesuch höchstens ergänzen können. Starkes Interesse finden auch virtuelle Tips zur Zahnmedizin, zu Krebs- und Tumorleiden oder zur Ernährung. Für die psychologische Kurzberatung stehen sogar zwei Experten zur Verfügung - um die Seelsorge komplett zu machen, fehle nur noch ein Pfarrer, wie einer der Hilfesuchenden Mitte Mai anmerkte.

Wer sich lieber selbst informiert, als beraten zu werden, findet im Forum Medizin sein Eldorado. Laien können sich dort eingehend mit häufigen Krankheitsbildern von der Augenheilkunde über Multiple Sklerose bis zum Stottern auseinandersetzen, Arzneimittelinformationen und Ernährungstips abrufen oder sich über alternative Heilmethoden aufklären lassen. Auch der Link zu weiteren medizinischen Selbsthilfegruppen darf dabei natürlich nicht fehlen. Dazu kommen vertiefende Informationen für Experten, aktuelle Nachrichten rund um Wissenschaft und Medizin sowie das obligatorische Diskussionsforum.

Auch exotischeren medizinischen Ratgebern bietet das Web Platz. In der Bad Heilbrunner Selbstmedikationsdatenbank etwa kann der naturbewußte Surfer die Heilwirkung von 182 Pflanzen nachlesen und anschließend gezielt an sich ausprobieren. Für die wissenschaftliche Güte garantiert Professor Klaus Klein von der Forschungsstelle für Gesundheitserziehung der Universität Köln. Allerdings auch hier unter dem Vorbehalt, daß das Teekochen nach Anweisung der Datenbank den Weg zum Arzt nicht ersetzen kann.

Trotzdem scheint angesichts der Vielzahl von Foren und Beratungsangeboten der Trend zur Eigenbehandlung durch das Internet Vorschub zu erhalten: "Patienten bzw. Kranke werden mehr als bisher entsprechend ihren Möglichkeiten die Lösung ihrer Probleme selbst in die Hand nehmen bzw. selbst dafür sorgen, daß es nicht zu Problemen kommt", glaubt Claus Köhler von der telemedizinischen Arbeitsgruppe des Forums Info 2000 der Bundesregierung. Seiner Meinung nach werden in Zukunft immer mehr "Patienten-Informierungs-Systeme" dem Nutzer (inter-)aktives Wissen über sich selbst, seine Krankheit sowie die Möglichkeiten der Therapie an die Hand geben.

Expertennetze für Mediziner

Andere medizinische Informationsdienste im Netz wenden sich bewußt nur an Fachkreise und verwehren hypochondrischen Selbstheilern von vornherein den Eintritt. In den Expertennetzen sollen die Vorteile des Internet - seine schnellen Publikations-, seine multimedialen Gestaltungsmöglichkeiten sowie seine permanente Abrufbarkeit - im Dienste der Medizin voll ausgespielt werden und so das schnell wachsende Fachwissen online jederzeit zur Verfügung gestellt und in den Griff gebracht werden. Einer der wichtigsten Anbieter im deutschsprachigen Bereich ist Multimedica, der 1996 gegründet wurde und sich im vergangenen Jahr mit Burdas Health Online Service zusammengeschlossen hat. Neben Burda und Bertelsmann, der unter anderem die "Ärzte Zeitung" sowie den MMV Medizin Verlag einbringt, sitzt auch der wissenschaftliche Springer-Verlag mit seinen Fachpublikationen im Boot. Wenn der Nutzer in der Vielfalt der Frames den Durchblick behält, kann er in dieser geballten Ansammlung von Contentprovidern in 16 Verlagsangeboten schmökern und zahlreiche Datenbanken zu allen erdenklichen medizinischen Feldern von der Allergologie über die Neurochirurgie bis zur Urologie durchstöbern.

Ein Expertenforum darf auch bei Multimedica nicht fehlen: Zu jedem der fast 50 Themengebiete werden über ein Pinboard Fragen von der Redaktion entgegengenommen, an Experten weitergeleitet und - so zumindest die Zielsetzung - nach spätestens drei Tagen beantwortet. Das alles hat natürlich seinen Preis: 14,90 Mark zahlen Ärzte im Monat für den Online-Dienst, Medizinstudenten werden mit 9,90 Mark zur Kasse gebeten. 15.000 Nutzer haben sich momentan für ein Abonnement des Angebots entschieden, zum Jahresende sollen es 20.000 sein. Umsonst ist dagegen der Zugang zum Deutschen Medizin Forum, das sich ebenfalls eher an Spezialisten wendet. Auch hier gibt es aktuelle Tagesmeldungen, zahlreiche Foren sowie einen Abstract-Service, der wissenschaftliche Artikel aus einschlägigen Fachzeitschriften zusammenfaßt.

Andere Kommunikationsplattformen suchen ihre Marktlücke in der eingehenden Behandlung einzelner medizinischer Bereiche: Im Nephronetz des Arzneimittelherstellers Janssen-Cibag können sich Forscher und Ärzte über Nierenkrankheiten sowie Dialysemethoden austauschen. Ganz der besseren Behandlung und Versorgung von Diabetikern hat sich die eng mit der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Diabetes Föderation zusammenarbeitende Initiative DiabCare verschrieben. Und im Forum der "Ärzte Zeitung" werden neben aktuellen medizinischen Erkenntnissen auch gesellschaftsbezogene Aspekte wie der Große Lauschangriff oder das Tabuthema Sterbehilfe diskutiert.

Herzklappen in 4D-Animation

Außer zum virtuellen Fachgespräch eignen sich die Multimediawelten im Internet oder auf CD-Rom besonders gut für die im medizinischen Bereich erforderlichen komplexen Visualisierungen oder für Simulationen. Neue Entwicklungen und ansonsten abstrakt bleibende Zusammenhänge können anschaulich dargestellt und gerade für Ausbildungszwecke und das vielbeschworene "lebenslange Lernen" animiert und drei- beziehungsweise sogar vierdimensional in Szene gesetzt werden. Im Scene-Cardio-Projekt der GMD wird das Herz beispielsweise virtuell in all seinen Strukturen und Bewegungsabläufen erfahrbar. Der Echotutor und der 4D-Explorer zeigen dabei anhand animierter Herzmodelle und Videos, wie die Lebenspumpe funktioniert, während das Simulationssystem EchoSim sogar eine virtuelle Ultraschalluntersuchung des Herzens nachstellt.

Wer den virtuellen Körper in seiner ganzen Tiefe durchwandern will, muß allerdings auf einen Link in die USA ausweichen. In der MEDtropolis zeigt die Columbia/HCA Healthcare Corporation interaktive Bilder des menschlichen Gehirns, des Magens, des Herzens sowie des Skeletts. Da lohnt sich sogar ausnahmsweise das Laden des erforderlichen Shockwave-Plug-in.

Im dritten Teil der Serie schreibt Stefan Krempl über multimediale Patientenakten.

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