Netzhype Wie Tellonym mit Mobbing kämpft

Auf der Plattform Tellonym schreiben sich vor allem Teenager anonyme Bewertungen. Einige bekommen Komplimente, andere werden beleidigt und sexuell bedrängt - oft für jeden sichtbar.
Foto: tellonym.de

"Versendest du Nacktbilder? Darf ich dir an die Brüste fassen?" Fragen wie diese erhalten viele Teenager neuerdings auf Tellonym , einer Plattform für anonymes Feedback. Sie antworten dann Dinge wie "Dürfte dich nicht interessieren!" oder einfach: "Nein."

Tellonym ist gemacht für Botschaften, die man sich nicht ins Gesicht sagen würde. Der Dienst inszeniert sich so als Plattform für Leute, die wissen wollen, was andere wirklich über sie denken.

Wer einen Tellonym-Account anlegt, erhält einen individuellen Link, den er an Bekannte schicken kann. Der Link funktioniert wie ein Briefkasten. Alle, die den Link bekommen, können dem Nutzer Nachrichten schreiben, auch ohne Anmeldung.

Die Post ist zunächst privat, außer ein Nutzer will darauf antworten. Sobald er das tut, erscheint die Nachricht auf dem öffentlichen Tellonym-Profil. Das funktioniert wie eine Pinnwand, die neben dem Briefkasten steht.

Viele Nutzer sind minderjährig

Vor allem junge Leute finden das Konzept von Tellonym reizvoll. Die meisten der derzeit rund 700.000 Nutzer seien zwischen 13 und 24 Jahre alt, teilt das Unternehmen mit. Etwa ein Jahr nach seiner Gründung wachse Tellonym besonders stark, heißt es: Derzeit kämen bei dem werbefinanzierten Dienst täglich 5000 bis 10.000 neue Nutzer hinzu.

In den sozialen Medien betteln viele Teenager mit dem Hashtag #tellonym um Bewertungen ihrer Persönlichkeit. Schüler verlinken Tellonym auf ihrem Instagram-Profil - der Link zum anonymen Briefkasten steht dann direkt über den mit Filtern aufgehübschten Selfies.

Oft ist Tellonym ein Ort für Komplimente. Auf Nachrichten wie: "Du bist immer lieb und immer für mich da" antworten Nutzer mit Dank und Herzchen-Emojis. Auch SPIEGEL ONLINE hat im Januar 2017 seine Netzwelt-Leser um Komplimente gebeten, die sie ihren Liebsten schon immer mal machen wollten.

Tiraden aus Anmachsprüchen

Auf einigen Tellonym-Profilen aber herrscht ein anderer Tonfall. Vor allem Nutzerinnen sind Tiraden aus Anmachsprüchen und obszönen Beleidigungen ausgesetzt. Zu den eher harmlosen Nachrichten gehören Dinge wie: "Ich finde dein Gesicht nicht hübsch. Wie alt bist du? Hattest du schon mal Sex?" Dazu kommen Nachrichten wie: "Lass ficken." Und: "Ich hole mir einen runter auf dich."

Sichtbar sind die Gespräche, weil die Nutzerinnen und Nutzer auf die verbalen Angriffe reagieren. Ein "Du bist hübsch" wird meist mit "Danke" quittiert. Auf Beleidigungen folgt Trotz.

Mobbing im Internet

"Cybermobbing ist heutzutage leider ein weit verbreitetes Problem", sagt Maximilian Rellin von der Entwicklerfirma Callosum Software. Tellonym überprüfe jeden Tag etwa 200 Nachrichten, die Nutzer als unangemessen melden. Knapp 60 Prozent davon würden gelöscht. Die Nutzungsbedingungen verbieten Nachrichten, die "eindeutig sexuell" sind oder "intendiert, jemanden zu beleidigen".

IP-Adressen werden gespeichert

Tellonym erinnert an das Frage-Antwort-Portal Ask.fm . Das stand vor Jahren wegen Cybermobbing in der Kritik. Ähnlich wie auf Tellonym antworten dort junge Nutzer auf anonyme Fragen. Im Jahr 2013 war eine Schülerin mehreren Medienberichten zufolge  via Ask.fm gemobbt worden, bevor sie Suizid beging.

In einem für Tellonym produzierten YouTube-Video rät ein Sprecher , beleidigende Nachrichten zunächst einzeln zu löschen. "Der Hater hat weniger ein Problem mit dir, sondern eher mit sich selbst", betont der Sprecher. Nutzer könnten Nachrichten von Hatern auch als Motivation nehmen, sich selbst zu verbessern, heißt es weiter. Im Fall von obszönen Beleidigungen ist so ein Ratschlag jedenfalls nicht hilfreich.

Mobbing: "Das hast du verdient, du Schlampe"
Foto: SPIEGEL ONLINE

Katharina, 14, verliebt sich in einen Mitschüler - und schickt ihm Oben-ohne-Fotos. Der Junge leitet die Bilder an seine Kumpels weiter, und die senden sie an die ganze Schule. Der Anfang von acht furchtbaren Monaten für die Jugendliche. 

Um sich gegen wiederholte Angriffe zu verteidigen, können Nutzer das Unternehmen auffordern, die IP-Adresse eines Verfassers zu sperren. Sofern der Verfasser seine IP-Adresse nicht verschleiert, kann er dann keine Nachrichten mehr auf Tellonym verschicken.

Außerdem könnten Nutzer bei beleidigenden Nachrichten Anzeige bei der Polizei erstatten, heißt es auf der Tellonym-Website . Wenn nötig, gebe Tellonym IP-Adressen an die Polizei weiter. Wie oft das geschieht, will das Unternehmen auf Anfrage aber nicht verraten. Auf der Website heißt es aber, das Einschalten der Polizei funktioniere "in einigen Fällen".

Jeder kann Nachrichten melden

Eine Nachricht bei Tellonym als unangemessen melden kann grundsätzlich jeder Nutzer. "Wir sind stets bemüht, alle Meldungen innerhalb von 24 Stunden zu bearbeiten", erklärt ein Unternehmenssprecher.

Das Ergebnis jedoch überrascht mitunter. Testweise haben wir dem Support eine eindeutig obszöne und wohl als Beleidigung intendierte Nachricht gemeldet. "Darf ich dir mal an die Titten fassen, ich geb dir auch 50 Euro", hieß es auf dem Profil einer jungen Nutzerin. Gelöscht wurde die Nachricht nicht.

Auf Anfrage erklärte uns ein Sprecher, ein Mitarbeiter habe die Nachricht noch am selben Tag überprüft, aber keine Schritte eingeleitet. Ein möglicher Grund sei, dass die betroffene Nutzerin die Nachricht nicht selbst gemeldet habe. In solchen Fällen tue sich das Unternehmen mit dem Löschen schwer.

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