Gewalt im Livestream Wie Nutzer mit digitalem Terror umgehen sollten

Gewalttaten wie Anschläge lassen sich live in sozialen Netzwerken verfolgen. Welche Folgen der digitale Terror hat, wie Nutzer damit umgehen sollten - und wie sie Kinder schützen können. Fünf Antworten.
Social Media im Visier von Terroristen (Symbolbild)

Social Media im Visier von Terroristen (Symbolbild)

Foto: hocus-focus / tihiy_chelovek / Getty Images

Für manche Gewalttäter kann das Internet zur Bühne werden: Der Wucht der Bilder und Informationen, die sich viral weiterverbreiten, kann sich kaum jemand entziehen. "Strafverfolger, Psychiater und Kriminologen wissen seit Jahrzehnten, dass bestimmte Gewalttäter ihre Taten gern in der Öffentlichkeit bekannt machen", sagt der amerikanische Kriminologe Scott Bonn dem SPIEGEL, der die Motivation von Terroristen und Kriminellen erforscht und ihre öffentliche Darstellung in seinem Buch "Why We Love Serial Killers" analysiert hat. "Im Allgemeinen tun sie dies, um ihren bösartigen Narzissmus und ihre Großartigkeit zu nähren. Insbesondere Terroristen nutzen die sozialen Medien, um die Reichweite zu vergrößern und den Schrecken ihrer gewalttätigen Aktivitäten zu vergrößern."

Mit Social Media erzielen die Bilder der Gewalttaten dem Kriminologen zufolge eine globale Wirkung, gleichzeitig verbreiten die Täter mit Manifesten, Videobotschaften und Livestreams ihre eigene Deutung des Geschehens. Der Attentäter von El Paso hatte vor seiner Attacke auf einen Walmart am Samstag ein Online-Manifest in dem Forum 8Chan  veröffentlicht und seinen Plan angekündigt. Auch der rechtsextreme Terrorist, der im März 2019 Moscheen in Neuseeland angriff, hatte seinen Anschlag zuvor online angekündigt und streamte den Anschlag live, ebenso hatte der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt 2016 sein Bekennervideo schon Wochen vorher aufgenommen. Der Doppelmörder von Herne hielt 2017 Nutzer des Imageboards 4chan über seine Morde auf dem Laufenden .

Doch wie sollten Internetnutzer mit dem Phänomen umgehen? Fünf Fragen und Antworten.

1. Wie soll ich auf Nachrichten zu einem Terroranschlag reagieren?

Nutzer sollten darauf verzichten, zum Terror-Gehilfen zu werden, indem sie Material wie Liveaufnahmen von Anschlägen teilen - und dazu beitragen, maximalen Schrecken zu verbreiten. Selbst Gewaltvideos in sozialen Netzwerken kritisch zu kommentieren, führt dazu, dass die Botschaften oder Bilder sichtbarer werden, ein größeres Publikum finden.

Gerade in aktuellen Gefahrensituationen ist Zurückhaltung gefragt, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften. "Auch in Europa sind wir zunehmend darauf sozialisiert, bei einem entsprechenden Szenario sofort an Terror zu denken", sagt Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Polizei München, dem SPIEGEL. "Selbst wenn ein 76-Jähriger aufgrund eines Herzinfarkts die Kontrolle über sein Auto verliert und in ein Eiscafé fährt, wird die Nachricht von einem Anschlag ohne Verifikation sofort aufgegriffen und geteilt, da es einem öffentlichen und auch medialen Erwartungshorizont entspricht."

Auch während des Amoklaufs am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München 2016 verbreiteten sich Falschinformationen rasant . Mehr als 30 Menschen haben sich auf der Flucht vor Phantom-Gefahren verletzt, Hunderte von vermeintlichen Zeugen meldeten rund 70 Schießereien und zwei Entführungen - und lenkten die Polizei zu falschen Tatorten. "Die Panik ist vor allem dadurch entstanden, dass sich Menschen auf Messenger-Diensten wie WhatsApp ausgetauscht haben, die Situation ohne Faktenwissen gedeutet und sich mit Hilfe von informellen oder nachrichtlichen Snippets ein eigenes Bild der Lage gebaut haben", sagt Marcus da Gloria Martins. "Das so konstruierte Bild war dann so beängstigend, dass dies vereinzelt zu einer eklatanten Fehleinschätzung der Lage führte."

Polizei und auch Medien müssen dem Polizeisprecher zufolge versuchen, "den Spekulationsraum möglichst schnell einzuschränken" - und auch Teilerkenntnisse melden, etwa wenn keine Anhaltspunkte für eine Gewalttat vorliegen. Nutzer sollten möglichst nur Informationen aus gesicherten Quellen teilen, wie etwa offiziellen Behördenaccounts.

Aufnahmen von Sicherheitskräften online zu verbreiten, gefährdet Einsätze: "Vor allem in Großstädten kann man keine Spezialeinheit mehr zum Einsatz bringen, ohne dass jemand das aus seiner Wohnung heraus filmt oder streamt", beobachtet Marcus da Gloria Martins. "Das ist ein Einflussfaktor, den wir nicht beherrschen können, der unsere Arbeit aber massiv erschwert."

2. Wie kann ich helfen, den digitalen Terror einzudämmen?

Die Polizeien der Bundesländer, aber auch das Bundeskriminalamt haben Online-Hinweisportale eingerichtet, auf denen Augenzeugen Fotos und Videos hochladen können.

Die Flut von Gewaltaufnahmen im Internet könnten solche "Blitzableiter" dennoch nicht eindämmen, glaubt Marcus da Gloria Martins. "Die Tippgeber-Portale werden zwar gut angenommen, dennoch werden Bilder weiter online oder per WhatsApp geteilt", so der Polizeisprecher. "Man kann das nicht verhindern, es sei denn, Plattformen entwickeln Prozesse, um einer epidemieartigen Ausbreitung von Bildern oder Sequenzen einen Riegel vorzuschieben."

Soziale Netzwerke wie YouTube und Facebook versuchen bereits, Gewaltaufnahmen durch Moderatoren, aber auch Algorithmen zu filtern und Terrorbilder mit einer Art digitalem Fingerabdruck zu kennzeichnen, um erneute Uploads zu verhindern - das gelingt aber nur bedingt. Nutzer laden immer wieder neue Bilder hoch, die technische Erkennung funktioniert nicht immer verlässlich, Moderatoren sind überfordert - insbesondere mit der Überwachung von Livestreams .

Selbst wenn sich Gewalt nie aus dem Internet verbannen lässt, können Nutzer dazu beitragen, dass problematisches Material zumindest teilweise von Plattformen entfernt wird. In dem Dropdown-Menü auf Twitter, das sich per Klick auf den Pfeil rechts neben jedem Tweet öffnet, findet sich die Option "Tweet melden". Bei YouTube ist "Melden" unter den drei Punkten direkt unter dem Videofenster verortet. Facebook-Posts lassen sich ebenfalls unter den drei Punkten rechts neben jedem Post anzeigen.

3. Auf welchem Weg kann ich Opfer und Hinterbliebene unterstützen?

"Eine allgemeine, global gültige Netiquette in Bezug auf den Umgang mit Terror- und Amoktaten fehlt", sagt Marion G. Müller dem SPIEGEL, die als Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Trier zu Gewalt und Medien forscht. Eine Täterfokussierung müsse jedoch unbedingt vermieden werden, sowohl im Text als auch im Bild.

Statt mit Heldenkult belohnt zu werden, sollten Täter ihr zufolge mit einer Art "medialem Vergessen" bestraft werden - so wie in der Antike bei der "Damnatio memoriae" ("Verdammung des Andenkens"), bei der das Konterfei des Verfehmten von Skulpturen und Münzen entfernt, seine Existenz symbolisch vernichtet wurde. "In den meisten Fällen von Amoktaten und Terrortaten ist die Verewigung des Täters ein zentrales Tatmotiv", so Müller. "Ohne die massenhafte Verbreitung des Namens und vor allem des Porträts des Täters würde das Kalkül der Täter und ihrer Nachahmer nicht aufgehen."

Nutzer sollten in Netzdebatten eher die Folgen der Tat, die Bedeutung für die Opfer und Auswirkungen auf betroffene Gemeinschaften thematisieren. "Das Teilen von gesicherten Informationen und die Bekundung von Empathie mit den Opfern hat eine wichtige soziale Funktion", so Marion G. Müller.

Neue Formen des kollektiven Trauerns müssten jedoch erst noch entstehen. Beispiele wie die von Überlebenden des Amoklaufs in Florida angeführte Protestbewegung "March for Our Lives" zeigen bereits, wie Opfer eine aktive, gestaltende Rolle einnehmen können. Hunderttausende Schüler aus den USA protestierten 2018 auf der Straße, aber auch mit Digitalkampagnen wie #neveragain gegen Waffengewalt. Erinnerungen zu teilen, die Angehörige posten, kann ein Zeichen der Solidarität sein: In Neuseeland haben 2019 viele betroffene Familienmitglieder online Bilder veröffentlicht, die ihre ermordeten Angehörigen im Familienkreis, mit ihren Haustieren und anderen emotionalen Attributen darstellten, die eine emphatische Brücke für die Betrachter bauen.

Bei lokaler Nähe zu dem Ereignis könnten Internetnutzer Müller zufolge zudem tatsächlich vor Ort helfen - oder online zumindest Aufrufe für Blutspenden oder die Betreuung von Angehörigen teilen.

Wichtig ist aber, darauf zu achten, aus welchen Quellen solche Aufrufe, aber auch Bilder von Opfern stammen. In Kenia wurden Leichenbilder noch während eines Terroranschlags von al-Shabab-Milizen online und durch Zeitungen verbreitet - noch bevor Familien wussten, ob ihre Angehörigen betroffen sind . Immer wieder sorgen Fake-Opfer für Verwirrung: Nach dem Selbstmordattentat auf ein Konzert in Manchester 2017 zirkulierten viele Fotos von falschen Opfern oder Vermissten in sozialen Netzwerken  und tauchten teils sogar in Medienberichten auf.

4. Welche Wirkung hat der digitale Terror und wie kann ich mich davor schützen?

Auch Gewalt nur auf dem Bildschirm zu erleben, kann Stress, Angst und Symptome wie eine Beschleunigung von Herzschlag oder Atem auslösen. Der traumatische Effekt, Terror in Echtzeit anzusehen, könne "unmittelbar und signifikant zu Stress führen", heißt es etwa in der Studie "From Minutes to Months" des Crime & Security Research Institute  der Cardiff University.

Mit Nachrichten und sozialen Netzwerken werden Traumata auch weit über den Anschlagsort hinaus verbreitet, konstatiert eine weitere Studie,  die die Medienwirkung nach dem Bombenattentat auf den Boston-Marathon 2013 untersucht hat.

"Man kann ein einmal gesehenes Bild oder Video nicht ungesehen machen und für diejenigen, die diese Bilder gesehen haben, sind sie manchmal nur schwer zu verarbeiten", sagt auch Medienwissenschaftlerin Marion G. Müller. Im Zusammenhang mit medial vermittelten, drastischen Gewalttaten seien Schlafstörungen, Flashbacks und ähnliche Symptome posttraumatischer Belastungsstörungen häufig beobachtet worden - eine medien-psychotherapeutische Anlaufstelle fehle aber.

Nutzer von sozialen Netzwerken können sich ein Stück weit schützen, indem sie in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder YouTube in den Einstellungen den "Autoplay"-Modus deaktiveren, damit Videos nicht einfach abgespielt werden.

"Falls es Sie unvorhergesehen erwischt, drücken Sie sofort auf Pause, um die Tendenz zu unterbrechen, einfach auf Autopilot weiterzumachen", rät Gavin Rees, Direktor des Dart Centre Europe von der Columbia University , das zu Gewalt und Trauma forscht und Journalisten im Umgang mit Gewaltakten schult. "Wenn Sie wissen, dass das Material drastisch ist, ist es am Besten, nicht ohne eine Methode darauf zu klicken." Verschiedene Strategien können Rees zufolge dabei helfen, etwas Distanz zu brutalen Aufnahmen zu schaffen.

Es hilft, die Aufnahmen an einem kleinen Bildschirm anzusehen, entweder erst einmal ohne Ton oder mit heruntergedrehter Lautstärke. Kontrollierter lässt sich ein Video anschauen, wenn man mit dem Mauszeiger durch das Video springt, statt es chronologisch abzuspielen - so wird man nicht von brutalen Szenen überrascht. Auch ein Perspektivenwechsel unterbricht den Sog der Terrorbilder, wie ein Blick aus dem Fenster. Bewusst tief durchzuatmen hilft ebenfalls, Stress zu mindern. Was man immer wieder hinterfragen sollte: Ist es wirklich notwendig, sich die Aufnahmen anzusehen?

5. Wie kann ich mit Kindern über die digitale Gewalt sprechen?

Eltern können Kinder und Jugendliche wohl nicht davor schützen, dass sie unangemessenes Material sehen - viele besitzen ein Smartphone, surfen in sozialen Netzwerken und teilen Nachrichten in WhatsApp-Gruppen.

Die amerikanische Bundesvereinigung der Schulpsychologen NASP  empfiehlt, den Medien-, vor allem aber den Social-Media-Konsum im Verlauf von Terroranschlägen und danach, im Auge zu behalten oder einzuschränken - und das Verhalten von Kindern genau zu beobachten.

"Man kann sich diesen Bildern nicht entziehen, man kann nur befähigt werden, damit umzugehen", sagt der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort dem SPIEGEL. "Es ist nicht sinnvoll, etwas zu verbieten, sondern es geht darum, Kinder und Jugendliche kompetent darin zu machen, sich selbst zu schützen - wenn Kinder etwa eine Nachricht anklicken oder zufällig ein schreckliches Video sehen, sollten sie sich trauen, wegzuschalten und sich auch an Erwachsene zu wenden, wenn es etwas bei ihnen auslöst."

Eltern seien oft "naiv" und wüssten nicht, wie sich Kinder im Internet bewegen, beobachtet Schulte-Markwort. Er rät Familien, sich auf einen internen Verhaltenskodex zu verständigen, welche Informationsseiten und welche sozialen Medien Kinder generell nutzen dürfen und auf welche Art.

"Schreckliche Ereignisse wie Terroranschläge würde ich proaktiv nur thematisieren, wenn ich das Gefühl habe, mein Kind hat es mitbekommen oder darüber gelesen - alles andere wäre eine unnötige Verunsicherung", sagt er. Kinder würden ab der zweiten Hälfte der Grundschulzeit den Impuls entwickeln, sich für Zeitgeschehen zu interessieren, sich die Zeitung oder ein Tablet, das herumliegt, zu greifen, und Nachrichten zu lesen.

"Sagen Sie den Kindern die Wahrheit. Versuchen Sie nicht, so zu tun, als wäre das Ereignis nicht eingetreten oder als wäre es nicht ernst", heißt es bei der US-Schulpsychologenvereinigung NASP. "Kinder sind klug. Sie werden besorgter sein, wenn sie denken, dass man zu viel Angst hat, ihnen zu sagen, was passiert. Gleichzeitig ist es wichtig, den Kindern zu sagen, dass die Gefahr des Terrorismus zwar real ist, die Chancen, dass sie persönlich betroffen sind, jedoch gering sind."

Für kleinere Kinder reichen der NASP zufolge kurze, einfache Informationen zu dem Geschehen, und eine Versicherung, dass sich ihr Leben nicht verändern wird. Bei einer größeren Distanz zum Tatort könnten Eltern auf einer Karte veranschaulichen, wie weit entfernt der Anschlag von ihrem Wohnort ist, und erklären, dass Sanitäter und Sicherheitskräfte sich um die Opfer kümmern oder zukünftige Anschläge verhindern. Auch gemeinsam Kindernachrichten wie "logo!" anzusehen, die das Phänomen simpel und teils durch Illustrationen abstrahiert erklären , kann helfen. Dennoch ist ein Gespräch über Terror mit Kindern eine Herausforderung, wie auch SPIEGEL-Kolumnist Christian Stöcker gemerkt hat.

Kinder jeden Alters sollten die Chance haben, ihre Gedanken und Gefühle zu artikulieren - Eltern sollten dagegen versuchen, selbst ruhig zu bleiben, da sie Orientierungspunkte sind. Auch aktiv zu werden, kann der NASP zufolge bei der Verarbeitung helfen - etwa indem Familien gemeinsam Karten an die Hinterbliebenen oder an Sanitäter schreiben.

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