Terror in Wien Facebooks Krisenmodus ermöglichte Verbreitung von Tatvideos

Kurz nach den ersten Meldungen vom Terroranschlag in Wien aktivierte Facebook seinen "Safety Check". Das damit verknüpfte Forum soll dem Informationsaustausch dienen. Zu sehen waren dort jedoch verstörende Bilder.
Polizeieinsatz in Wien: Im Netz verbreiteten sich Gerüchte über angebliche Geiselnahmen und Hetze gegen Muslime

Polizeieinsatz in Wien: Im Netz verbreiteten sich Gerüchte über angebliche Geiselnahmen und Hetze gegen Muslime

Foto: Georges Schneider / dpa

Manche Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer, die Familie, Freunden oder Bekannte in der österreichischen Hauptstadt haben, erhielten nach den Schüssen in Wien eine Benachrichtigung von dem sozialen Netzwerk: "Deine Freunde haben angegeben, während 'Der Terroranschlag in der Inneren Stadt' in Sicherheit zu sein". Hinter der Mitteilung steckt Facebooks "Safety Check"-Funktion.

Wer diese Benachrichtigung anklickte, landete auf Facebooks "Crisis-Response"-Seite. Sie ist dazu gedacht, Betroffenen in Krisensituationen Schlafplätze, Lebensmittel oder andere Formen der Unterstützung zu vermitteln. In der Nacht zum Dienstag fand man dort jedoch auch verstörende Bilder der Taten, Gerüchte über angebliche Geiselnahmen und Hetze gegen Muslime.

Scrollte man durch den Feed, waren Videos zu sehen, auf denen unter anderem ein schießender Attentäter und verwundete Opfer zu sehen waren. Zunächst wurden diese Filme noch automatisch abgespielt, später mit einem Hinweis auf potenziell verstörende Inhalte versehen.

Auch Datenschützer Wolfie Christl vom Wiener Forschungsinstitut Cracked Labs verfolgte, wie im Laufe der Nacht zahlreiche solche Beiträge hochgeladen wurden, "zum Teil mit Hunderten Reaktionen und Kommentaren nach wenigen Minuten". Darunter explizites Bild- und Videomaterial. "Dazu rassistische Hetze und Missinformation á la 'Morgen kommt ein weiterer Anschlag'".

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Unerwünschte Nebenwirkungen

Den "Safety-Check" hatte Facebook kurz nach den Terroranschlägen in Paris 2015 vorgestellt. Mithilfe dieser Funktion können Nutzerinnen und Nutzer, die sich in der Nähe einer größeren Katastrophe oder eines Anschlages befinden, dem Netzwerk ihren sicheren Verbleib melden. Doch nach einem Update der Funktion 2017 und der Einführung der "Crisis Response"-Seite wurde Kritik laut. Als ein Attentäter seinen Angriff auf eine Moschee im neuseeländischen Christchurch live auf Facebook übertrug, wurde der Stream zwar abgebrochen, die Aufnahmen von dem Anschlag konnten anschließend millionenfach hochgeladen und erst nach einigen Tagen aus dem Netzwerk entfernt werden.

Kritikwürdig ist, dass die Foren nicht kuratiert werden, weshalb sich dort gewalttätige Inhalte, Gerüchte und Hetze im unmittelbaren Zusammenhang mit einer Katastrophe ungehindert verbreiten können. Auch bei dem terroristischen Angriff in Wien war das der Fall. "Facebook hat semiautomatisch ein Krisen-Diskussionsforum eingerichtet, die halbe Stadt dorthin geleitet und es dann sich selbst überlassen. Nach meinem Eindruck konnten die Leute dort über Stunden hinweg völlig unmoderiert problematische Dinge posten", resümiert Christl.

"Facebook agiert völlig verantwortungslos"

Die Forderung des Datenschützers: mehr Personal. "Wahrscheinlich wäre Vorab-Moderation in diesem Fall die einzig verantwortungsvolle Vorgangsweise. Facebook macht jedes Quartal Milliarden an Gewinn und hätte damit locker die entsprechenden Ressourcen", so Wolfie Christl.

Nachfragen des SPIEGEL wurden von Facebook mit einem offiziellen Statement zum Anschlag beantwortet: "Wir sind schockiert über die Ereignisse in Wien und sind in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen. Seit gestern Abend sind unsere Teams dabei, Inhalte im Zusammenhang mit dem Anschlag von Facebook und Instagram zu entfernen, die gegen unsere Richtlinien verstoßen. Das gilt auch für Bilder und Videos in unserem Crisis Response Tool."

Videos kursierten überall

Wie der "Standard" berichtet , stehen die österreichischen Sicherheitsbehörden mit Facebook und Twitter in Kontakt. In der Nacht wurde seitens des österreichischen Innenministeriums und der Polizei immer wieder appelliert, keine Videos der Tat in den sozialen Netzwerken zu verbreiten, sondern sie auf einer eigens eingerichteten Seite des Innenministeriums  hochzuladen. Am Morgen nach dem Anschlag erklärte der Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, Franz Ruf, mehr als 20.000 Dateien seien eingegangen: "Ein 35-köpfiges Team von Ermittlern konnte bereits rund 20 Prozent des Materials auswerten."

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