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23. August 2017, 14:11 Uhr

Soziale Medien

Warum ich nach Terroranschlägen offline gehe

Eine Kolumne von

Jeder ist beeinflussbar: Diese Selbsterkenntnis bewegte unseren Kolumnisten zu einer radikalen Entscheidung. Um der Bewältigungsmaschinerie im Netz zu entkommen, übt er sich nach Terroranschlägen in Medienabstinenz.

Ein paar Tage nach den islamistischen Mordattentaten von Barcelona, am heutigen zehnten Geburtstag des Hashtags, ist es vielleicht Zeit für ein persönliches Geständnis: Bei Terroranschlägen schalte ich inzwischen umgehend alle sozialen Medien und Nachrichtenseiten aus, und zwar bis zum nächsten Tag.

Mit meiner Frau habe ich vereinbart, dass wir uns in solchen Situationen gemeinsam ablenken. Wenn also Hashtags in sozialen Medien am wichtigsten werden, wenn scheinbar alle Welt alle Nachrichten im Sekundentakt aufsaugen möchte, versuchen wir, künstlich Distanz herzustellen. Diese Verfahrensweise hat wenig mit Angst oder Verdrängung zu tun, sondern ist das Ergebnis eines längeren Selbstbeobachtungsprozesses.

Ebenfalls vor zehn Jahren veröffentlichen Emily Pronin und Matthew Kugler eine Studie über Vorurteile und Voreingenommenheit. Sie bestätigt etwas vereinfacht gesagt, dass man sich selbst meist für immun gegen bestimmte Beeinflussungen hält, während man allen anderen unterstellt, leicht beeinflussbar zu sein. Die Studie stellt einen Zusammenhang her mit der sogenannten "Illusion der Introspektion", einer Art Scheinselbsterkenntnis.

Ich bin nicht immun gegen die Emotionen

Lange habe ich gedacht, es sei kein Problem für mich, Katastrophen, Terror, Weltdramen in Echtzeit zu verfolgen, sie umgehend einzuordnen und mit der Verarbeitung des Geschehens ab Sekunde null zu beginnen. Und wenn ich es nicht explizit gedacht habe, so habe ich doch danach gehandelt. Inzwischen glaube ich, dass ich alles andere als immun bin, sondern mich von emotional aufgeheizten Situationen in den sozialen Medien davontragen lasse.

Soziale Medien sind Gefühlsmedien. Sie sind von hochbezahlten Experten dafür gebaut, Emotionen zu wecken, zu intensivieren und zu verbreiten. Die Diskussion um Fake News vor der Bundestagswahl zum Beispiel halte ich deshalb für fehlgeleitet, weil es dabei meist um falsche Informationen und die technischen Möglichkeiten der Richtigstellung geht.

Fake News funktionieren aber eher als Gefühlsvehikel zur Verbreitung von Wut in sozialen Medien. Fake News haben dort ein perfektes Biotop, aber das hat wenig mit Wahrheit und Lüge zu tun. Stattdessen geht es um eine spezielle Eigenschaft sozialer Medien: Gefühlslawinen. Die digitale Massenansteckung mit Emotionen.

In Gesprächen mit meiner Frau nach den islamistischen Terroranschlägen von Paris im November 2015 haben wir versucht, herauszufinden, was genau uns veranlasst hatte, fast die ganze Nacht mit eingeschaltetem Nachrichtenkanal, Smartphones und Tablets alle verfügbaren Nachrichten, Eindrücke, Erlebnissplitter in sozialen und redaktionellen Medien zu verfolgen. Wir entlarvten die meisten rationalen Erklärungen (ich: "Aber es ist mein Job, informiert zu sein!") als mittelmäßig überzeugende Selbsttäuschung.

Es geht um die Botschaft: Du bist nicht allein

Eigentlich waren wir die Nacht über wach geblieben für das Gefühl der gemeinsamen Bewältigung in schwerer Stunde. In Katastrophenfällen verwandeln sich soziale Medien in Bewältigungsgemeinschaften, sie wiederholen hundertausend Variationen der emotionalen Botschaft: Du bist nicht allein. Nicht mit Deiner Verstörung, nicht mit Deiner Wut, nicht mit Deinem Weltschmerz. Um Information geht es weniger: Echte, bestätigte Informationen zu den Hintergründen brauchen Zeit.

Ich kann jeden verstehen, der soziale Medien für genau diese Bewältigungsgemeinschaft schätzt. Aber ich habe bemerkt, dass diese Form der gefühlsbasierten, massenhaften Digitalbewältigung verschiedene Nebeneffekte bei mir persönlich hat:

Wir sind beeinflussbarer, als wir glauben

Meine große Freude an den bereichernden Seiten der sozialen Medien kann ich mir nur bewahren, wenn ich mir die problematischen Wirkungen eingestehe. Jeder mag das für sich anders beurteilen, aber mir bekommt die Teilnahme an einer Gefühlslawine in Katastrophensituationen nicht.

Sie setzt mir eine emotionale Brille auf, die nicht meine ist. Sie macht mich anfälliger für Fake News. Sie beraubt mich zum Teil der Möglichkeit, mir mein eigenes, differenziertes Bild machen zu können. Der emotionale Herdentrieb in sozialen Medien scheint sehr viel stärker, als man sich eingestehen möchte. Wir sind vermutlich allesamt viel beeinflussbarer, als wir glauben.

Besonders in Situationen, in denen der Hunger nach Neuigkeiten (noch) nicht mit Fakten, sondern nur mit Mutmaßungen, Meinungen und Mumpitz gestillt wird. Wo sich also die mediale Bewältigungsmaschinerie ablöst vom tatsächlichen Geschehen, wo die Zwischenräume des Nachrichtenschutts mit Meinungsschaum aufgefüllt werden.

Genau hier ist der Schlüssel zur Entscheidung der temporären Medienabstinenz verborgen: Die Gefühlslawine kann leicht zum Selbstzweck werden. Bei meiner Selbstbeobachtung habe ich bemerkt, dass nach jeder neuen Massenbewältigung in sozialen Medien etwas mehr Gewöhnung einsetzte.

Auf den ersten Blick vielleicht widersprüchlich, aber je intensiver ich die Hitze des Moments gemeinsam mit vielen anderen auskostete, umso weniger ging es um die Opfer oder die dahinterstehenden Weltverwerfungen von Islamismus bis Rechtsextremismus. Und umso mehr ging es um uns, um mich und um meine eigenen Befindlichkeiten, meine Wut, meine Trauer, mein Gefühl der Hilflosigkeit.

Die Teilnahme an der Gefühlslawine unmittelbar nach einem Anschlag dient dann als emotionaler Blitzableiter, das Geschehen möglichst schnell zu bewältigen, ohne weitere Schlüsse daraus zu ziehen. Es bleibt nur ein dumpfes Fundament des Gefühls, als würde Massenmitleid allzu leicht zu Massenselbstmitleid gerinnen.

Weil ich mich der emotionalen Sofortwirkung der Millionenmenschenmaschine nicht entziehen kann, habe ich die Entscheidung zum Abschalten getroffen. Ich bin nicht hart genug. Meine Empathie, meine Fähigkeit des Mitfühlens mit Anderen, möchte ich mir bewahren und sie nicht mit tausend Tränen über Tweets zum Gruppenritual verkommen lassen.

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