Terrorist in Halle Wir müssen über den Täter reden

Sollten wir weniger über den Attentäter reden, um ihm nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, die er sucht? Klingt einleuchtend, kann aber ebenso gefährlich sein.
Einschussloch am Döner-Restaurant in Halle

Einschussloch am Döner-Restaurant in Halle

Foto: Axel Schmidt/ AFP

Es hat schon wieder nicht geklappt. Dabei waren die Wünsche vieler Menschen auf Twitter und Facebook doch wirklich eindeutig: Medien sollten bitteschön den Namen des Attentäters von Halle nicht nennen, seine Botschaften nicht zitieren, kein Bild von ihm zeigen und erst recht kein Material aus dem Video seiner Helmkamera veröffentlichen. Doch obwohl sich die meisten Medien zumindest im letzten Punkt einig waren, geht es jetzt doch wieder überall um den Täter.

Sein Alter ist bekannt, sein Name ist bekannt, seine Herkunft ist bekannt, sein Motiv ist bekannt - und es gibt sogar, ganz ohne auf seine eigene Helmkamera zurückgreifen zu müssen, Bilder von ihm, wie er schießend auf der Straße steht. Weil nicht nur Terroristen heute mühelos ihre Taten filmen können, sondern auch jeder Augenzeuge. Die Bilder aus dem Zeugenvideo sind auch hier beim SPIEGEL zu sehen.

Das ist heikel, weil davon auszugehen ist, dass der Täter explizit mit seiner Tat in Verbindung gebracht werden wollte. Er wünschte sich Öffentlichkeit, sonst hätte er ja sein Tun nicht live ins Netz übertragen. Und es ist problematisch, dass er nun eine noch viel größere Öffentlichkeit bekommt, weil weltweit Medien über ihn berichten. Bislang habe ich so etwas, auch in unseren Redaktionskonferenzen, stets harsch kritisiert.

Mörder, die sich für Helden halten

Aber es ist eben nicht egal, wer der Täter ist. Er selbst mag zwar als Person bedeutungslos sein, deshalb lässt sich über die Nennung seines Namens, für die sich der SPIEGEL nun entschieden hat, durchaus streiten. Doch es handelt sich nicht um irgendeinen gestörten Einzeltäter, sondern um den Vertreter eines ganz bestimmten Tätertypus - und der ist, im Gegensatz zum Attentäter selbst, keineswegs bedeutungslos. Letztlich interessiert nicht, wer dieser Kerl ist, sondern wie es zu so einem Kerl kommen konnte.

Derartige Terroranschläge sind keine singulären Phänomene, keine voneinander unabhängigen Ereignisse, schon gar keine "spannenden News" oder gar "Storys". Sie sind Ergebnis eines Systems, das Täter wie diesen erst möglich macht. Ein System, das auch aus bedeutungslosen Männern Mörder machen kann, die sich selbst für Helden halten.

Rechter Terror ist keine leidige gesellschaftliche Randerscheinung, sondern ein akutes Problem. Wenn wir ihm endlich Herr werden wollen, müssen wir jetzt genau hinschauen: Wie spricht so ein Täter? Was tut so ein Täter? Wo trifft man so einen Täter im Netz? Und zwar nicht - das ist vielleicht das große Missverständnis - um herauszufinden, "was für ein Mensch" das wohl ist (Spoiler: wahrscheinlich kein netter). Sondern um größere Zusammenhänge zu erkennen.

Sonst nämlich bliebe der Täter schlicht irgendein Spinner - und Spinner gibt es bekanntlich überall. Man kann nur verständnislos davorstehen, ausrichten kann man gegen sie nichts. Gegen diesen Tätertypus aber kann man wahrscheinlich etwas ausrichten - sofern man ihn kennt.

Um etwas über ihn zu erfahren, kann auch das Video helfen, das der Täter selbst gedreht hat. Ein Film in seiner Regie, in dem er selbst spricht, in dem er die Musik auswählt und in dem er brav bei Rot an der Ampel hält, bevor er über eine Kreuzung fährt, um Menschen zu erschießen. In die Öffentlichkeit gehört so ein Video trotzdem keinesfalls. Nicht nur weil es den Täterkult befeuern würde - dazu würde das wenig heldenhafte Videomaterial aus Halle vielleicht kaum taugen. Sondern weil in dem Video Menschen sterben. Die Opfer gilt es unter allen Umständen zu schützen, schon ihretwegen sollten wir Journalisten Vorsicht und Achtsamkeit walten lassen.

Im Internetzeitalter lässt sich kein Täter totschweigen

Den Täter aber müssen wir schonungslos analysieren. Ihn müssen wir verstehen, das System, aus dem er kommt, offenlegen und zur Schau stellen. Nur so entsteht ein Bewusstsein dafür, dass sich hinter einem rassistischen, antisemitischen Anschlag eines einzelnen "Anons" wohl weniger ein einsamer Wolf verbirgt - sondern ein internationales, gut vernetztes Rudel.

Es mag sein, dass der Täter sich nun über seine plötzliche zweifelhafte Berühmtheit freut. Es ist sogar möglich, dass auch die mediale Aufmerksamkeit bei bisherigen Anschlägen den Mann in Halle animiert hat, selbst zur Waffe und Kamera zu greifen. Doch im Internetzeitalter lässt sich kein Täter totschweigen; wen eine Botschaft erreichen soll, den wird sie erreichen. Im Zweifel bekäme lediglich die breite Masse, friedlich und nicht radikal, weniger davon mit.

Dabei sollen möglichst viele Menschen mitbekommen, dass es sich hierbei eindeutig und unleugbar um Terror handelt - und nicht um irgendeinen zufällig verwirrten jungen Mann. Und dass wir es hier weder mit einer packenden Nachrichtenstory zu tun haben noch mit einem "Alarmzeichen".

Die Sache ist echt. Die Sache ist ernst. Sie kostet Menschen das Leben. Das müsste reichen, um ihr auf den Grund gehen zu wollen.

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