Testballon Nachrichtenagentur spielt Fernsehsender

Das klassische Geschäft der Nachrichtenagenturen ist der Verkauf von News an Medien: Direkt wenden sie sich selten an das Publikum. Reuters will genau das versuchen. Per kostenlos verteiltem Video-Player will die Agentur ihr Publikum über Webseiten und Blogs erreichen.


Sein Geld mit Nachrichten zu verdienen ist nicht leicht. Seit über 100 Jahren haben sich dafür zwei grundsätzliche Wege etabliert: Entweder, man bietet dem Publikum Nachrichten und refinanziert sich aus der Umfeld verkauften Werbung (Verkaufserlöse machen dagegen bei allen Medien nur einen Minderteil der Einnahmen aus). Oder man liefert den Medienträgern als Dienstleister die Ware "News", damit diese sie an das Publikum weitergeben.

So sieht das aus: Diesen Nachrichten-Videoclient kann sich jeder "einklinken"

So sieht das aus: Diesen Nachrichten-Videoclient kann sich jeder "einklinken"

Genau das ist das Geschäft der Nachrichtenagenturen. Das Gros der Nachrichten, wie sie von Tageszeitungen, Webseiten, Radio- und Fernsehsendern verbreitet werden, laufen über die Kanäle von Reuters, AFP und AP, ddp und dpa, sid und vwd, UPI und Itar-Tass, APA und epd, Xinhua und...

Noch Ende der Neunziger war es auch innerhalb der Agenturen heiß umstritten, ob man sich auch nur eine Webseite mit eigenem Nachrichtenangebot leisten sollte. Das zumindest hat sich nicht nur durchgesetzt, es ist auch ein immer stärker werdender Trend: Die Agenturen haben entdeckt, dass sie in Zeiten des Internet einerseits stetig an Wichtigkeit verlieren, sich ihnen aber andererseits auch völlig neue Vertriebskanäle und Refinanzierungsmöglichkeiten bieten.

Denn der Online-Werbemarkt boomt - ganz im Gegensatz zum restlichen Werbemarkt.

Bereits im letzten Monat gab die Associated Press bekannt, künftig die Internetangebote von Microsofts MSN mit Nachrichtenvideos beschicken zu wollen. Das ist nicht ungewöhnlich: Viele große Webseiten-Betreiber zahlen für die Einbindung solcher multimedialer Inhalte.

Was Reuters nun plant, geht viel weiter

Die Agentur hat entdeckt, dass es jenseits der etablierten Medienmarken Vertriebsmöglichkeiten für die Ware Nachricht gibt, die immer mehr an Reichweite gewinnen: Freie Webseiten, Blogs, aber auch Firmen- und kleinere publizistische Webseiten. Reichweite aber lässt sich vermarkten.

Und so könnte das aussehen: Im Rahmen eines "Affiliate Programs" wird Webseiten-Betreibern und Bloggern ein kostenloser Video-Client angeboten, über den - ständig upgedated - die 20 wichtigsten Nachrichtenbeiträge des Tages laufen. Dieses Angebot würde die Agentur durch Unterbrecher-Werbung refinanzieren. Damit träte die Agentur erstmals als werbefinanzierter "Medienträger" auf - auch, wenn er quasi huckepack fährt.

Der Versuchsballon ist schon gestartet

Zunächst als "Pilotversuch" bis zum "ersten Quartal nächsten Jahres" terminiert, ist das Affiliate Programm bereits online. Technisch stützt es sich auf die Streaming-Lösungen der britischen Entwicklerschmiede Brightcove. Die serviert ihren "Affiliates" die Videos im Rahmen eines Flash-Fensters - was die Einbindung in eine andere Webseite besonders einfach macht.

Noch aber, macht die Agentur-Sprecherin Susan Allsopp im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE klar, sei all das nicht mehr als ein Versuch. Reuters wolle zunächst einmal herausfinden, ob das Vertriebs- und Refinanzieringsmodell realistisch und lohnend ist.

Als "kostenloses Video-Verteilsystem" will sie es nicht missverstanden wissen - auch wenn das aus Perspektive der "Partner" genau so aussehen könnte: Im Erfolgsfall soll das Modell am Ende des Versuches in einen Web-Videovertrieb überführt werden, der den Partnern entweder bezahlt und werbefrei oder aber mit Unterbrecherwerbung angeboten wird, die dann der Nachrichtenagentur zugute käme.

Ein gerade für die Betreiber kleinerer Webseiten attraktives Angebot, das aber zunächst nur in der englischsprachigen Welt gemacht wird. Und der Rest?

"Wir wollen nicht ausschließen", erklärt Susan Allsopp, "dass dieses Modell irgendwann einmal auch auf andere Sprachräume ausgedehnt wird. Konkrete Pläne dafür gibt es aber nicht."

Frank Patalong

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