Online-Magazin "The Vagenda" Heute schon prokrasturbiert?

Diättipps und Anleitungen für den perfekten Blowjob - das sind typische Themen von Frauenzeitschriften. Das Online-Magazin "The Vagenda" ist da origineller. Hier stehen Wörter wie "Abtreibung" und "witzig" schon mal nebeneinander.

Screenshot von "The Vagenda": Menschen mit Vagina und Agenda

Screenshot von "The Vagenda": Menschen mit Vagina und Agenda

Von Katrin Gottschalk


"Neulich habe ich masturbiert, während ich die Nachrichten schaute" - Sätze wie dieser stehen im Online-Magazin "The Vagenda". Sie sind ganz alltäglich, aber trotzdem ungewöhnlich - vor allem, wenn sie eine Frau schreibt. Ansonsten gilt ja eher: Man nehme eine beliebige Frauenzeitschrift, schlage sie auf und suche nach Beiträgen zur weiblichen Sexualität, und man findet mit verblüffend hoher Wahrscheinlichkeit Tipps für den perfekten Blowjob.

Ob es das ist, was Frauen am dringlichsten über Sex wissen wollen? Zwei Studentinnen in einer kleinen Wohnung im Norden Londons sagten sich eines Tages beim Durchblättern genau solcher Magazine: Nein. Also gründeten Rhiannon Lucy Cosslett und Holly Baxter Anfang 2012 das Blog "The Vagenda".

Der Name gibt die Richtung vor: Menschen mit einer Vagina und einer Agenda schreiben über die Themen, die sie beschäftigen - und das kann eben "Prokrasturbation" sein oder die "witzigste Situation" bei einer Abtreibung. Oder ein flammender Aufruf an alle Frauen, sich gemeinschaftlich hinter parkende Autos zu hocken, statt sich in die nächste Toilettenschlange einzureihen. Oder Gedanken darüber, dass sie eben nicht "schlau genug" sind, um all die Körper- und "Wie sollte eine Frau sein?"-Bilder aus Frauenzeitschriften zu ignorieren. Denn genau das seien eben die Anforderungen, an denen Frauen sich täglich messen.

Der laute Befreiungsschlag per Internet kommt an, im ersten Jahr wurde "The Vagenda" sieben Millionen Mal aufgerufen.

Mittlerweile ist das Blog zum Online-Magazin gewachsen, der Autorinnenkreis wächst stetig. Viele davon sind selbst Journalistinnen, die Gründerinnen schreiben für den "Guardian". Anfang Mai veröffentlichten Cosslett und Baxter schließlich das gleichnamige Buch zum Blog, passend zum Saisonstart der Bikinifigur. Der Titel des ersten Kapitels: "Women's Magazines: Where did it all go wrong?" Gefolgt von: "Body Politics".

Es gibt auch Kritik

Man möchte meinen, dass sich das Frauenmagazin-Bashing irgendwann erschöpft, aber anscheinend sind die Hefte eine schier unendliche Fundgrube, aus der sich immer neue Perlen des Irrsinns schöpfen lassen.

Im April etwa rief "The Vagenda" seine Leserinnen über Twitter auf, Promi-Bilder von Frauen neu zu betexten. Die Ergebnisse sind erschreckend (wegen der Originaltexte) und witzig (wegen der betont nüchternen neuen Bildunterschriften) zugleich. Aus "Kim Kardashian nimmt an der Met Gala 2014 teil ... ein Jahr, nachdem sie für DIESES mit Blumen verzierte Fashion-Desaster verspottet wurde" zum Beispiel wurde "Frau weigert sich, im Schatten zu kauern, nachdem sie öffentlich dafür kritisiert wurde, dass sie Kleidung trägt."

Kritik gibt es an "The Vagenda" aber auch. So schreibt eine Autorin des "Independent", dass all das, was im Netz und im Buch kritisiert wird, schon seit Jahren von Feministinnen angeprangert wird. Eine andere Rezensentin beschwert sich, dass die Forderung im Blog, es solle auch sexy Ausführungen von Still-BHs geben, an ihrer eigenen Lebensrealität komplett vorbei geht.

Klar, in den Texten werden sich nicht alle Frauen wiederfinden. Das Magazin spricht vor allem junge, weiße, heterosexuelle Studentinnen an. Manche Themen allerdings, etwa die unendliche Suche nach dem G-Punkt, sind so universell und dazu noch wunderbar direkt erzählt, dass man schon sehr humorresistent sein muss, um "The Vagenda" nicht zu lieben.

Zur Autorin
    Katrin Gottschalk ist Chefredakteurin des "Missy Magazine" und freie Kulturjournalistin in Berlin. Sie schreibt über Musik, Theater, Politik, Alltag und das Netz. Für SPIEGEL ONLINE berichtet sie im Wechsel mit Chris Köver und Sonja Eismann als netzfeministische Korrespondentin.



insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Das Grauen 20.06.2014
1. Zeitgemäß
Zur Gleichberechtigung gehört selbstverständlich dazu, daß auch Frauenzeitschriften völlig daneben sein dürfen. Witzige Situationen bei Abreibungen? Geschmacklos.
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Seite 1

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