The Zimmers Aufstand der singenden Rentner

Eine Band, deren Mitglieder zusammen mehr als 3000 Jahre alt sind, erobert die englischen Charts mit Rock, Humor und Hintersinn. Ihr erstes Musikvideo gehört schon jetzt zu den erfolgreichsten Web-Videos überhaupt.

Leadsänger Alf Carretta ist nicht der erste Rockstar mit schlechten, ja sogar nur vereinzelten Zähnen. Dass sein erster Hit die Coverversion eines Oldies ist, ist auch nicht ungewöhnlich: Je oller das Ausgangsmaterial, desto neuer kommt es den Kiddies vor, normalerweise Hauptzielgruppe der CD-Verkäufer. "The Who" eignen sich da bestens: Diese Mods kennen heutige Kids allenfalls noch als Titelmelodie-Lieferanten für CSI, und ein Lied aus dem Jahre 1965 läuft für sie unter dem Prädikat prähistorisch - also so gut wie neu.

Zu allem Überfluss singt Alf dann noch in einer gecasteten Band, von Fernsehmachern zusammengesucht mit dem erklärten Ziel, die Charts zu stürmen: Soweit, so business as usual.

Ungewöhnlich ist, dass manche Bandmitglieder von ihren Pflegern ins Studio begleitet wurden, wie Peter Oakley alias Geriatric1927 in seinem Videoblog erzählt . Denn alle sind sie alt, sehr alt sogar: Sänger Alf ("I hope I die before I get old") bringt es auf 90 Lenze, Band-Senior Buster Martin ist 100, die Nesthäkchen immerhin Ende sechzig: Unter dem Strich summiert sich das Lebensalter der ältesten, aus rund drei Dutzend Mitgliedern bestehenden Band der Welt, auf über 3000 Jahre, durchschnittlich allerdings nur 79 Jahre.

"Why don't you all fade away
And don't try to dig what we all say"

Auch Geriatric, der wohl seltsamste Star, den YouTube bisher hervorgebracht hat, ist Teil von "The Zimmers". Seine Videos, in denen er seit August 2006 zunächst sein Leben erzählte und seitdem Gott und die Welt erklärt, gehören zu den populärsten Web-Filmen überhaupt. Sein Erstlingswerk "first try" brachte es auf über 2,6 Millionen Abrufe.

Noch populärer ist das Video, in dem Geriatric1927 jetzt zu sehen ist: Fast 2,8 Millionen Mal wurde der Film seit Anfang April abgerufen. Als am 28. Mai schließlich die CD-Single der seltsamen Rentnerband auf den Markt kam, stieg diese direkt auf Platz 26 der englischen Charts ein.

"I'm not trying to cause a big sensation
I'm just talkin' 'bout my generation"

Kein Wunder, in Großbritannien war sie beworben worden, wie man es sich effektiver kaum vorstellen kann. Fernseh-Produzent Tim Samuels hat die Gruppe zusammengebracht. Er hatte vom selbst organisierten Widerstand einer Rentnergruppe gehört, die sich gegen die Schließung ihrer Bingo-Halle aufgelehnt hatte. Eine Steilvorlage für seine dreiteilige Dokumentation "Power to the People", in der er Partei nahm für gesellschaftliche Gruppen, die Probleme haben, ihre Rechte durchzusetzen.

Samuels kontaktierte die Bingo-Kämpfer und begann nach weiteren Personen zu suchen: vereinsamte Altenheim-Insassen, schlecht versorgte Alte, die wir Topfpflanzen gehalten notversorgt werden, aber auch kreative Oldies, die versuchen, sich Gehör zu verschaffen - wie Peter Oakley bei YouTube.

"This is my generation
This is my generation, baby"

Im April saß diese zusammengesuchte Truppe dann in eben jenem Plattenstudio, in dem die Beatles einst ihr "Abbey Road"-Album aufgenommen hatten. Am Mischpult saß Mike Hedges, Produzent von U2, das Musikvideo drehte Geoff Wonfor und alle verzichteten sie auf Gagen. Samuels hatte als erstes Ziel der Aktion die Parole "Ab in die Top 10" ausgegeben. Primäres Ziel jedoch war, den Alten eine Plattform zu bieten, ihre Nöte klarzumachen und den Kampf gegen die sie behindernden Dinge und Strukturen aufzunehmen.

So ist das witzige Video durchsetzt mit erschütternden Appellen, die sich nur auf elementare Schilderungen des Alten-Alltags beschränken: "Ich habe meine Wohnung seit drei Jahren nicht verlassen" steht da auf einem Schild, hinter dem eine Frau schamhaft halb versteckt hockt, die man gerade noch lachend und singend im Chor sah. In seiner Dokumentation "Power to the People: Granny Invasion" griff Samuels die Geschichten auf und vertiefte sie.

Gesendet wurde das Stück am 28. Mai, am gleichen Tag ging die Single in den Verkauf. Auf der ist nur der eine Song zu hören, doch weitere Werke sollen - wenn möglich - folgen. In der ersten Verkaufswoche schaffte es das witzige Stück direkt auf Platz 26. Die Erlöse fließen einem Alten-Hilfswerk zu.

Dass Samuels Projekt einen Nerv getroffen hatte, bewies das weltweite Medienecho, noch bevor die Dokumentation im TV lief: Dafür reichte schon das sensationelle YouTube-Video. Binnen zwei Monaten sind etliche der Zimmers ganz in ihre Rolle als Anwälte der alten Generationen hineingewachsen. Sie werden interviewt, eine Abordnung ist demnächst in Amerikas populärer Jay-Leno-Show zu sehen.

Auch wenn die Zimmers-Single es nicht stante pede in die Top-10 der UK-Charts schaffte, hat Tim Samuels damit seine Ziele längst erreicht. Samuels: "Wenn man eine Gesellschaft daran bewerten kann, wie sie mit ihren alten Menschen umgeht, dann haben wir ein Problem. Ich wollte etwas unternehmen, um ihnen dabei zu helfen, sich zu wehren. Etwas mit Haltung und Chuzpe."

Song-Zitate: "My Generation" von Pete Townsend, eingespielt 1965 von The Who.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.