Tim-Berners-Lee Liebe Leserin, lieber Leser,

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einer der ersten Unterstützer des "Contract for the Web" von World-Wide-Web-Erfinder Tim Berners-Lee hat sein Hauptquartier in der Guinea Street Nummer drei in Exeter, England. Es ist das Geigengeschäft Devon Strings Workshop, zehn Prozent Rabatt auf alle Saiten, montags und dienstags geschlossen.

Die Rettung des Internets steht also unmittelbar bevor.

Spaß beiseite.

Ich wünsche Sir Tim natürlich maximalen Erfolg. Der von ihm vor einem Jahr initiierte und diese Woche auf dem Internet Governance Forum (IGF) in Berlin präsentierte Gesellschaftsvertrag fürs Web ist ein ehrbarer Versuch, der mitunter niederschmetternden Realität eine hoffnungsvolle, positive Vision entgegenzusetzen.

Sir Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web (Archivbild)
Vincent West / REUTERS

Sir Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web (Archivbild)

So sollen Regierungen den Zugriff auf die private Kommunikation ihrer Bürger möglichst nicht ausarten lassen, Unternehmen unnötige Datensammlungen unterlassen, und normale Nutzer mögen doch bitte dem Nachwuchs einen zivilen Diskurs im Netz beibringen. Nichts von dem, was da steht, ist falsch.

Aber aus meiner montagsgelaunten Sicht ist der rechtlich nicht bindende Vertrag nur eine weitere Website mit einem weiteren Manifest, unterzeichnet von englischen Geigenbauern, Hochzeitsausstattern aus Michigan und walisischen Radiosendern.

Wie absehbar wirkungslos er bleiben wird, zeigt sich schon daran, dass auch Facebook, Google und Twitter den Vertrag unterstützen. Würde die Welt ernst nehmen, was in dem Vertrag steht, könnten diese drei Läden nämlich dichtmachen. Aber die Formulierungen fallen so allgemein aus, dass auch jene Unternehmen, die Berners-Lee stets am schärfsten kritisiert, problemlos unterschreiben können.

In den FAQ der zugehörigen Website ist beschrieben, wie der Erfolg der Initiative aussähe: "Manche globalen Akteure werden den Vertrag niemals unterstützen", heißt es da, aber das Ziel wäre schon erreicht, "wenn diese Regierungen und Unternehmen als wahre Außenseiter dastehen".

"Non-Mention" nennt man so was im Internet. Also wenn man über jemanden spricht, ohne ihn mit Namen zu nennen. Doch jedem dürfte klar sein, dass hier unter anderem China und Russland gemeint sind. Nur stehen die längst als Außenseiter da, wenn es um ihren Umgang mit dem Netz geht. Es stört sie aber auch nur so sehr wie ein umgefallener Sack Bits.

Meine größte Hoffnung ist, dass ich irgendwann mal einen Newsletter schreiben kann, in dem ich alles, was hier steht, zurücknehme, weil ich mich geirrt habe.

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Seltsame Digitalwelt: U-Bahn-brechend

Berlin ist, wenn du vor der Treppe zur U-Bahn noch mal alle deine Nachrichtenkanäle auf dem Smartphone aktualisierst. Es ist wie digitales Luftanhalten: Wenn du erst einmal unten bist, herrscht Funkstille.

Natürlich hängt das von der Strecke und dem Mobilfunkanbieter ab. Für mich als Telekom- sowie Vodafone-Kunden jedenfalls hat es in den vergangenen neun Jahren schon etwas Grundgesetzartiges gehabt: Da ist kein "U" in "Internet".

Doch selbst das Grundgesetz kann mit der nötigen Mehrheit geändert werden. Und die hat sich jetzt in Bezug auf die U-Bahn gefunden. Seit wenigen Tagen bieten nicht mehr nur Telefónica, sondern auch die Telekom und Vodafone LTE im Berliner Untergrund an. Genauer: zunächst in Abschnitten der U2, U5, U7 und U8. Dafür arbeiten die drei Provider zusammen.

Und weil das Ganze für Berliner Verhältnisse so dermaßen (U-)bahnbrechend ist, bekam ich sogar eine Einladung "zu einer Testfahrt auf der Linie U8". Ganz so, als sei ich niemals in irgendeiner anderen, normalen Stadt gewesen und könnte mir nicht vorstellen, wie es ist, in einer U-Bahn online zu sein.


App der Woche: "Chargemap"
getestet von Matthias Kremp

Elektroautos waren in den vergangenen Tagen wieder mal ein großes Thema. Oder vielmehr: ein Elektroauto. Der neue Cybertruck von Tesla, der wegen seiner Ecken und Kanten mehr nach Stealth-Bomber als nach Auto aussieht. In solchen Fahrzeugen, ganz oder teilweise elektrisch betrieben, sieht die Branche ihre Zukunft. Damit einher geht aber das Problem, dass es zwar leicht ist, herkömmliche Tankstellen zu finden, doch wer den Akku seines E-Mobils aufladen will, muss wissen, wo es die passende Steckdose gibt.

Genau das soll die App Chargemap leisten. Eigentlich dient sie dazu, Nutzer eines kostenpflichtigen Chargemap-Passes zu Ladesäulen zu leiten, an denen man mit jenem Pass bezahlen kann. Doch aufgelistet werden auch alle anderen Stromstationen, egal von welchem Anbieter. Dabei kann man auch nach Steckertypen und Ladeleistung filtern, damit man nicht womöglich zu einer Ladesäule fährt, die nicht zum Stecker des Autos passt. Ein hübsches Extra: Für längere Fahrten kann man sich eine Route entlang passender Ladestationen berechnen lassen.

Kostenlos, von Chargemap: iOS, Android


Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "Wie Hollywood die Totenruhe stört" (Fünf Leseminuten)
    Eine computergenerierte Version des 1954 verstorbenen James Dean soll eine Hauptrolle in einem neuen Film spielen. "Golem.de" analysiert, warum das - auch wenn es technisch möglich ist - eine schlechte Idee ist.
  • "Ghost ships, crop circles, and soft gold: A GPS mystery in Shanghai" (Englisch, sieben Leseminuten)
    Am Hafen von Shanghai manipuliert jemand GPS-Signale auf eine bisher unbekannte und unerklärliche Weise. Testet China eine neue elektronische Waffe oder sind es Sanddiebe, die ihre Spuren verwischen wollen? Der Bericht von "Technology Review" ist so faszinierend wie beunruhigend.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche

Patrick Beuth

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see_baer 26.11.2019
1. O Gott - Kein Netz
die moderne Entzugserscheinung
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