Digitale Behördenbriefe Telekom-Chef erklärt De-Mail zum »toten Gaul«

Vor zehn Jahren startete der Bund die De-Mail zur sicheren Kommunikation mit Behörden. Der Telekom-Chef rechnete mit dem Dienst nun öffentlich scharf ab – zur Irritation der übrigen Projektpartner.
Telekom-Chef und De-Mail-Kritiker Timotheus Höttges

Telekom-Chef und De-Mail-Kritiker Timotheus Höttges

Foto: Oliver Berg/ dpa

Eigentlich stünde bald ein rundes Jubiläum an: Im April 2011 brachte die Bundesregierung mit dem De-Mail-Gesetz eine neue, rechtssichere Möglichkeit auf den Weg, mit Behörden und Unternehmen Kontakt aufzunehmen. In den letzten Jahren war von diesem Angebot nicht mehr viel zu hören, bis jetzt. In einem ausführlichen, fast zweistündigen Interview mit dem YouTuber Tilo Jung  (»Jung & Naiv«) ließ Telekom-Chef Timotheus Höttges kein gutes Haar an dem vom Bundesinnenministerium angeschobenen Projekt.

De-Mail sei »überkompliziert« und ein »toter Gaul«, sagte Höttges. Es habe trotz Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe »nie jemanden gegeben, der dieses Produkt genutzt hat«, deshalb habe man den Dienst »eingestellt«.

Die Fundamentalkritik kommt überraschend, denn online bewirbt die Telekom den Dienst weiterhin: »Einfach und rechtssicher mit Firmen und Behörden kommunizieren«, heißt es dort . Und: »Werden Sie jetzt De-Mailer«.

Auf Nachfrage erklärt das Unternehmen, De-Mail werde »nicht weiter aktiv vermarktet«, Bestandskunden aber weiter versorgt. Das Angebot habe sich allerdings von Beginn an »nicht in der erhofften Geschwindigkeit entwickelt« und »bis heute kein wirtschaftliches Ergebnis erzielt«. Die Frage nach der aktuellen Kundenzahl beantwortete das Unternehmen nicht.

Keine Angaben zu den Gesamtkosten

Auch das Bundesinnenministerium nannte keine aktuellen Nutzerzahlen und verwies dafür auf die Projektpartner, zu denen neben der Telekom auch die United Internet AG  (unter anderem GMX, Web.de) und die Mentana Claimsoft GmbH  gehören. Nach deren Angaben habe es im Jahr 2015 mehr als eine Million Privatkunden gegeben, einige Zehntausend Kunden aus dem Mittelstand und etwa 1000 Großkunden aus Wirtschaft und Verwaltung.

Zu Höttges' Fundamentalkritik heißt es aus dem Ministerium, man nehme seit rund zwei Jahren wahr, dass die Telekom sich aus der De-Mail zurückziehe, die Behörden griffen daher auf andere Anbieter zurück. Tatsächlich ließen sich auch die Bundeseinrichtungen viel Zeit damit, De-Mail-Zugänge einzurichten. Manche verfügen darüber offenbar bis heute nicht, obwohl das De-Mail-Gesetz sie dazu bis zum Jahr 2016 verpflichtete. Mit Stand vom Juni 2019 seien 85 von 92 Bundesbehörden per De-Mail-Mail erreichbar gewesen, so das Innenministerium.

Zu den bisher entstandenen Gesamtkosten für die Steuerzahler konnte oder wollte das Innenministerium unter Verweis auf Zeitnot keine genaueren Angaben machen. Die laufenden Kosten betrügen »rund 9320 Euro (netto)« monatlich für ein zentrales Gateway.

GMX und Web.de widersprechen der Telekom

Wie viele andere Digitalprojekte des Bundes war die De-Mail von Beginn an umstritten. Auf einem zentralen Informationsportal zu dem Angebot versuchen die Projektpartner, gleich sechs vermeintliche »Mythen« mit Argumenten zu entkräften .

Beim Projektpartner United Internet AG widerspricht man der Einschätzung des Telekom-Chefs. Auf die Frage, ob man das Angebot ähnlich kritisch bewerte wie die Telekom, sagt GMX- und Web.de-Geschäftsführer Jan Oetjen: »Im Gegenteil, wir sehen weiter großes Potenzial.« Man betreibe die Plattform »seit Jahren kostendeckend« und sehe »gerade seit Beginn der Pandemie ein Wachstum der Anmeldungen«. Aktuell zähle man 750.000 aktive De-Mail-Kunden. Sie nutzten den Service unter anderem, um bei der Deutschen Rentenversicherung per De-Mail ihre Daten einzusehen oder ihre Unterlagen rechtsverbindlich an Banken und Versicherer zu schicken.