Titanic-Drama in Echtzeit Der unerträgliche Untergang

Das war wirklich anstrengend: Britische Spielentwickler haben den Untergang der Titanic als YouTube-Video rekonstruiert. Matthias Kremp hat sich das 2:40-Stunden-Epos angesehen.

Die Titanic während des Untergangs
Four Funnels Entertainment

Die Titanic während des Untergangs


Die ersten zwei Minuten sind geradezu mit Action vollgestopft. 11:39, die Besatzung entdeckt einen Eisberg. Einige Sekunden später werden die Maschinen gestoppt. 11:40, die Titanic rammt mit ihrer Steuerbordseite einen Eisberg. Die Schotten werden dichtgemacht.

So beginnt ein Video, das den Zuschauer den Untergang des berühmten Kreuzfahrtschiffes in Echtzeit miterleben lässt. In Echtzeit, das bedeutet, dass man zwei Stunden und 40 Minuten lang durchhalten muss, um die Tragödie, die sich am 15. April 1912 im Nordatlantik abspielte, als 3D-Animation anzusehen.

Produziert wurde das Video von Four Funnels Entertainment, einer kleinen Gruppe von Entwicklern, die an einem Computerspiel namens " Titanic - Honor and Glory " arbeiten, das die Titanic -Katastrophe zum Thema hat. Mit dem Echtzeit-Film werben sie um Enthusiasten, die ihr auf mehrere Jahre angelegtes Projekt finanziell unterstützen sollen.

Und dann passiert nichts

Doch das Video vom Untergang anzusehen, ist eine Herausforderung. Ich habe es trotzdem getan. Zugegeben, auf dem Zweit-Notebook, während ich nebenher gearbeitet habe. Trotzdem kann ich es nicht anders sagen: der Film hat seine Längen. Aber genau das macht ihn so dramatisch.

Das zeigt sich schon nach den ersten paar Minuten, denn nachdem die Schotten verschlossen werden, passiert fünf Minuten lang gar nichts. Ich starre auf das 3D-Modell des Luxus-Liners, das langsam über den computergenerierten Atlantik dümpelt, bis mich eine Texteinblendung wachrüttelt: Die Titanic habe nun angehalten, wird mir auf dem Bildschirm signalisiert, die Schäden würden begutachtet.

Stillstand

Zu sehen bekomme ich davon nichts. 19 Minuten nachdem das Video begonnen hat kommt das 3D-Schiff vor einem schlecht simulierten Sternenhimmel erneut zum Stillstand. Dieses Mal endgültig, signalisiert mir eine weitere Texteinblendung.

Aber das weiß man ja schon. Spätestens seit dem Spielfilm mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio kennt jeder die Geschichte von dem als unsinkbar geltenden Schiff, das auf seiner Jungfernfahrt nach einer Kollision mit einem Eisberg sank. Mehr als 1500 Menschen starben.

Die Zeit dehnt sich wie Kaugummi

Das scheinbar endlos lange Video lässt ahnen, weshalb das Unglück so viele Opfer forderte. Erst eine Dreiviertelstunde nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg erscheint auf dem Bildschirm der Hinweis, das erste Notsignal per Funk werde nun gesendet. Der Rumpf ist da bereits merklich tiefer gesunken.

Szene aus dem Inneren des Schiffes
Four Funnels Entertainment

Szene aus dem Inneren des Schiffes

Besonders schnell gehen die Rettungsmaßnahmen trotzdem nicht voran. Erst eine Stunde nach der Kollision wird das erste Rettungsboot zu Wasser gelassen. Von 65 Sitzplätzen sind nur 28 besetzt. Der Bug der Titanic liegt jetzt deutlich tiefer im Wasser als der Rest des Schiffes.

Und so geht es immer weiter, quälend langsam senken sich die Rettungsboote der Wasseroberfläche entgegen, eins nach dem anderen. Verstörend ist dabei, dass man zwar ab und zu Stimmen hört, auf dem Schiff aber kein einziger Mensch zu sehen ist. Die Zeit dehnt sich wie warmer Kaugummi in der Sonne.

Kaum zu ertragen

Das Video in voller Länge anzusehen, ist kaum auszuhalten, so langsam spielt sich das Drama ab. In viel zu langen Abständen weisen Einblendungen darauf hin, welches Rettungsboot gerade zu Wasser gelassen wird, wie wenige der zur Verfügung stehenden Plätze mit Passagieren besetzt sind.

So wird der Film zum Gegenteil des Actionfilms, als den man sich eine Schiffskatastrophe vorstellt. Je dramatischer die Lage wird, desto ruhiger wird die Geräuschkulisse. Das eigentliche Drama findet im Kopf statt, als ich mir vorstelle, dass mehr als zweieinhalb Stunden Zeit gewesen wären, Passagiere und Besatzung zu retten.

Trotzdem und ganz ehrlich: Als das Schiff nach 2 Stunden, 41 Minuten und 18 Sekunden endlich vollständig versunken ist, bin ich erleichtert.

Nach dem Untergang
Four Funnels Entertainment

Nach dem Untergang

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