Tod eines Diktators Weltöffentlicher Lynchmob

Das brutale Ende Muammar al-Gaddafis markiert den neuen Höhepunkt einer langen Entwicklung: Der Tod von Tyrannen und Terroristen wird zum globalen Medienereignis, fast in Echtzeit. Die Technologie, die das ermöglicht, kommt aus Staaten, in denen Lynchmorde längst nicht mehr akzeptiert werden.
Britische Tageszeitung "The Sun": "Das ist für Lockerbie"

Britische Tageszeitung "The Sun": "Das ist für Lockerbie"

Foto: sun.co.uk

Woran Muammar al-Gaddafi letztlich auch gestorben ist - an gezielten Kopfschüssen seiner Häscher, an Verletzungen, die er sich in einem vorangegangenen Gefecht zugezogen hat -, eins ist unzweifelhaft: Die letzten, brutalen Minuten im Leben des Diktators und die anschließende Misshandlung seiner Leiche sind von mehreren Rebellenkämpfern mit ihren Handykameras für die Ewigkeit festgehalten worden. Muammar al-Gaddafis letzte Minuten vollziehen sich in diesen Stunden vor den Augen der Weltöffentlichkeit, immer und immer wieder - auch wenn viele Fernsehsender und Medienhäuser sich entschieden haben, die drastischen Bilder nicht oder nur in Auszügen zu zeigen. Das aber spielt im Zeitalter des Internets, der sozialen Medien, im Zeitalter von Video- und Social-Networking-Plattformen keine Rolle mehr: Die Bilder sind in der Welt, und sie werden sich nie wieder einfangen lassen.

Sich am Tod des gestürzten Bösewichtes zu weiden, ist ein archaischer, ein vormoderner Impuls, ein Relikt aus finsteren Zeiten. Bis heute aber hat dieser Impuls offenbar nichts an Kraft eingebüßt. Die Bilder des getöteten rumänischen Herrschers Nicolae Ceausescu und seiner mit ihm gemeinsam hingerichteten Ehefrau gingen 1989 um die Welt - damals noch als Standbild. Die Bilder von Saddam Husseins Tod durch den Strang fanden ihren Weg in die Öffentlichkeit dann schon über Web-2.0-Angebote wie YouTube oder Liveleak. Dass TV-Sender sie nicht ausstrahlten, fiel da schon nicht mehr ins Gewicht: Wer die Videoaufnahmen von der Hinrichtung sehen wollte, der bekam sie auch zu sehen. Und das waren viele.

Die Handybilder widersprechen der offiziellen Version

Als im Mai 2011 Osama Bin Laden von US-Spezialkräften in Pakistan erschossen wurde, gab es aufgrund der Tatsache, dass keine Bilder von der Leiche veröffentlicht wurden, regelrecht wütende Reaktionen: Überall pochten Menschen auf ihr Recht, selbst einen Blick auf den getöteten Bin Laden werfen zu dürfen. Heute ist man nicht mehr schockiert von Bildern toter Übeltäter, man erwartet sie, fordert sie ein.

Die Videos von den letzten Minuten im Leben Muammar al-Gaddafis markieren in der Kette der weltöffentlichen Despoten-Tötungen einen neuen Höhepunkt. Nicht einer, sondern offenbar diverse Rebellenkämpfer vor Ort filmten ihren Triumph. In einem Video ist zu sehen, wie der offenbar bereits schwer verletzte Gaddafi auf die Motorhaube eines Pick-up-Trucks gesetzt wird - um ihn öffentlich zur Schau zu stellen, wie es die Römer mit Besiegten zu tun pflegten?

Das Video zeigt auch, wie dem gestürzten Diktator die Stiefel von den Füßen gezogen werden, ein jubelnder Kämpfer schwenkt seine Trophäe triumphierend in die Kamera und brüllt "Allahu akhbar", Gott ist groß. Im Hintergrund sind andere Kämpfer zu sehen, die ebenfalls ihre Handykameras auf den verletzten Gaddafi richten, während der sich mit leerem Blick das Blut aus dem Gesicht wischt. Ein weiterer Clip zeigt den gestürzten Tyrannen über steinigen Boden stolpernd, umringt von Männern, die offenbar auf ihn einschlagen.

Was früher journalistisches Rohmaterial geblieben wäre, ist heute überall

Als offizielle Version der Ereignisse verbreitet der neue libysche Ministerpräsident Mahmud Dschibril, Gaddafi sei in Sirt ins Kreuzfeuer von Regierungskämpfern und eigenen Anhängern geraten und habe dabei einen tödlichen Kopfschuss erlitten. Die Meldung wirkt angesichts dieser Bilder wenig glaubhaft.

Ein später aufgenommenes Video zeigt offenbar die Leiche Gaddafis, die über den Boden gezerrt wird, während umstehende Kämpfer gegen den Kopf des Getöteten treten. Wohl noch nie ist die Rache der Sieger am Besiegten so detailliert, so unmittelbar und so grauenhaft für ein globales Publikum verfügbar gemacht worden. Ob die großen Medienhäuser sich entschließen, ihrem Publikum diese Bilder zugänglich zu machen oder nicht, spielt kaum noch eine Rolle. Über Twitter, Facebook und viele andere Kanäle werden immer wieder wechselnde Links zu den drastischen Bildern weitergereicht. Wenn bei YouTube ein Video aus Jugendschutzerwägungen gesperrt wird, taucht es kurz darauf anderswo wieder auf. Das, was früher möglicherweise das Rohmaterial journalistischer Arbeit geblieben wäre, ist heute für jedermann verfügbar.

Die Hochtechnologie-Nationen blicken durchs Netz auf den Lynchmob

Bei Twitter werden die Links zu den Videos meist mit Warnungen versehen: "drastisch", "nicht für Jugendliche geeignet", "warning: graphic images". Auch Nachrichtenagenturen und der arabische TV-Sender al-Dschasira sind dazu übergegangen, die Clips aus den Handys der Rebellen direkt an ihre Zuschauer und Kunden weiterzugeben, mit entsprechenden Warnhinweisen versehen. Andere kennen offenbar keine Schranken mehr. Die britische Boulevardzeitung "The Sun" macht ihre Web-Seite heute mit dem Bild des getöteten Diktators auf. Daneben steht die Schlagzeile "Das ist für Lockerbie". "The Sun" stellt also freudig erregt einen Rachebezug zwischen Gaddafis Tod und dem Terroranschlag im Jahr 1988 her, bei dem 259 Insassen eines Pan-Am-Flugs und elf Bewohner der schottischen Ortschaft Lockerbie starben.

So wird der brutale Sturz des Tyrannen zum globalen, emotionalen (Netz)-Medienereignis. Das weltumspannende Gespräch, das soziale Medien möglich machen, handelt heute auch von den ungefilterten Bildern von Gaddafis Tod. Und das, obwohl in den Gesellschaften, in denen dieses Gespräch maßgeblich geführt wird, den Ländern der entwickelten Welt, Ähnliches kaum vorstellbar wäre. Auch ein verhasster Schwerstverbrecher würde in den USA, in Europa, in Japan oder Südkorea kaum auf offener Straße verprügelt, ausgeplündert und getötet werden, um anschließend seine Leiche zu schänden. Aber natürlich herrscht in diesen Ländern auch kein Kriegszustand.

Die Staaten, deren Technologie das globale Spektakel um Gaddafis Tod ermöglichen, die Staaten, in denen Handys hergestellt, Videoplattformen betrieben und Internetserver entwickelt werden, sind von Libyen aus betrachtet heute eine fremde, ferne Welt. Viele Bewohner dieser Hochtechnologie-Staaten blicken nun ihrerseits mit (wohligem?) Schaudern in diesen anderen, wilden Teil der Welt in Nordafrika, in dem die archaische Tradition des Diktatorenlynchens offenbar noch Bestand hat.

Digitale Technologie mag dazu beigetragen haben, den Arabischen Frühling herbeizuführen, was die Region, wenn nichts schiefgeht, demokratischer und damit in unserem Sinne zivilisierter machen könnte. Digitale Technologie eignet sich aber auch, Akte fern jeglichen zivilisierten Handelns nahezu in Echtzeit zur Information - oder zur Unterhaltung? - einer globalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und auch diese, humanistischen Idealen so gar nicht entsprechende Form ihrer Anwendung wird offenbar weltweit dankbar aufgenommen.

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