Tod von Michael Jackson Wie das Netz um einen toten Star trauert

Die erste Nachricht von Michael Jacksons Tod kam aus dem Netz - und dort trauern nun Fans, werden Erinnerungen ausgetauscht und böse Witze gerissen: ein gigantisches weltweites, multimediales Gespräch über den King of Pop.

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Der Tod von Michael Jackson bewegt Menschen rund um den Erdball. Ruhm vermag die Aufmerksamkeit vieler Menschen zu bündeln - und so berühmt wie Michael Jackson sind auf diesem Planeten nur sehr wenige. Sein Leben und Sterben ist eines der Themen, zu denen in weiten Teilen der Welt fast jeder eine Meinung oder einen Kommentar parat hat. Man spricht darüber, überall. Einmal mehr macht Twitter, auch wenn den Dienst nach wie vor nur eine vergleichsweise winzige Minderheit benutzt, eindrucksvoll sichtbar, was Netznutzer heute umtreibt: Im Abstand von Sekundenbruchteilen gehen neue Bekundungen der Trauer oder des Beileids ein, teils auch hämische Witze. Bis zu 5000 pro Minute. Zu den meistbesprochenen Themen gehören am Freitag "MJ's", "RIP MJ", "michaeljackson", "michael's" und "thriller".

Flickr-Pool zu Michael Jackson: Seit der Todesnachricht tausende neue Bilder hochgeladen

Flickr-Pool zu Michael Jackson: Seit der Todesnachricht tausende neue Bilder hochgeladen

Seit dem Tod von Elvis Presley und der Ermordung John Lennons hat sich etwas verändert an der Art, wie Menschen über den Tod von Berühmtheiten sprechen: Heute ist die Unterhaltung eine globale. Auch deshalb gerieten Teile des Internets in den Stunden nach der Nachricht von Jacksons Tod beinahe ins Wanken.

Das WWW ist sowohl Konversations- als auch Publikationsmedium, und beide zusammen, globales Gespräch und globaler Wunsch nach Information, brachten über Nacht so manchen Server an seine Leistungsgrenze.

Wo hört Konversation auf, wo fängt Publikation an?

Die Grenzen zwischen privater Unterhaltung und Veröffentlichung sind heute so niedrig wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit: Ein Twitter-Nutzer, der fünfzig "Follower", vulgo fünfzig Leser hat, kann mit ihnen womöglich wirklich noch eine Art Dialog pflegen. Einer, dessen Tweets aber Zweitausend lesen, kann das schon nicht mehr. Wo private Kommunikation aufhört und öffentliche anfängt, lässt sich nicht mehr eindeutig bestimmen in Zeiten des Echtzeit-Webs.

Und so fließt an Tagen wie dem heutigen, an denen es ein großes, globales Gesprächsthema gibt, online alles ineinander: Die Nachrufe der großen Zeitungs-Websites, die Nachrichtenhäppchen über das Sterben des Stars, die Trauerbekundungen auf eigens eingerichteten Web-Seiten, die Klagelieder auf den Homepages der Fanclubs, Twitter-Nachrichten. Natürlich wird diese Konversation nicht nur verbal, sondern auch multimedial geführt - erst recht, da es doch um einen geht, dessen Leben in so zahllosen Aspekten so umfassend medialisiert worden ist: von der Schallplatte über Liveaufnahmen und Filme bis hin zu Computer- und Videospielen.

40.000 Jackson-Songs pro Stunde

Viele erinnern sich und andere natürlich mit Musik an Jackson: Auf den US-Seiten von Amazon sind die 15 bestverkauften Alben am Freitagmittag deutscher Zeit samt und sonders Jackson-Platten, beim Musikdienst Last.FM verzeichnete man seit der Nachricht von seinem Tod einen rasanten Anstieg der Abrufzahlen - über 40.000 Jackson-Songs pro Stunde hörten sich die Nutzer des Dienstes in aller Welt an.

Die globale Konversation über den Verstorbenen wird auch mit Fotos, Videos, Collagen und Cartoons geführt. Manche zeigen den Star auf der Bühne, andere sind private Bekenntnisse (zahlreiche Flickr-Nutzer posieren seit gestern Nacht beispielsweise mit ihren Michael-Jackson-Platten vor der Kamera, Tausende von Bildern zum Thema sind seit den frühen Morgenstunden hochgeladen worden), wieder andere zollen dem gefallenen Star auf andere Art Tribut (etwa die Teilnehmer des Tanz-Flashmobs, den einige in San Francisco organisierten). Und natürlich gibt es auch böse Witze und Karikaturen über die dunkle Seite des Stars, von Minute zu Minute mehr. Von üblen Scherzen von Trittbrettfahrern einmal abgesehen - eine Zeitlang verbreitete sich etwa die Falschmeldung, nach Farrah Fawcett und Michael Jackson sei nun auch Jeff Goldblum gestorben - sogar ein australischer Fernsehsender fiel auf die fingierte Geschichte herein und sendete die Ente vom vermeintlichen Tod des Schauspielers.

Der Tod eines sehr Berühmten, ein verzweifelter Kampf um die Freiheit, Unterdrückung, Katastrophen, Terrorakte - alles, was so viele Menschen auf diesem Planeten so stark beschäftigt, wird in Zukunft Gegenstand solcher globaler Konversationen sein - Geschmacklosigkeiten, Unsinn, Lügen und Missbrauch zu kommerziellen Zwecken inklusive.

Was Menschen bewegt, bringt das Netz in Bewegung - oder eben, wenigstens vorübergehend, fast zum Stillstand.

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