Touristguy Mythos bleibt Mythos

Eigentlich hätte dies das Ende einer Legende sein müssen: Der Touristguy hat einen Namen, ist geoutet, der Mythos beendet. Oder etwa nicht?

Was "Peter", einem 25-jährigen Ungarn, derzeit gelingt, ist schon bemerkenswert. Einerseits outet er sich, schickte "Wired" und SPIEGEL ONLINE über Bekannte Passfotos, das Original des berühmt-berüchtigten WTC-Fotos, Schnappschüsse aus seiner Zeit in den USA, um seine Identität zu beweisen. Zugleich jedoch scheut er nach wie vor das Licht der Öffentlichkeit. Er habe Angst davor, lächerlich gemacht zu werden, sagte er dem ungarischen Newsdienst "Index". Außerdem bange er um seinen Job.

Den zaghaften Schritt an die Öffentlichkeit wagte Peter nicht selbst, heißt es: Freunde des Ungarn hätten ihn teilweise geoutet, weil ihnen das Brimborium um Jose Roberto Penteado, den selbst ernannten brasilianischen Touristguy, auf den Wecker gefallen sei. Der fischte fleißig nach Aufmerksamkeit, zeitweilig schien es, als würde man ihm bald schon als "Dangerboy" in diversen TV-Werbespots begegnen.

Peters Freunde, heißt es, ließen den Traum platzen: Tatsächlich zog sich Penteado sofort zurück, nachdem die "Beweisfotos" auftauchten.

Nun also ist die Legende des Touristguy ersetzt durch die Legende von Peter, dem öffentlichkeitsscheuen Ungarn.

Wie alles begann

Der, sagt er, habe das Foto damals, nach der WTC-Katstrophe, selbst bearbeitet, das Flugzeug eingefügt. Nur zum Spaß, nicht zur Verbreitung, versichert er. Rund fünfzehn Freunden habe er das Bild gemailt.








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Die fanden das witzig. Am Tag danach, sagt Peter, habe seine Schwester das manipulierte Bild gleich viermal in ihrer E-Mail gefunden. Peter begriff, dass etwas Ungeheures geschah: Binnen 48 Stunden wurde sein Gesicht weltweit bekannt.

Das, schreibt Peter, sei ihm gar nicht lieb. Mit den Medien verkehrt er derzeit nur per E-Mail. Er fürchte um seinen Job, sagt er immer wieder.

Das ist kokett. Von "Wired" gefragt, ob er sich vorstellen könne, in Fernsehspots gegen Zahlung aufzutreten, antwortet er: "Vielleicht. Kann man das anonym halten?"

Man muss sich fragen, was das soll. Peter ist seit fast zwei Monaten ein weltweites "Mediengesicht", er ist der unbekannte Prominente. Das, so scheint es, will er auch bleiben: Seinen Mythos so weit wie möglich erhalten und gleichzeitig den Claim abstecken. Nicht dieser brasilianische Geschäftemacher, er selbst und niemand anders sei der Touristguy. Punkt.

Ja, es ist möglich, dass ihm all das tatsächlich unangenehm ist, obwohl es ja auch schmeichelt. Genauso möglich ist es, dass er sich bald widerstrebend ans Licht der Öffentlichkeit wird zerren lassen. Das könnte sich lohnen: Wenn es Peter gelingt, sein mysteriöses Image ins Realleben zu retten, wird er den Job, um den er angeblich fürchtet, kaum mehr brauchen.

Sollte sein derzeitiges Verhalten eine Strategie sein, dann wäre sie ideal: Eigentlich wurde Peter als "Touristguy" ja nicht berühmt, sondern berüchtigt. "Wer erlaubt sich einen dermaßen makabren Scherz?", war doch die erste Frage. Erst als der Touristguy durch hundertfache Variation zum Mythos wurde, trat die Frage nach seiner wahren Identität in den Vordergrund.

Peter liefert nun die Antwort: Kein zynischer Mensch mit makabren Humor, nein, ein schüchterner junger Mann, dem der ganze Medienrummel unangenehm ist, der nun um ihn gemacht wird. In einer Medienwelt, in der sich Gotthilf Fischer die Hoden wiegen lässt, um seinen Humor zu beweisen und mal wieder im Fernsehen zu sein, ist das hochgradig sympathisch.

Gut möglich also, dass sich Peter in eine Karriere kokettiert. Letztlich ist es egal, wie die Sache ausgeht, ob Peter echt ist oder nicht, es ernst meint oder nicht, am Ende bleibt der Mythos vom Star wider Willen. Und das war ja eigentlich schon so, bevor man wusste, dass der Touristguy angeblich Peter heißt.

Denn das sind doch die letzten Fragen, die noch bleiben, nachdem man nun weiß, wer der Touristguy ist: Wer ist er wirklich? Wo ist er? Und warum tut er das?

Alles beim Alten also. Mythos bleibt - vorerst - Mythos.

Frank Patalong

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